Vincenzo Bellini NORMA Inszenierung Moshe Leiser,Patrice Caurier

© Salzburger Festspiele/Hans Jörg Michel

"Norma"-Premiere
08/17/2013

Giovanni Antonini: "Musik ist die fragilste Kunstform"

Dirigent Giovanni Antonini über Cecilia Bartoli und die kulturelle Krise in Italien.

von Gert Korentschnig

Bei den Salzburger Festspielen wird am Samstag eine Opernproduktion wieder aufgenommen, die bei ihrer Premiere anlässlich der Pfingstfestspiele auf Begeisterung beim Publikum und bei der Kritik stieß: Vincenzo Bellinis „Norma“ mit Cecilia Bartoli in der Titelpartie und Giovanni Antonini am Pult des Originalklangensembles Giardino Armonico.

Bartolis Gestaltung – gegen die Tradition einer Maria Callas, also weniger dramatisch und als Mezzo (während die Adalgisa anders als sonst ein leichter Sopran ist) – wurde ebenso gerühmt wie Antoninis auf Transparenz und Klarheit bedachtes Dirigat. Kann diese neue Sicht auf „Norma“ auch künftige Produktionen beeinflussen?

Einzigartig

„Die Opernwelt ist konservativ. Die meisten Menschen haben die ,Norma‘ von Callas-Aufnahmen im Ohr und gehen in die Oper, um Erwartungen erfüllt zu bekommen. Ich finde es großartig, dass Bartoli den Mut hatte, das so zu machen. Und es ist völlig schlüssig. Aber sie ist einzigartig und nicht nachzuahmen“, sagt Antonini im KURIER-Interview.

Seit 13 Jahren arbeitet der Barockspezialist mit der Sängerin zusammen, seit dem legendären „Vivaldi“-Album, und schwärmt von ihr in höchsten Tönen. „In der Musik gibt es ganz zentral um die Rhetorik, um die Klarheit der Worte, um die Artikulation, um eine Geschichte in einer langen Phrase. Dafür ist Bartoli ein Musterbeispiel.“

Für Antonini ist es „schon Musik, wenn man einen Satz auf verschiedene Arten sagt“. Es gehe auch ums Rezitieren, nicht nur ums Singen. Der Ausdruck sei viel wichtiger als die vordergründige Schönheit.

Szenenfotos aus Salzburg

Handwerk

95 Prozent der Arbeit bestehe aus Handwerk, dazu komme vielleicht fünf Prozent Genialität. Antonini glaubt auch nicht, „dass uns heute die Sänger aus der Barockzeit wirklich gefallen würden. Wahrscheinlich würden wir die Art ihres Vortrags als Kitsch empfinden.“

Für ihn selbst seien neben Nikolaus Harnoncourt und Carlos Kleiber auch der Pianist Arturo Benedetti Michelangeli und der Dirigent Frans Brüggen Idealbilder gewesen – wie Brüggen ist Antonini auch Flötist.

Mittlerweile hat der Leiter des gefeierten Giardino Armonico zahlreiche klassische Orchester dirigiert, vom Concertgebouw bis zu den Berliner Philharmonikern, und zwei Mozart-Opern an der Mailänder Scala („Le Nozze di Figaro“ und „Ascanio in Alba“). Im September verantwortet er sein erstes Programm als künstlerischer Leiter eines auf Vokalmusik spezialisierten Musikfestivals im polnischen Breslau, wo bis zum kommenden Jahr ein neuer Konzertsaal fertiggestellt werden soll. 2016 ist Breslau Europas Kulturhauptstadt. Im Entstehen ist eine Aufnahme-Reihe aller Beethoven-Symphonien mit dem Kammerorchester Basel, im Herbst erscheinen die Siebente und die Achte. Er denkt auch die Einspielung aller (mehr als 100) Haydn-Symphonien – ein Projekt über viele Jahre.

Zur Situation in Italien sagt der gebürtige Mailänder: „Es gibt in Italien mehr eine kulturelle Krise als eine ökonomische. Und Musik ist die fragilste Kunstform. Das beginnt schon damit, dass in der Grundschule nicht mehr Musik unterrichtet wird. Ich liebe Italien über alles, aber was da passiert, ist musikalischer Selbstmord.“

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