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Kultur Geschichten mit Geschichte
05/05/2019

Wenn die Windsors Kinder kriegen

Nachwuchs bei den Royals: Die heutigen Prinzessinnen und Prinzen wachsen ganz anders auf als ihre Ahnen.

von Georg Markus

Nennen wir sie Elizabeth oder Anne und ihn Edward oder Charles, je nachdem. Eines steht fest: Der stündlich erwartete royale Nachwuchs wird ein vergleichsweise komfortables Leben führen. Auf Platz sieben der Thronfolge, ist die Wahrscheinlichkeit, jemals die Last der Krone tragen zu müssen, sehr gering.

Die Zeiten sind vorbei

Er/Sie wird einmal eine Eliteuni besuchen und dann wenig spektakuläre Aufgaben wie die Eröffnung von Kindergärten übernehmen. Fest steht aber auch, dass das Kind garantiert nicht mit jener Härte und übertriebenen Disziplin großgezogen wird, wie das bei früheren Generationen im britischen und in anderen Königshäusern der Fall war. Die Zeiten sind gottlob vorbei.

König Georg V., der Großvater der heutigen Queen, hat den Drill, wie er damals in Herrscherhäusern üblich war, auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Mein Vater (Edward VII.) hatte Angst vor seiner Mutter (Victoria), ich hatte Angst vor meinem Vater, und ich werde verdammt noch mal dafür sorgen, dass meine Kinder Angst vor mir haben.“ Das ist ihm so gründlich gelungen, dass sein Sohn Georg VI. ein Leben lang gestottert hat.

Knickse am Abend

Georg V. hat die Stellung des regierenden Monarchen auch seine Enkelinnen spüren lassen: Die heutige Queen und ihre jüngere Schwester Margaret mussten sich am Abend rückwärts schreitend unter ständigen Hofknicksen von ihrem Großvater mit den Worten verabschieden: „Wir wünschen Eurer Majestät eine friedliche Nachtruhe.“

Dabei dachte, als Elizabeth 1926 zur Welt kam, kaum jemand daran, dass sie je Königin würde. Erst der überraschende Rücktritt ihres Onkels Edward VIII., der notwendig war, um die geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten zu können, katapultierte Elizabeth im Alter von zehn Jahren auf Rang zwei der Thronfolge. Bis dahin hatte man fest damit gerechnet, dass Edward lange König sein und viele – möglichst männliche – Kinder zeugen würde, die ihm nachfolgen sollten.

Großmama schreitet ein

Nun aber wandte man bei Elizabeth jene Erziehungsmethoden an, wie sie künftigen Regenten zugemutet wurden. Sie durfte keine Schule besuchen und wurde von Gouvernanten und Hauslehrern aufgezogen, die auf Bildung weit weniger Wert legten als auf Disziplin und Etikette. Die ersten Jahre ihrer Ausbildung waren unerheblich, Elizabeth hat kaum etwas gelernt. Es war ihre Großmutter, Queen Mary, die gegen diese alte Praxis protestierte und auf die Erziehung Elizabeths und Margarets Einfluss nahm. Sie gab ihnen Bücher, schickte sie zu Vorträgen und in Museen.

Ab ihrem 13. Lebensjahr erhielt Elizabeth dann Geschichtsunterricht, sie nahm Deutschstunden (die bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eingestellt wurden) und lernte Französisch. Dazu kamen Tanzen, Reiten, Rechnen, Religion, Literatur.

Die Queen ist eine durchschnittlich gebildete Frau, deren Fähigkeiten und Talente kaum gefördert wurden. Dennoch ist nicht auszudenken, wie unwissend sie wäre, hätte ihre Großmutter nicht rechtzeitig eingegriffen.

Elizabeth und Margaret verlebten die Zeit als Königskinder im Buckingham Palace wie Gefangene, fast ohne Kontakt zur Außenwelt. Als einzige „Höhepunkte“ werden in ihren Biografien eine Fahrt mit der Londoner U-Bahn im Jahr 1939 und ihr sechswöchiger Arbeitsdienst erwähnt.

Das erste große Abenteuer hatte Elizabeth 1945, als sie die Führerscheinprüfung ablegte. „Das war für mich die einzige Gelegenheit, bei der ich meine Fähigkeiten mit Gleichaltrigen messen konnte“, gestand die Queen Jahrzehnte später.

Einsame Kindheit

Weit schlimmer war rund ein Jahrhundert davor die Kindheit der späteren Queen Victoria, die einsam, ohne Spielkameraden aufwuchs und ebenfalls nur mangelhaft unterrichtet wurde.

Englands Königshaus steht mit seinen drastischen Erziehungsmethoden nicht allein da, bei den Habsburgern war’s noch ärger. Einem autoritären General oblag die Ausbildung des Kronprinzen Rudolf, dem durch „Abhärtungsmaßnahmen“ bleibende psychische Schäden zugefügt wurden: Man schreckte den Dreijährigen nachts durch Pistolenschüsse und Kaltwassergüsse aus dem Schlaf und sperrte ihn allein hinter die Mauern des Lainzer Tiergartens. All das sollte dem künftigen Kaiser „Lebensertüchtigung“ verschaffen.

Erst als Kaiserin Elisabeth ihren Mann wegen dieser Maßnahmen zu verlassen drohte, war Kaiser Franz Joseph – der unter ähnlichen Umständen groß geworden war – bereit, Rudolf einem liberaleren Erzieher anzuvertrauen. Aber da war die Seele des Kindes schon zerstört und der Weg zur Tragödie von Mayerling geebnet.

Volksverbunden

Die Zeiten haben sich auch in regierenden Häusern geändert. Es war Juliana der Niederlande, die punkto königlicher Erziehung Pionierarbeit leistete. Sie war in den 1940er-Jahren die erste Monarchin, deren Thronfolgerin eine öffentliche Schule besuchen und somit Kontakt mit der Bevölkerung haben durfte. Ihre 2013 als Königin zurückgetretene Tochter Beatrix blieb volksverbunden und hat ihre Kinder ebenso erzogen.

Dem Beispiel der Niederlande folgend, wurde auch Prinz Charles auf seine Aufgabe als König (so er das je werden sollte) vorbereitet. Er durfte als erster Thronfolger private Schulen besuchen und absolvierte sein Geschichtsstudium in Cambridge. Auch Charles’ und Dianas Söhne gingen in Privatschulen.

Für Elizabeth, Anne, Edward, Charles oder wie auch immer der neueste Windsor-Nachwuchs heißen wird, besteht somit berechtigte Hoffnung, wie ein einigermaßen normaler Mensch groß werden zu dürfen.