Kultur
13.02.2017

Glawoggers letzter Film bei der Berlinale

Weltpremiere von Michael Glawoggers Filmfragment "Untitled" und zweimal Georg Friedrich.

"Alles filmen, was mir begegnet", wollte Michael Glawogger, als er im Dezember 2013 zu einer Weltreise aufbrach, von der er nicht mehr zurück kommen sollte. Im April 2014 starb der österreichische Regisseur tragischerweise 54-jährig an Malaria und hinterließ ein unvollendetes Werk. Zurück blieben, neben seinen schrägen Komödien wie "Nacktschnecken" oder eindrucksstarken Dokus wie "Whore’s Glory", 70 Stunden Rohmaterial von seiner abgebrochenen Reise.

Glawogger hatte bis zu seinem Tod in Italien, Kroatien, Nordwest- und Westafrika gedreht – und seine langjährige Filmeditorin Monika Willi fügte nun seine hinterbliebenen Bilder zu dem charismatischen Filmfragment "Untitled" (Kinostart: 31. März) zusammen. Die Weltpremiere fand in der Sektion "Panorama Dokumente" statt, im März wird "Untitled" das österreichische Filmfest Diagonale eröffnen.

"Der schönste Film, den ich mir vorstellen kann, ist ein Film, der nicht zur Ruhe kommt", hört man die Stimme von Glawogger gleich zu Beginn des Filmes sagen. Die Fundstücke, die er uns hinterlässt, zeigen jene für ihn typische Neugier an einer globalisierten Welt, die ihm noch im größten Elend Schönheit, aber auch Spektakuläres finden ließ. Die Geburt einer kleinen Ziege inmitten einer Mülllandschaft erzählt von Zärtlichkeit dort, wo es trostlos aussieht. Aber auch davon, wie ein Dokumentarfilmemacher versucht sich der Welt anzunähern.

Eine Gruppe einbeiniger afrikanischer Männer mit Krücken spielt Fußball am Strand, in Zeitlupe, und es sieht aus wie ein fantastisches Ballett. Der Kadaver eines Kamels, zerfressen von Maden. Junge Männer, die im Sand ringen. Ausgebombte Häuser auf dem Balkan.

Die Menschen und ihre Behausung – ihre Körper, ihre Wohnungen – scheinen Glawogger zu interessieren, und Monika Willi schneidet zwischen den Schauplätzen hin- und her: Manchmal legt sie Verbindungen nahe zwischen Menschen und Ritualen, manchmal nur Gegensätze. Eine weibliche Stimme aus dem Off (in der deutschen Fassung: Birgit Minichmayr) liest aus Glawoggers Reise- Blogs, erzählt beispielsweise von den Todesmöglichkeiten, die Freiheit mit sich bringen kann. Und von dem Wunsch, zu verschwinden: "Bitte, versteck mich", sagt die Stimme, solange, bis mich keiner mehr sieht.

Sätze, die im Lichte der Ereignisse nach tödlichen Vorausahnungen klingen. Doch gerade seine Bilder sind es, die Michael Glawogger nicht verschwinden lassen, sondern beredtes Zeugnis ablegen von seiner Lebensreise durch die Welt: "Michael, wo immer du dich versteckst", schreibt Monika Willi im Abspann: "Jeder Moment war eine Feier."

Keine Bären

Zurück im Hauptwettbewerb, der bislang noch nicht allzu viel Bärenformat beinhaltete, findet man zum zweiten Mal Georg Friedrich. Gerade hat sich das Berliner Publikum über Josef Haders "Wilde Maus" mit Georg Friedrich abgelacht, taucht der österreichische Schauspieler erneut auf: In dem ersten von drei deutschen Wettbewerbsbeiträgen "Helle Nächte", Thomas Arslans kargem Roadmovie.

Georg Friedrich kann man praktisch blind erkennen, es reicht, wenn man ihn hört: Sein hoch gelegenes, immer etwas angerührt klingendes Wienerisch schmiegt sich an die strammen deutschen Sätze seiner Mitspieler. Aber geredet wird nicht viel.

Friedrich spielt einen Vater, der mit seinem entfremdeten Sohn Luis ("Tschick"-Star Tristan Göbel) einen Roadtrip durch Norwegen macht. Schöne Landschaft, langes Schweigen, unaufgeregtes Kino. "Nein, hier gibt es keine Bären", sagt Friedrich am Telefon zu seiner Ex-Frau.

Er könnte Recht haben.