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Kultur Geschichten mit Geschichte
06/10/2019

Im Schatten der Kaiserin: Frauen auf wichtigen politischen Posten

Brigitte Bierlein, die erste Kanzlerin, und andere Frauen auf wichtigen Posten in der österreichischen Politik

von Georg Markus

Da stand sie also, die zierliche Brigitte Bierlein im Schatten der mächtigen Maria Theresia, um vom Bundespräsidenten angelobt zu werden. Die erste Bundeskanzlerin vor dem Gemälde der ersten – und einzigen – Regentin des Landes. So unterschiedlich ihre Positionen sind, so sehr vereint sie die Ausgangslage: Beide kamen als Notlösung in ihre Funktionen – Maria Theresia, weil es im Haus Habsburg keinen männlichen Nachkommen gab, Brigitte Bierlein, weil ein Mann keine Mehrheit mehr im Parlament fand.

Schweres Erbe

Als sie 1740 im Alter von 23 Jahren den Thron bestieg, übernahm Maria Theresia ein schweres Erbe. Ihr Vater, Kaiser Karl VI., hatte es verabsäumt, sie in ihre Regierungsgeschäfte einzuweihen. „In diesen Umständen“, hinterließ sie in einer Denkschrift, „fand ich mich ohne Geld, ohne Kredit, ohne Armee, ohne Wissenschaft und auch ohne allen Rat“. Was ihr fehlte, war auch ein funktionierendes Beamtenheer, auf das sie sich hätte stützen können.

Nicht genug damit, fiel Preußens König Friedrich II. nur acht Wochen nach ihrer Machtübernahme mit seinen Truppen über das österreichische Schlesien her. Weitere Kriege folgten, ehe endlich die Zeit für die Kaiserin kam, ihre historische Reformtätigkeit einzuleiten.

Das heißt, Kaiserin war sie gar nicht, auch wenn sie in vielen Geschichtsbüchern so bezeichnet wird. Sie war die Frau des Römisch-Deutschen Kaisers Franz Stephan von Lothringen; der Titel Majestät stand ihr nur zu, weil sie Königin von Ungarn war. In Österreich führte Maria Theresia den relativ bescheidenen Rang einer Erzherzogin, aber das spielte weiters keine Rolle, weil sie selbst dann, wenn die Leute sie volkstümlich „Resi“ nannten, über eine natürliche Autorität verfügte.

Frau auf dem Thron

Dass sie als Frau den Thron besteigen konnte, verdankte Maria Theresia der „Pragmatischen Sanktion“, mit der ihr Vater dafür gesorgt hatte, dass die Erbfolge auf weibliche Mitglieder des Hauses Habsburg übergehen konnte. Maria Theresia war die ältere von zwei Schwestern, ihr Bruder Leopold war als Kleinkind verstorben.

Was als Notlösung begonnen hatte, wurde zu einer der bedeutendsten Regentschaften in der österreichischen Geschichte. Zu Maria Theresias Verdiensten zählen die für ganz Europa richtungweisende Einführung der Schulpflicht, die Verwaltungs-, Heeres-, Justizreform und eine neue Armenfürsorge, sie förderte Industrie und Handel, baute neue Verkehrswege. Maria Theresia trat auch für eine Angleichung der Stände ein: „Ein Fürst besitzt keine andere Berechtigung als jeder Privatmann“, sagte sie zu ihrem Staatskanzler Kaunitz, der selbst Fürst war.

Ärztliche Versorgung

Dabei lenkte sie ihr Reich in ähnlicher Weise wie ihre Familie, und beide waren von beachtlicher Größe. Hatte sie in ganz Österreich 19 Millionen Untertanen, so waren es zu Hause 16 Töchter und Söhne, die großteils im Sinne der Dynastie – und gegen ihren Willen – verheiratet wurden, während fünf im Kindesalter starben. Die ständige Konfrontation mit dem Tod – auch ihre Schwester wurde nur 26 Jahre alt – war Anlass für eine weitere richtungweisende Reform: Maria Theresia erkannte, dass die ärztliche Versorgung in ihrem Reich darniederlag und holte den renommierten holländischen Arzt Gerard van Swieten als ihren Leibarzt und obersten Medizinalverwalter der Monarchie nach Wien. Van Swieten war klar, dass Österreichs Heilkunde im Mittelalter stecken geblieben war. Er begann alle Sparten der Medizin zu reorganisieren und schuf damit die weltberühmte Wiener Medizinische Schule.

Maria Theresia und Franz Stephan führten eine der wenigen glücklichen Ehen im Haus Habsburg. Sie liebte ihn uneingeschränkt, er sie nicht minder, allerdings war er ihr nie treu. Der Kaiser hatte ständig irgendwelche Amouren, sie musste fast 30 Jahre mit der Schmach leben, betrogen zu werden.

Nie wieder glücklich

Als Maria Theresia 48 Jahre alt ist, erleidet sie den schmerzlichsten Wendepunkt ihres Lebens, als ihr Mann 56-jährig unerwartet einem Schlaganfall erliegt. Sie überlebt ihn um 15 Jahre, wird nie wieder glücklich, denkt sogar daran, die Regierungsgeschäfte niederzulegen, wovon sie ihr Hofstaat zurückhält.

Ein Schicksalsschlag ist der Kaiserin erspart geblieben: Ihre Tochter Marie Antoinette, die Ehefrau des französischen Königs Lud-

wig XVI., wird 1793 von der Revolution auf dem Schafott hingerichtet – 13 Jahre nach Maria Theresias Tod.

Nach Maria Theresia sollten fast eineinhalb Jahrhunderte vergehen, ehe Frauen in der österreichischen Politik wieder eine Rolle spielten – wenn auch keine nur annähernd so bedeutsame.

- Weibliche Abgeordnete Da wären die ersten acht weiblichen Abgeordneten, die 1919, nachdem Frauen das aktive und passive Wahlrecht zugestanden wurde, ins Parlament zogen. Teils Christlichsoziale, teils Sozialdemokratinnen, setzten sich alle für die Rechte der Ärmsten im Land ein.

- Bundesratspräsidentin Die in Vergessenheit geratene Christlichsoziale Olga Rudel-Zeynek war von 1927 bis 1932 (mit Unterbrechungen) die erste Präsidentin des österreichischen Bundesrates.

- Erste Ministerin 1966 wurde die ÖVP-Politikerin Grete Rehor als Sozialministerin zum ersten weiblichen Mitglied einer österreichischen Bundesregierung.

- Frauenministerin Johanna Dohnal (SPÖ) wurde 1979 Frauenstaatssekretärin und 1990 erste Frauenministerin Österreichs.

- Weitere Karrieren Weitere Frauen, die in der österreichischen Politik Karriere machten, sind Marga Hubinek, Freda Meissner-Blau, Heide Schmidt, Waltraud Klassnic, Gabi Burgstaller, Susanne Riess-Passer, Maria Rauch-Kallat, Barbara Prammer, Johanna Mikl-Leitner

… und jetzt eben Brigitte Bierlein.georg.markus