Kultur
04.05.2017

"Get Out": Rate, wer zum Essen kommt

Schwarzer Fotograf besucht die Eltern seiner weißen Freundin – und lernt das Fürchten.

Ein verliebtes Pärchen fährt auf Elternbesuch. Die junge Frau will ihren neuen Boyfriend zu Hause vorstellen. Die Taschen sind bereits gepackt und stehen zur Abfahrt bereit. Kurz vor dem Aufbruch dann seine Gretchenfrage: "Wissen deine Eltern, dass ich schwarz bin?"

Nein, wissen sie nicht.

Aber die junge weiße Frau strahlt ihren schwarzen Freund zuversichtlich an und schwört: "Meine Eltern sind keine Rassisten."

Dann ist ja alles gut.

Es kann losgehen.

Tatsächlich zündete "Get Out" nach seiner Premiere in Sundance wie eine Rakete. Das Regiedebüt des schwarzen Comedian Jordan Peele, gerade mal für 4, 5 Millionen Dollar produziert, hält bei mittlerweile 193,8 Millionen Dollar Einspielergebnissen weltweit. Ein sensationeller Erfolg und sehr verdient, denn als smartes Update von "Rat mal, wer zum Essen kommt", kombiniert "Get Out" einen findigen Horror-Plot mit hohem Unheimlichkeitsfaktor und verwebt in dessen Unterfutter scharfsinnige Rassenkritik. Treffsicher bedient sich Peele der Grammatik des Horrorfilms, setzt ominöse Kameraperspektiven zur Spannungssteigerung ein und macht helles Tageslicht zum sinistren Tatort. Als gelernter Komiker kann er noch die gruseligsten Begegnungen mit bizarrer Komik unterfüttern. Und auch mit der Wahl seiner Schauspieler bewies er ein sicheres Händchen.

Der Brite Daniel Kaluuya als talentierter Fotograf und gutmütiger Boyfriend Chris durchmisst souverän das emotionale Terrain zwischen kumpelhafter Komik und substanzieller Fragilität. Allzeit bereit, seiner weißen Umgebung immer nur die besten Absichten zu unterstellen, lässt er auch die untergriffigsten Bemerkungen (zum Beispiel, ob Schwarze die besseren Liebhaber sind) lange an sich abprallen. Doch irgendwann verrät sein freundliches Gesicht die inneren Verletzungen.

An seiner Seite blickt Allison Williams (aus der HBO-Serie "Girls") als seine adrette Freundin Rose verliebt zu ihm auf. Ihre (sexuelle) Hingabe lässt Chris über vieles hinwegsehen ("Ich liebe deinen Rassenrausch"). Allerdings muss auch sie sich immer wieder für ihre Familie genieren.

Obama-Wähler

Ihr Vater, ein Neurochirurg, beteuert fast schon übertrieben seine Liberalität ("Ich hätte Obama ein drittes Mal gewählt"), während sich die Mutter lächelnd im Hintergrund hält. Beim Abendessen macht Rose’ jüngerer Bruder ausfällige Andeutungen. Als dann auch noch eine greisenhafte Gruppe an Gästen zum jährlichen Familientreffen auftaucht und Chris als besonderes Exemplar seiner Spezies bestaunt, hat er langsam die Nase voll.

"Zu viele Weiße machen mich nervös", gesteht er der schwarzen Hausangestellten. Diese sieht ihn mit seltsamem Grinsen an und schüttelt den Kopf. "Nein, nein, nein", sagt sie, während aus ihrem lächelnden Gesicht die Tränen fließen als hätte sich eine Schleuse geöffnet. Das sieht wahrhaftig unheimlich aus. Langsam kapiert Chris: "Get Out". Und zwar schnell.

INFO: USA 2017. 104 Min. Von Jordan Peele. Mit Daniel Kaluuya, Allison Williams, Bradley Whitford.

KURIER-Wertung:

Bedingungsloses Grundeinkommen für alle

Was würden Sie tun, wenn Sie im Lotto gewinnen? Nie mehr arbeiten? Den Rest Ihres Lebens mit der Seele baumeln?

Eine Studie von Lottogewinnern hat ergeben, dass die meisten Menschen auch als Millionäre weiterleben wie bisher. Nur fühlen sie sich dabei sicherer – und glücklicher. Und selbst, wenn sie genug Geld zur Verfügung haben, hören die wenigsten zu arbeiten auf.

Ein gutes Argument für das freie Grundeinkommen für alle: Wenn jeder Mensch seine Existenzgrundlage garantiert wüsste, wäre er glücklicher und die Welt besser. Dieses Argument variiert Christian Tod in seiner leicht verdaulichen Doku von verschiedenen Seiten: Philosophen und Ökonomen bestätigen die sinnvolle Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und verweisen dabei auf US-Experimente in den 70er Jahren.

Dazu kompiliert Tod gefällige Bilder von den "Simpsons", " Raumschiff Enterprise" und Raketen-Starts: Als Doku-Ansatz nichts Neues, aber trotzdem aufschlussreich und vergnüglich.

INFO: A/D 2016. 90 Min. Von Christian Tod. Mit Warren Buffet, Götz Werner, Friedrich Stickler.

KURIER-Wertung:

Gewagte Gradwanderung

Ein Monster kann nicht nur Schrecken verbreiten, sondern auch tiefere Einsichten. Das könnten wir im Kino immer wieder erleben. Die bedrohliche Gestalt verkörpert in solchen Fällen die Traumata und Sehnsüchte jener wider, denen es begegnet. So auch in diesem Film, der auf der Romanvorlage "A Monster Calls" von Patrick Ness basiert.

Es ist die Geschichte des 13-jährigen Conor, den die Sorge um seine krebskranke Mutter in eine fast autistisch anmutende Zurückgezogenheit getrieben hat. Mit seinen Ängsten alleingelassen, flüchtet sich Conor in selbstgezeichnete Phantasiewelten. Seine äußerliche Lethargie wirkt auf die Mitschüler geradezu feindselig, und er wird daher in den Pausen oft verprügelt. Das alles geht so lange schlecht, bis das Monster eingreift. Genau sieben Minuten nach Mitternacht hört Conor, wie mit knorriger Stimme sein Name gerufen wird. Die alte Eibe aus dem Kirchhof schaut mit glühend roten Augen durch sein Zimmerfenster und kündigt drei Geschichten an. Jede Nacht, zur exakt gleichen Zeit. In der vierten Nacht soll Conor seine Geschichte erzählen – eine Geschichte, die er bisher nicht einmal zu denken wagte: Über Kindes- und Mutterliebe, über Krankheit und Tod und über die Kraft des Loslassens. Obwohl der spanische Regisseur Juan Antonio Bayonne gar arg auf die Tränendrüse drückt, entfaltet die Geschichte eine starke Kraft. Nicht zuletzt durch die beeindruckende Animation des Baummonsters und das intensive Spiel der Darsteller.

Der Film ist jedenfalls eine gewagte Gratwanderung: Für ein jugendliches Publikum ist er womöglich emotional zu überfordern, für Erwachsene zu märchenhaft.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: USA 2016. 109 Min. Von J. A. Bayona. Mit Lewis MacDougall, Sigourney Weaver.

KURIER-Wertung: