Gestellte Wirklichkeit: Unsere Bilder aus dem Ersten Weltkrieg

Kopie von 1. WK.
Foto: Österreichische illustrierte Zeitung

Zensur und Inszenierung: Die meisten Kampfbilder aus dem Ersten Weltkrieg waren gestellt.

Die österreichisch-ungarischen Soldaten posieren. Sie halten gegnerische Geschosse, die beim Angriff nicht explodiert sind – fast spielerisch werden sie präsentiert, um die eigene Übermacht zu zeigen. Fotos wie dieses waren im Ersten Weltkrieg keine Seltenheit. "Vor allem ab 1916 wurde die Fotografie als Propagandamittel entdeckt", erklärte der Fotohistoriker Anton Holzer gegenüber der APA.

Ab den Jahren 1916/17 wurden in allen kriegsführenden Staaten Institutionen zur Produktion und Koordination von Kriegspropaganda eingerichtet; in Österreich-Ungarn entstand das k.u.k. Kriegspressequartier.

Bilder aus dem Ersten Weltkrieg

Herstellung von Munition, Enzesfelder Fabrik im Jahr 1917.

  Kriegsbegeisterung: Erschienen in "Österreichische illustrierte Zeitung", 3. Dezember 1916.

  Eisenbahnwaggon: Erschienen in der "Wiener Hausfrau", 18. Oktober 1914, Titelseite Schützengraben in Galizien:
Erschienen in "Österreichische illustrierte Zeitung", 23. Mai 1915.

  Brotverpackung für die deutsche Marine. Kartoffelverkauf in Berlin Granatwerfer an der Isonzofront. Anton Holzer (Hg.): "Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern"
Primus Verlag 2013, 144 Seiten, 30, 80 Euro, Buchpräsentation am 26. November, 19.00 Uhr, Lesesaal der Wienbibliothek

"Sammlung, Zensur und Verteilung" beschreibt Holzer die Aufgaben dieser Organisationen. Denn es gab klare Regeln, was abgelichtet werden durfte und was nicht. "Große Geschütze, militärische Stützpunkte oder Flugzeuge waren tabu", schildert der Fotohistoriker, der für seine Publikation Tausende Kriegsfotografien gesichtet hat. Auch Fotos von den eigenen Toten gibt es so gut wie gar nicht, dafür viele Aufnahmen aus dem Hinterland und der einheimischen Zivilbevölkerung.

Mit Zeichnungen näher an die Wirklichkeit

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war die Fotografie durchaus verbreitet. "Aber erst im Kriegsverlauf gewann sie ihre öffentliche Funktion und Bedeutung", schilderte Holzer. In den Anfangsjahren des Krieges verließen sich die illustrierten Wochenzeitungen vor allem noch auf Zeichnungen und Graphiken. "Man glaubte, damit näher an die Wirklichkeit heranzukommen." Auch der österreichische Kaiser Karl I. nutzte die Wirkung der Fotopropaganda exzessiv: Beinahe rund um die Uhr wurde er von einem Presseteam begleitet. Die Fotos erschienen schon wenige Tage später in den Illustrierten.

Fotografen, Kameraleute – oft in Personalunion – und Journalisten sahen die Front zu Beginn des Krieges kaum. Ihre Berichte fertigten sie weit hinter den Linien nach den Erklärungen der Heerführung an. "Das Militär hoffte, die Informationen auf diese Art besser kontrollieren zu können", erklärte der Fotohistoriker. Erst nach und nach setzte sich die Fotografie durch, immer mehr Fotografen befanden sich nun mitten im Geschehen, bis die Fotografie schließlich zum dominanten Medium wurde.

Bilder als Propaganda

Denn die militärische Führung hatte erkannt, wie gut sich Bilder als Propaganda eigneten. "Die meisten Kampfbilder aus dem Ersten Weltkrieg sind gestellt. Es sind aber genau diese Szenen, die wir als typische Kriegsbilder bis heute in den Köpfen haben", erklärte der Fotohistoriker. Die Fotografen nahmen diese Bilder meist bei Übungen im Hinterland auf. Schnappschüsse von Kämpfen gibt es jedoch kaum, die offiziellen Fotografen arbeiteten zudem hauptsächlich mit Stativen. Fotografiert wurden gerne siegreiche Szenen, die eigenen technischen Errungenschaften wie etwa Brücken oder Kriegsgefangene in Lumpen, um die Unzivilisiertheit des Gegners darzustellen.

Manche gestellte Kriegsszenen entstanden erst in der Nachkriegszeit: "Was heute als authentisch gilt, ist oftmals in den 1920er Jahren für Spielfilme entstanden", erzählte Holzer. Erst in den letzten Jahren steige dass Bewusstsein, dass es "die authentischen Kriegsbilder" gar nicht gebe.

Kriegsfotograf als privilegierte Position

"Der Beruf des offiziellen Kriegsfotografen war eine privilegierte Position, eine Art Überlebensgarantie", meinte Holzer, der sich auch mit ausgewählten Fotografen-Biografien auseinandergesetzt hat. Weltkriegsfotos stammen allerdings nicht nur von professionellen Fotografen: Auch viele private Amateure zogen mit der eigenen Kamera ins Feld. "Es gab eigene kleine Apparate, die als kriegstauglich angepriesen wurden", so Holzer. Auch die leichten Rollfilme waren bereits erfunden. Während sich die Profis mit schweren Glas-Negativplatten quälten, entstanden unzählige private Fotografien.

Primus Verlag Foto: Primus Verlag Holzers Forschungen, die er auch in seine jüngste Publikation "Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern" verpackt hat, profitieren vor allem von den großen Fotobeständen, die sich in Wien erhalten haben. Während die deutschen Bestände während des Zweiten Weltkriegs durch Luftangriffe zerstört wurden, lagert der österreichisch-ungarische Fotobestand von rund 30.000 erhaltenen Negativen im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. "Zum Teil sind sogar die originalen Beschriftungen erhalten, die auf den propagandistischen Verwendungszweck hinweisen", erzählte der Fotohistoriker.

INFO: Anton Holzer (Hg.): "Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern", Primus Verlag 2013, 144 Seiten, 30,80 Euro. Buchpräsentation am 26. November, 19.00 Uhr, Lesesaal der Wienbibliothek, Rathaus, 1010 Wien.

Leben im Krieg

Abseits des Schützengrabens

Der Erste Weltkrieg wurde nicht nur an der Front geführt.

Zum ersten Mal in der Geschichte wurde die Zivilbevölkerung total in den Krieg einbezogen und mobilisiert. So sollte sie nicht nur Waffen produzieren, sondern die Truppen auch moralisch unterstützen. Doch Tod, Hunger und Entbehrung trübten die Stimmung. Wir haben einige Eindrücke aus den Jahren 1914 - 1918 für Sie gesammelt.

Frauen bei Pflasterungsarbeiten am Wiener Gürtel. Im Hintergrund sieht man den Straßenbahntriebwagen der Linie 8. Apropos "Bim": Im Ersten Weltkrieg gab es erstmals Straßenbahnerinnen. Frauen ersetzten die eingerückten Männer. Bei Zeitgenossen erntete die Frau am Tramway-Steuer allerdings so manchen Spott. Eine Brieftragerin beim Ausheben eines Postkasten auf der Linken Wienzeile. 14. Bezirk, Wien. Kinder vor einer Kriegsküche. Am Wiener Naschmarkt: Städtischer Erdäpfelverkauf während des Krieges. 15. Bezirk, Wien: Die Ankerbrot-Filiale auf der Mariahilfer Straße mit Schlange stehenden Käufern. Kaiser Karl I. und Zita besuchen eine Kriegsküche. Die Lebensmittelknappheit führt zu Hamsterkäufen. Vor allem Getreide ist ein rares Gut; Brot wird deshalb aus Kartoffeln gemacht. Vor dem Laden des Fleischhauers Jacob Neumayr. Medizinalbäder im Rot-Kreuz-Spital in Villach, 1916. Deutsche Frauen nähen die Uniformen für die Truppen Kaiser Wilhelms II. Eine mobile Waschanstalt in Petrikau (Polen): Die Mannschaftswinterwäsche wird gegen Entgelt durch die Ortsbewohner gewaschen. An der Ostfront: Das Rote Kreuz betreibt eine Küche am ukrainischen Bahnhof Stryj. Zur Kommunikation wurden frühe Drucktelegrafen ("Hughes-Telegraf") verwendet. Die Erfindung stammt aus dem 19. Jahrhundert, aber es kam bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nichts Praktischeres nach. Straßenszene in Mitrovica, Serbien. Italien 1916: Die Evakuierung von Bondo. Heute führt der „Sentiero della Pace“, der Friedensweg, durch den Ort. Er verläuft entlang der Frontlinie des Ersten Weltkrieges durch das Grenzgebiet des Trentinos. Kinder in Tolmezzo, Friaul-Julisch Venetien. Bis 1918 gehörte Julisch Venetien zu Österreich-Ungarn und wurde als "Österreichisches Küstenland" bezeichnet. 1919 regelte der Vertrag von Saint-Germain die Zugehörigkeit der Region zu Italien. Der Saal einer Seidenspinnerei in Venetien. In Venetien wurde letztlich auch der Waffenstillstand von Villa Giusti unterfertigt, der nach einer verheerenden Niederlage Österreich-Ungarns die Kämpfe an der Italienfront beendete. (Bild: Venezianische Wäscherinnen) Frankreich 1916: Ein älteres Ehepaar in den Trümmern ihres von deutschen Truppen zerstörten Hauses. Belgische Schulkinder freuen sich über einen Ausflug an den Strand, betreut durch das  amerikanische Rote Kreuz (ca. 1917/18) Der Erste Weltkrieg gilt als der erste "Foto-Krieg". Erstmals in der Geschichte spielte das Medium Fotografie eine Rolle bei der Mobilisierung der Bevölkerung. Verantwortlich für die propagandistische Verwertung war das k.u.k. Kriegspressequartier. Umso erstaunlicher, dass sich in seinem Fundus auch Porträt-Serien finden. In der Österreichischen Nationalbibliothek findet sich heute u.a. diese Serie aus der westukrainischen Stadt Wladimir Wolinsky. Sie entstand 1917/18 und enthält ausschließlich Porträtaufnahmen der Zivilbevölkerung. (Bild: Russischer wolhynischer Bauer) Kriegsfotografen schufen in den Jahren 1914-1918 eine ungeheure Menge an Bildmaterial: Die Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek umfasst 33.000 Fotografien. Einige davon werden Sie im Laufe des Gedenkjahres auf KURIER.at sehen. (Bild: Ukrainisches Mädchen in nationaler Tracht)
(APA / kob) Erstellt am
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