Kultur
29.06.2017

"Girls’ Night Out": Party mit Ballermann

Scarlett Johansson in unlustigem "Hangover"-Aufguss.

Hat man alles schon gesehen: Junge Frauen, die komasaufen, Koks schnupfen oder sich einen Stripper bestellen. Die sogenannte "Gross-out"-Komödie ist längst nicht mehr den Männern vorbehalten. Von "Brautalarm" über "Dating Queen" bis zu "Bad Moms" hat das weibliche Geschlecht bewiesen, dass es "Hangover"-Qualitäten hat und genauso exzessiv Party machen kann wie die Boys. In dieser Hinsicht hat die Ballermann-Bombe "Girls’ Night Out" wenig anzubieten (außer vielleicht die flotte Sexrunde zu dritt mit einer sinister grinsenden Demi Moore).

Lustig genug fängt es an: Scarlett Johansson und Jillian Bell als beste Freundinnen Jess und Alice sind Meisterinnen elaborierter Trinkspiele. Locker können sie es mit ihren saufenden College-Kollegen aufnehmen.

Zehn Jahre später will Jess allerdings mit ihrer Zeit als Party-Tier nichts mehr zu tun haben. Sie kandidiert als Politikerin und zählt zur Sorte jener Frauen, mit denen die Wähler "kein Bier trinken möchten": verspießt und verstrebert.

Abends zu Hause wartet schon der Kuschel-Verlobte. Sex? Geht sich im Stundenplan von Jess leider nicht aus: "Macht nichts, dann geh’ ich eben unter die Dusche und hol mir einen runter." Kleine, bissige Beobachtungen der modernen Paarbeziehung, die in der Folge grobem Slapstick und hirnrissigen Plot-Pirouetten Platz machen müssen.

Jess will nämlich heiraten, und Alice, die ehemals beste Freundin, organisiert für sie einen Bachelorette-Abend in Miami. Auf Alices Programm steht: saufen, koksen und einen Stripper bestellen. Alles, was Jess will: früh schlafen gehen.

Klar, dass Jess sich nicht durchsetzen kann. Binnen Kurzem rocken sie und ihre Freundinnen entfesselt das Haus. Nach dem Club geht’s im noblen Strandhaus weiter. Dorthin hat Alice den Stripper bestellt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt sind den Drehbuchautoren die Ideen flöten gegangen: Der Stripper kommt und stirbt (versehentlich).

Den Rest des Films müssen die Damen die Leiche entsorgen ("Vorsicht auf dem weißen Teppich!"). Wer sich an "Immer Ärger mit Bernie" erinnert fühlt, liegt völlig richtig.

Windelhose

Die Freundinnen-Gruppe, darunter nicht nur Johansson, sondern auch Zoë Kravitz und so formidable Comedians wie Kate McKinnon, wäre an sich hinreißend. Doch weder Regisseurin Lucia Aniello, noch die Geschichte weiß viel mit ihnen anzufangen. Stattdessen schwankt "Girls’ Night Out" zwischen längst abgetretenen, derben Comedy-Pfaden und süßlichem Buddy-Movie hin und her.

Nicht witzig, sondern aberwitzig reihen sich endlos blöde Regie-Einfälle wie eine lose Sketch-Abfolge aneinander. Am Höhepunkt der Lustigkeit bekommt die Leiche schließlich eine Penis-Maske aufgesetzt und landet in einer Sex-Schaukel.

Und der Verlobte zieht sich eine Windelhose an, damit er ohne Pinkel-Unterbrechung im Auto nach Miami zu seiner Jess rasen kann. Unterstützt von Red Bull.

Besser wird’s nimmer.

INFO: USA 101 Min. Von Lucia Aniello. Mit Scarlett Johansson, Kate McKinnon, Zoë Kravitz.

KURIER-Wertung:

Sterben mit Perücke, zwischen Brokat und Pelz

Eines Tages, nach einer Ausfahrt im Versailler Schlosspark, empfindet der französische König Ludwig XIV. Schmerzen im Bein. Er muss sich hinlegen – und wird bis zu seinem Tod wenige Wochen später seine Gemächer nicht mehr verlassen. Der Sonnenkönig stirbt qualvoll – und es ist die große Kunst von Nouvelle-Vague-Legende Jean-Pierre Léaud, den Verfall Ludwig XIV. nuanciert am eigenen Körper zuzulassen.

Der Katalane Albert Serra inszeniert das große Königssterben als intensives, schattenwerfendes Einraum-Drama im Kerzenschein. Seine Bilder tauchen wie majestätische Gemälde aus dem 18. Jahrhundert auf und sind fantastisch anzusehen.

Basierend auf Recherchen rund um die letzten Tage des Monarchen, changieren dessen verglimmende Lebensmomente zwischen öffentlichem Schauspiel und intimen Verfall. Grotesk umrankt von seiner aufgeplusterten, grauen Perücke, scheint das verknitterte Gesicht des Königs sichtbar zu schrumpfen. Trotzdem liefert sein Körper, eingebettet zwischen Brokat und Pelz, hinreichend Spektakel: Wenn er einen Bissen zu sich nimmt, bricht der Hofstaat in Applaus aus. Nachts windet sich der Monarch in seinen Kissen und will nur Wasser aus kostbaren Gefäßen trinken. An seinem Bettrand diskutieren die Ärzte über die Behandlung des Königs, dessen Beine an Wundbrand verfaulen. Als sie schließlich nur noch den Tod feststellen können, meint Ludwigs Leibarzt lakonisch: "Das nächste Mal machen wir es besser."

INFO: F/ESP/PRT 2016. Von Albert Serra. Mit Jean-Pierre Léaud, Patrick d’Assumçao.

KURIER-Wertung:

Mit Fäusten und Fußtritten gegen die Leidenschaft

"Man ist nicht ernsthaft, wenn man siebzehn ist ...", schrieb Arthur Rimbaud in einem Gedicht, das Regisseur André Techiné zu dem Titel seines mitreißenden Teenager-Porträts inspirierte: "Mit siebzehn" erleben zwei Schüler in einer Kleinstadt am Fuße der Pyrenäen ihre erste große Leidenschaft. Allerdings finden sie lange keinen Rahmen für ihre Gefühle – und zumindest einer der beiden wehrt sich mit Fäusten und Fußtritten.

Techiné hat ein zärtliches Auge für jenen inneren Aufruhr, der ein Teenager-Dasein gleichermaßen großartig und grauenhaft macht. Mit nervöser Kamera folgt er zwei Burschen auf ihren getrennten Wegen zur Schule und in die Klassenräume. Beide – Damien, der Klassenbeste, und Thomas, der solitäre Bergbauernsohn – stehen als Außenseiter da. Eine Position, die sie nicht vereint, im Gegenteil: Unbestimmbare Energie brodelt zwischen ihnen und äußert sich in abrupten Gewaltausbrüchen.

Damiens Mutter ist Ärztin und lädt Thomas dazu ein, bei ihr und ihrem Sohn zu wohnen, um ihm den langen Schulweg vom Bergbauernhof ins Tal zu erleichtern. Die erzwungene Nähe zwischen den beiden Jugendlichen verschiebt die Reibungen an die Schmerzgrenze.

In drei Trimestern erzählt Techiné von den Liebesschwankungen, beginnt in eisiger Schneelandschaft und gleitet in den Sommer hinein. Die Sensation der Emotionen führt die Teenager vor dem Wechsel der Jahreszeiten zurück in die Natur, deren Schönheit von erhabener Gleichgültigkeit bleibt.

"Ich weiß nicht, ob ich auf Männer stehe oder nur auf dich", sagt Damien zu Thomas. Aber es ist gerade diese Einzigartigkeit der Empfindungen, die sie so ernsthaft macht, gerade mit siebzehn.

INFO: Von André Techiné. Mit Kacey Motett Klein, Corentin Fila, Sandrine Kiberlain.

KURIER-Wertung:

Verwundeter Soldat allein im Mädchenpensionat

Clint Eastwood gibt es keinen, dafür Colin Farrell: Er spielt jenen Soldaten, der während des US-Bürgerkrieges in den Südstaaten Unterschlupf in einem Mädchenpensionat erhält. Während in Don Siegels "Betrogen" Clint Eastwood seinen Macho-Fantasien nachhängt, hat Sofia Coppola in ihrem Remake die weibliche Perspektive eingenommen. In ihrem sublim-witzigen, stofflich-sinnlichen Kammerspiel "Die Verführten" umschleichen die Bewohnerinnen einer Mädchenschule begehrlich einen verwundeten Soldaten. Dieser, gespielt vom appetitlichen Colin Farrell, hat bei ihnen Unterschlupf gesucht. Nicole Kidman als katholisch-lüsterne Schulleiterin ist herrlich, wenn sie mit begehrlichen Blicken und einem feuchten Schwamm über den Körper von Colin Farrell wäscht. Sie befindet sich in Konkurrenz mit der Französischlehrerin (Kirsten Dunst) und allen Schülerinnen (darunter Elle Fanning): Sie alle buhlen findig um die Gunst des einzigen Mannes im Haus. Dieser fühlt sich bereits im Liebeshimmel, als sich das Blatt wendet. Paradestück für glänzendes Schauspiel von weiblicher Raffinesse.

INFO: USA 2017. 93 Min. Von Sofia Coppola. Mit Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Colin Farrell.

KURIER-Wertung: