Tagebücher, Briefe, Dokumente

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Franz Joseph I., Kaise…
Foto: /ÖNB/Scolik Franz Joseph I., Kaiser von Österreich, um 1915

Serie Teil 6. Am "Tag der offenen Tür" erzählte Georg Markus von den Recherchen zu seinen KURIER-Kolumnen und Büchern.

Es erstaunt mich selbst, dass immer wieder historische Dokumente auftauchen, die bisher unbekannt waren und einen neuen Blickwinkel auf die Geschichtsschreibung zulassen. Am gestrigen "Tag der offenen Tür" erzählte ich den vielen KURIER-Lesern, die gekommen waren, von den Recherchen zu meinen Kolumnen und wie ich an die "Fundstücke" gelangte, über die diese Woche eine Serie im KURIER läuft.

Es sind viele Tagebücher, Briefe, Testamente und andere Dokumente, die mir in all den Jahren, seit ich über historische Themen schreibe, zugespielt wurden. Meine Leserinnen und Informanten sitzen in Archiven, Bibliotheken, in ehemals kaiserlichen Schlössern, Universitätsinstituten, Museen oder besitzen private Familiennachlässe. Und wenn etwas Interessantes auftaucht, rufen sie mich an oder schreiben mir.

Der letzte Adjutant

Wie etwa Georg Walterskirchen, der mir ein Tagebuch von wahrhaft historischer Dimension zur Verfügung stellte: es enthält die Aufzeichnungen seines Großvaters Adalbert von Spanyi, der Kaiser Franz Josephs letzter Adjutant war und diesem zuletzt näherstand als irgendjemand anderer. Es ist ein berührender Bericht, in dem das letzte Lebensjahr des alten Kaisers geschildert wird. "Er ist ungemein rüstig", beschreibt er den 85-jährigen Monarchen, "der Dienst würde selbst einen viel Jüngeren anstrengen, umso mehr als es für ihn keinen freien Tag gibt". Dabei werden Franz Joseph während des Ersten Weltkriegs immer wieder Nachrichten von der Front überbracht, die ihn zutiefst deprimieren.

Am 29. Juni 1916 fühlt der Kaiser sein nahendes Ende. An diesem Tag ändert er sein Testament – und zwar zugunsten des Mannes seiner Enkelin Elisabeth (später "die rote Erzherzogin" genannt), in deren Ehe es gerade kriselt. Vier Monate später zeigt sich der Adjutant in seinem Tagebuch ernsthaft besorgt: "Seine Majestät befindet sich nicht gut, klagt über Schlaflosigkeit – Appetit auch nicht gut, kein Wunder – es ist Überanstrengung." Adalbert Spanyi beschreibt, wie sehr die engsten Angehörigen bis zuletzt hofften, dass Franz Joseph – und mit ihm die Monarchie – weiterleben würden, bis er am 21. November 1916 resignierend notiert: "Um 8 Uhr Abend sagen die Ärzte, dass keine Rettung mehr möglich." Eine Stunde später ist Kaiser Franz Joseph tot.

Noch ein Tagebuch

Ein anderes "Fundstück" ist das mir zugespielte Tagebuch des Grafen Thomas Erdödy, der mehrere Monate zwischen Österreich und der neutralen Schweiz pendelte, um im Auftrag Kaiser Karls mitzuhelfen, den Ersten Weltkrieg zu beenden und damit die Monarchie zu retten. Beides ist, wie wir wissen, nicht gelungen, aber die Versuche mittels gefälschter Dokumente und Identitäten lesen sich wie ein – streckenweise skurriler – Spionagekrimi. Das Tagebuch wurde mir von Erdödys Nachfahren Klaus und Heinz Lukesch zur Verfügung gestellt.

Alma Mahler-Werfel Foto: IMAGNO/ÖNB Zu den "Fundstücken", über die ich am gestrigen "Tag der offenen Tür" berichtete, zählen auch die Unterlagen zu mehreren Lovestorys. Erstaunlich die Geschichte vom einzig nicht berühmten Liebhaber – neben so vielen berühmten – der Alma Mahler-Werfel. Er war ein katholischer Ordenspriester namens Johannes Hollnsteiner, der es in der Ersten Republik fast zum Kardinal gebracht hätte, sich aber von der großen Muse betören ließ, mit der er eine "Absteige" in Wiens Innenstadt hatte. Später trat er aus seinem Orden aus und heiratete eine Opernsängerin.Ebenfalls um Liebe geht es bei Richard Wagner. Ein mir von einem Autografensammler ausgehändigter schriftlicher Heiratsantrag des Komponisten zeigt auf, dass dieser 1864 – während ihm in Wien wegen zahlreicher Wechselschulden ein Haftbefehl drohte – in ein "Vierecksverhältnis" verstrickt war: Wagner war, während er um die Hand einer jungen Frau anhielt, in erster Ehe aufrecht verheiratet und mit seiner späteren zweiten Frau Cosima bereits liiert.

Hans-Moser-Film

"Fundstücke" aus jüngeren Tagen sind ein verloren geglaubter Hans-Moser-Film, der nach Jahrzehnten auf einem Pariser Flohmarkt auftauchte, ein vermisstes Theaterstück Ödön von Horváths und ein Brief Helmut Qualtingers, dem zu entnehmen ist, dass er unmittelbar nach Kriegsende eine Villa in Wien-Währing konfiszierte. Gleichzeitig versuchte der angehende Schauspieler eine Wiener Bühne zu beschlagnahmen – worauf er für drei Monate in Haft genommen wurde. "Er hat furchtbar darunter gelitten, sein Aufenthalt im Gefängnis war die schlimmste Zeit seines Lebens", vertraute mir Qualtingers Witwe Vera Borek an.

Die letzten Fundstücke

"Fundstücke" wie die oben beschriebenen wird es wohl nie wieder geben. Denn kaum ein viel beschäftigter Künstler, Staatsmann oder Zeitzeuge wird in unserer schnelllebigen Zeit die Muße finden, ein Tagebuch zu führen. Und Briefe schreibt sowieso niemand mehr. eMails jedoch werden bei der erstbesten Gelegenheit gelöscht und gehen damit für die Nachwelt verloren. Die letzten "Fundstücke" also.

Das neue Buch von Georg Markus

Der KURIER bringt Auszüge aus dem eben erschienenen Buch von Georg Markus, „Fundstücke“, in dem er historische Geschichten erzählt, die sich aus ihm zugespielten Tagebüchern, Briefen und Dokumenten ergeben. Darunter: „Das Tagebuch des letzten Adjutanten Kaiser Franz Josephs“, „Beethovens einzige Geliebte“, „Frau Alma hatt’ auch einen Pfarrer“, „Der Anfang vom Ende der Donaumonarchie“, „Die geheime Liebe der Anna Sacher“, „Malerfürst und Tochter der Sünde“, „Die Geschichte vor Mayerling“ u. v. a.

Georg Markus: „Fundstücke. Meine Entdeckungsreisen in die Geschichte“, Amalthea Verlag, 280 Seiten, viele Fotos und Dokumente, € 25,- Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at

(kurier) Erstellt am
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