Google erstellt ein Back-up der Hochkultur

Google Cultural Institute
Foto: Google Die Google-Kamera tastet das Kunstwerk Millimeter für Millimeter ab.

Google will die Datenherrschaft auch in Kunst und Kultur – und lässt sich das etwas kosten.

Vor ein paar Jahren rollten Google-Autos mit Kamera am Dach durch die Straßen Europas, um hochauflösende Bilder zu erstellen. Die Aufnahmen, in denen flanierende Fußgänger auf Gehsteigen oder Turteltäubchen in Parks verewigt wurden, sorgten bei Datenschützern in einigen Ländern (darunter Österreich) für Sorgenfalten. Mit dem vorläufigen Ergebnis: Street View, also die 360-Grad-Ansichten aus der Straßenperspektive, ist in Wien im Gegensatz zu anderen europäischen Metropolen nicht verfügbar.

Das ist für Google aber nur ein kleines Hindernis auf dem Weg zum Ziel. Dieses lautet: Es gilt die Welt zu vermessen, zu digitalisieren, und diese Daten zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen. Kurz: Google will die Datenherrschaft.

Dieses Vorhaben schließt die Bereiche Kunst und Kultur ein – Bereiche, in denen sich Google mit seiner Gratis-Mentalität nicht nur Freunde gemacht hat. Nun leistet sich das milliardenschwere US-Unternehmen seit mittlerweile fünf Jahren auch ein "Cultural Institute". Seit drei Jahren befindet sich diese Einrichtung im französischen Google-Hauptquartier in Paris – ein von außen unscheinbares Gebäude, das sich, nachdem man den Security-Check erfolgreich absolviert hat, als prachtvolles Palais aus dem 19. Jahrhundert entpuppt.

Megapixel

An dieser noblen Adresse arbeiten kluge Köpfe aus unterschiedlichen Ländern an diversen Projekten. Entwickelt wurde hier nicht nur das Google Cardboard, eine Halterung aus Karton, welche aus Smartphones eine Virtual-Reality-Brille macht. Sondern auch eine spezielle Kamera, die Bilder in Gigapixel-Qualität abfotografiert.

Millimeter für Millimeter tastet das Gerät die Artefakte ab und macht Hunderte Einzelaufnahmen davon. Was mit 17 Museen vor fünf Jahren begann, ist mittlerweile zu einer beispiellosen Sammlung angewachsen – ein Back-up der Hochkultur. Sechs Millionen Kunstschätze wurden bereits digitalisiert und sind nun online abrufbar. Mehr als 1000 Kulturinstitute aus über 70 Ländern sind Partner von Google. In Österreich sind u. a. Werke aus der Albertina, dem Jüdischen Museum Wien und dem Kunsthistorischen Museum (KHM) vertreten.

Immer mehr Kultureinrichtungen gewähren zudem dem "Street View Trolley" Einlass. Dieses mit einer 360-Grad-Spezialfotokamera ausgestattete Wagerl wird dann durch das Gebäude geschoben, wodurch eine Rundum-Ansicht möglich ist. Ein Spaziergang durch den Prunksaal der Nationalbibliothek oder ein Besuch in der Oper sind um Mitternacht auch von Japan aus kein Problem mehr.

Die von Google angefertigten ultrahoch aufgelösten Bilder werden den Partnern gratis zur Verfügung gestellt. Das ist der Deal. Geld will und kann das Unternehmen damit nicht machen. Denn die Rechte der Bilder bleiben bei den Museen bzw. Besitzern.

Das regelt auch ein Vertrag, der zwischen Google und den Partnern geschlossen wird. Eine Win-Win-Situation? Ja, sagt Nina Auinger-Sutterlüty. Die KHM-Pressesprecherin sieht hinter dem Projekt "Arts & Culture" "keine Gefahr, sondern eine Chance". Es gehe dabei um Öffnung: "Wir wollen unsere Kunstwerke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen." Laut den Zahlen von Google passiert das auch: Im Jahr verzeichnet man 41 Millionen Nutzer aus allen Teilen der Welt, die sich durchschnittlich dreieinhalb Minuten durch die Bilder klicken.

Ausstellung

Einen Museumsbesuch kann und will Google damit aber nicht ersetzen. Vielmehr soll das Interesse für Kunst und Kultur geweckt werden. Und zu entdecken gibt es einiges: Details über Kunstwerke werden optisch anregend in Mini-Ausstellungen aufbereitet. Dabei kann man sich fast unendlich weit in die Bilder hineinzoomen. Je weiter man sich nähert, desto mehr Details kommen zum Vorschein – kleine, aber wesentlich Pinselstriche, mit denen Maler der Nachwelt oft Botschaften und Rätsel hinterlassen haben. Man sieht, was die Maltechnik von Giovanni Segantini so einzigartig macht, entdeckt die durchblinzelnde Leinwand bei Vincent van Goghs "Sternennacht".

Das Besondere am kostenlosen Service sind die Zusatzinformationen, die zu den Kunstwerken gereicht werden. Im Falle von Peter Bruegels "Turmbau zu Babel" lassen sich so Vergleiche zwischen den einzelnen Gemälden der Reihe anstellen. Das im KHM in Wien hängende Bild ist von dem in Rotterdam zu sehenden nur einen Mausklick oder Wischer entfernt. Diese Gegenüberstellung von Bruegels Versionen kann man sich aber auch bald mit dem vertrauten Knarzen des Parkettbodens ansehen: Anlässlich des 450. Todestages von Peter Bruegel widmet das KHM dem niederländischen Maler eine große monografische Ausstellung. Ab Oktober 2018. Bis dahin: Viel Spaß beim Zoomen.

(kurier) Erstellt am
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