Verbotene Briefe aus dem Konklave

Papst Clemens XII. (1730-1740)
Foto: ullstein bild via Getty Images/ullstein bild Dtl./Getty Images Papst Clemens XII.

Serie Teil 5. Geheime Informationen eines österreichischen Kardinals von einer Papstwahl.

Geheimer geht’s nicht. Kein Sterbenswörtchen darf aus dem Konklave dringen, die zur Papstwahl zugelassenen Kardinäle werden im Vatikan eingesperrt, zum Schweigen verurteilt und so lange von der Außenwelt abgeschottet, bis sie sich auf den künftigen Heiligen Vater geeinigt haben. In dieser Zeit dürfen sie in keinem Fall mit der Außenwelt in Verbindung treten. Jeder Kardinal muss am Beginn des Konklaves einen Eid ablegen, der ihn zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtet.

Intrigen im Konklave

Im Normalfall halten sich die Kirchenväter an dieses Kommunikationsverbot, das jede externe Einflussnahme verhindern soll. Ganz im Gegensatz zum österreichischen Kardinal Philipp von Sinzendorf, der seinem Vater aus dem Konklave des Jahres 1730 eine Reihe von Briefen schrieb, die einzigartige Fundstücke darstellen, da sie die unglaublichsten Intrigen und Feindseligkeiten während einer Papst-wahl dokumentieren.Sinzendorf war der Sohn des Hofkanzlers des Kaisers Karl VI. in Wien. Wenn der Kardinal also seinem Vater Wenzel von Sinzendorf als engstem Berater des Kaisers aus dem Konklave vertrauliche Informationen zukommen ließ, dann hatte das einen hochpolitischen Hintergrund. Wie für jeden Monarchen war für Karl VI. – er war der Vater der Maria Theresia – von enormem Interesse, wer der nächste Pontifex werden würde.

129-tägige Papstwahl

"Monsieur", beginnt ein von Sinzendorf am 20. Juni 1730 in Rom verfasstes Schreiben an seinen Vater. "Mit beiliegendem Bericht erfahren Sie vom verworrenen Zustand des Konklaves, der uns während all dieser Tage in großer Aufregung gehalten hat. Die Angst hat uns immer noch nicht verlassen, indes es allem Anschein nach immer 20 Gegenstimmen geben wird."Das Konklave war nach dem Tod Papst Benedikts XIII. am 21. Februar 1730 eröffnet worden und sollte selbst für römische Verhältnisse sehr lange, nämlich 129 Tage, dauern. In den Briefen des Kardinals Sinzendorf wird immer wieder ein uns vertrauter Kardinalsname genannt: "Kardinal Schönborn hat uns mit seinen Ausführungen heftig alarmiert; er ist gereizt über das geringe Vertrauen, das ihm der Minister entgegenbringt. Währenddessen man die Franzosen unablässig unter sich verhandeln sieht, sitzt Schönborn in einer Zelle, in der er extrem unter der Hitze leidet."

Der liberale Kardinal Sinzendorf informiert seinen Vater aus dem Vatikan auch darüber, dass "die Verbissenheit, die Wut und der Hass, die in diesem Konklave herrschen, alle Vorstellungen übersteigen. Es scheint, als ob die Hostienschlucker in diesem Klima der Leidenschaften noch erstarken würden."Die Beratungen sind zum Teil von unvorstellbar aggressiver Atmosphäre geprägt, Sinzendorf verwendet in seinen Briefen mehrfach Worte wie "Betrug" "Täuschung", Machenschaften", "blinder Zorn", "Schmach" und "Todfeinde". Von neun Kardinälen heißt es, "dass sie auf keinen Fall Papst werden dürfen", und Franzosen wie Italiener sind daran interessiert, "einen für den (österreichischen) Kaiser ungünstigen Papst zu kreieren". Bestimmte Kardinäle werden von den "Parteien" nur deshalb gewählt, um andere zu verhindern.

Kardinal Schönborn

kurier… Foto: /Österreichisches Staatsarchiv Seinem Brief vom 23. Juni 1730 legt der Fürstbischof und brave Sohn des Hofkanzlers eine Liste der an diesem Tag zur Wahl stehenden Kardinäle bei – inklusive genauer Aufstellung, wer wie viele Stimmen bei den beiden Wahlgängen am Morgen und am Abend erhalten hat. Während Kardinal Schönborn je eine Stimme bekam, wurde Lorenzo Corsini, der spätere Papst, noch nicht unter die "papabili" gereiht.Lorenzo Corsini, Kardinal des Bistums Frascati bei Rom, wurde drei Wochen später, am 12. Juli 1730, zum Stellvertreter Christi gewählt und ging als Clemens XII. in die Geschichte ein. Das neue Kirchenoberhaupt entstammte einer reichen florentinischen Adelsfamilie und war, wie damals gang und gäbe, weder Kleriker noch Theologe, sondern hatte sich für 30.000 Scudi den Rang eines Prälaten erkauft, ehe er Bischof, Kardinal und schließlich Papst wurde."Der neue Papst ist mir sehr gewogen, denn ich habe im Konklave alle Abende mit ihm zugebracht", schreibt Kardinal Sinzendorf am 17. Juli 1730, immer noch aus Rom, an seinen Vater. "Gott gebe, dass es nicht erforderlich sein wird, bald ins Konklave zurückzukehren, was das hohe Alter des (78-jährigen, Anm.) Papstes befürchten lässt."

Sohn und Diener

Der neue Pontifex erblindete kurz nach seinem Amtsantritt und blieb zehn Jahre im Amt. Der "verräterische" Kardinal Sinzendorf war bis zu seinem Tod 1747 Bischof von Breslau. Er war für seine Toleranz bekannt. Seine aus dem Vatikan geschmuggelten Briefe enden, wie Briefe damals – auch wenn sie an den eigenen Vater gerichtet waren – zu enden hatten: "Alleruntertänigst verbleibe ich Eurer Exzellenz gehorsamster Sohn und Diener. Der Kardinal."

Das neue Buch von Georg Markus

Der KURIER bringt Auszüge aus dem eben erschienenen Buch von Georg Markus, „Fundstücke“, in dem er historische Geschichten erzählt, die sich aus ihm zugespielten Tagebüchern, Briefen und Dokumenten ergeben. Darunter: „Das Tagebuch des letzten Adjutanten Kaiser Franz Josephs“, „Beethovens einzige Geliebte“, „Frau Alma hatt’ auch einen Pfarrer“, „Der Anfang vom Ende der Donaumonarchie“, „Die geheime Liebe der Anna Sacher“, „Malerfürst und Tochter der Sünde“, „Die Geschichte vor Mayerling“ u. v. a.

Georg Markus: „Fundstücke. Meine Entdeckungsreisen in die Geschichte“, Amalthea Verlag, 280 Seiten, viele Fotos und Dokumente, € 25,- Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?