Ein k.-u.-k.-Sittenbild der Jahrhundertwende

Louise-Marie (1858-1924) - princess of Belgium, du…
Foto: /www.theroyalforums.com/Wikemedia Commons Louise-Marie (1858-1924) von Sachsen-Coburg und Gotha

Neu aufgetauchte Dokumente eines Scheidungsprozesses in allerhöchsten Kreisen. In dem Verfahren ging es aber auch um Betrug und Unterschriftenfälschung.

Immer wieder tauchen Dokumente auf, die das Sittenbild der "guten alten Zeit" in ein neues Licht rücken. Nun wurden mir Papiere aus dem Umfeld des Kaiserhauses zugespielt, die aufzeigen, dass nicht nur Kronprinz Rudolf gewaltige Eheprobleme hatte, sondern auch dessen Schwägerin Louise. In ihrem Scheidungsprozess ging es um eheliche Untreue, Dokumentenfälschung, Betrug und andere Delikte, die die Betroffenen ins Gefängnis und in psychiatrische Anstalten brachten. Dass es soweit kommen konnte, führten die Ärzte der Prinzessin auch "auf die große seelische Erschütterung" nach dem Tod ihres Schwagers, Kronprinz Rudolf, in Mayerling zurück.

Kronprinz Rudolfs Frau Stephanie war die Tochter des belgischen Königs Leopold II. und hatte eine um sechs Jahre ältere Schwester namens Louise. Diese heiratete 17-jährig den Prinzen Philipp von Coburg, mit dem sie in dessen Wiener Palais – heute eines der vornehmsten Hotels der Stadt – wohnte. Dass ihre Ehe in die Brüche ging, ist bekannt. Neu sind jedoch die bis heute unveröffentlichten Scheidungsdokumente des Paares, die brisante Details einer Tragödie offenbaren.

Louises Liebesleben

Louise von Belgien und Prinz Philipp von Sachsen-Coburg führten zunächst eine nach außen hin glückliche Ehe, der zwei Kinder entsprangen. Dass der um 14 Jahre ältere Prinz zahlreiche Affären hatte, galt als "normal", doch als bekannt wurde, dass auch Louise ein freizügiges Liebesleben führte, war bei Hof der Teufel los. Anfangs stand die Prinzessin ihrem Schwager, Kronprinz Rudolf, auffallend nahe, den sie später in ihren Memoiren als "schön, verführerisch und sehr gut proportioniert" beschrieb. Dann hatte sie Verhältnisse mit zwei Adjutanten ihres Mannes, ehe sie bei einem Spaziergang in der Hauptallee des Praters den Ulanenleutnant Géza von Mattachich kennen lernte und sich in ihn verliebte. Mit dieser Begegnung beginnt das Drama im Haus Coburg.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ACoburg_P… Foto: /Wikimedia Commons/Jules Geruzet

Die Scheidungsklage

Heinrich Kunreuther, der Rechtsanwalt des Prinzen Philipp, beschreibt in der mir jetzt zugespielten 34 Seiten starken "Ehescheidungsklage" den Rosenkrieg bei Coburgs: Im Mai 1895 beginnt Louises Bekanntschaft mit dem k. u. k. Oberleutnant Géza von Mattachich, der ihr "von heißer Liebe durchglüht" nach Abbazia folgte, wo er schließlich "das Ziel seiner Liebeswünsche erreichte".Die verheiratete Prinzessin und der Offizier wurden ein Paar, das – auf Kosten ihres Ehemannes – ständig auf Reisen war und, ausgestattet mit Reitpferden und Dienerschaft auf großem Fuß lebte. Um an ihrer Seite auftreten zu können, wurde Herr Mattachich als Louises Stallmeister angestellt. Prinz Coburg überwies seiner Frau im Lauf der Jahre mehr als eine Million Kronen (heute rund sechs Millionen Euro), und das obwohl er wusste, "dass Herr von Mattachich in steter Gesellschaft seiner Gemahlin sich befinde".Nach drei Jahren forderte der Prinz seinen Nebenbuhler – wie es die Standesehre damals verlangte – zum Säbelduell heraus, bei dem Coburg schwer verletzt wurde. Am Verhältnis der Prinzessin zu ihrem Oberleutnant änderte der blutige Zweikampf nichts. "An der Seite des Herrn Mattachich trieb die Prinzessin weiterhin sinnlosen Aufwand", steht in der Scheidungsklage. "Sie legte jede Scham ab und stürzte sich in einen Strudel der Leidenschaft, in welchen keine verheiratete Frau und am wenigsten die Frau Prinzessin sich begeben durfte".

Vom Hof verbanntWährend Kaiser Franz Joseph die lebenslustige Schwester der Kronprinzessin vom Wiener Hof verbannte, versuchte Louises Mann, Prinz Coburg, durch seine Anwälte immer wieder "die Prinzessin entweder zur Rückkehr oder zu einvernehmlicher Scheidung zu bewegen". Beides scheiterte schon daran, dass Louise ständig ihren Aufenthaltsort wechselte. Wo sie weilte, wurde erst bekannt, als sie und ihr Galan das jeweilige Logis unter Zurücklassung hoher Schulden verließen.Konnte man die auch von den Medien mit großem Interesse verfolgten Reisen des Liebepaares bisher als pikante Exzesse abtun, so wurde die Angelegenheit im Jahr 1898 zu einem Kriminalfall, wie es ihn in allerhöchsten Kreisen nie zuvor gegeben hatte: Als sich Prinz Coburg weigerte, für die weiteren Schulden seiner Frau aufzukommen, meldeten zwei Wiener Kaufleute, dass sie über mehrere Wechsel in der Höhe von 1,4 Millionen Kronen mit der Unterschrift der Kronprinzessin Stephanie verfügten, die zur Auszahlung fällig wären.

Falsche Unterschriften

Der Fall wurde – vorerst gegen unbekannte Täter – zur Anzeige gebracht, worauf etwas geschah, das für ein Mitglied des Kaiserhauses bis dahin unmöglich war: Die Schwiegertochter des Kaisers wurde von der Polizei als Zeugin einvernommen! Stephanie bekundete laut den mir vorliegenden Dokumenten "niemals irgendwelche Wechsel unterfertigt zu haben. Ihre Unterschriften seien gefälscht. Letzteres ergab auch ein Handschriften-Vergleich."Mattachich wurde festgenommen und wegen Betrugs und Wechselfälschung zu fünf Jahren Haft verurteilt, die er in der Strafanstalt Möllersdorf verbüßte. Prinzessin Louise brachte man indes auf persönliche Anordnung Kaiser Franz Josephs "zur Beobachtung ihres Geisteszustandes" in eine geschlossene Anstalt für psychisch Kranke. Eigentlich hätte man auch sie anklagen können, da einige der gefälschten Unterschriften ihrer Schwester von ihr stammten. Doch eine Angehörige des Kaiserhauses vor Gericht oder gar im Gefängnis war undenkbar!

Flucht der Prinzessin

Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Als "die Erregungszustände der Frau Prinzessin" laut Diagnose mehrerer Fachärzte – darunter der spätere Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg – "allmählich nachließen", wurde Louise aus der geschlossenen Anstalt in ein Privatsanatorium verlegt, aus dem sie am 31. August 1904 flüchtete.Um einmal mehr ihren inzwischen aus der Haft entlassenen Liebhaber Géza Mattachich zu treffen und mit ihm wieder auf Reisen zu gehen, diesmal nach Berlin und Paris. Die Flucht, hielt Rechtsanwalt Kunreuther fest, zeige, "dass die Prinzessin wieder vollständig in den Bann des Herrn Mattachich geraten ist".

Der Ehebruch

Nun riss dem gehörnten Prinzen die Geduld. Als am 24. Juni 1905 die Entmündigung seiner Frau aufgehoben wurde, reichte Coburg die Scheidung ein. Mit der Begründung, Louise habe den Prinzen "böslich (= böswillig, Anm.) verlassen..., hat diesen seit Jahren in der gröblichsten Weise schwer gekränkt, ihm die Leistung der ehelichen Pflicht beharrlich verweigert und die Ehe mit Herrn Mattachich gebrochen. Und indem sie... mit Herrn Géza Mattachich in Verbindung bleibt und dem Ansehen und Wohle des Prinzen tiefe Wunden geschlagen hat, hat sie eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses verschuldet, dass die Fortsetzung der Ehe dem Prinzen nicht zugemutet werden kann."

Von Eltern verstoßen

Die Ehe wurde am 15. Jänner 1906 geschieden, gleichzeitig wurde Louise von ihren Eltern verstoßen und ihr Vater, der König von Belgien, verhängte über sie ein Einreiseverbot. Sie landete in Budapest, wo sie 1919 wegen angeblicher Spionage zum Tod verurteilt wurde. Louise verbrachte sechs Tage in der Todeszelle, wurde aber im letzten Moment begnadigt. Danach traf sie Mattachich im Wiener Parkhotel Schönbrunn, aus dem sie bald wegen offener Rechnungen delogiert wurde.

Die Vorgeschichte

Ärzte erklärten das verhaltensauffällige Benehmen der Prinzessin laut Scheidungsklage mit gesundheitlichen Problemen in der Jugend: Sie hatte eine Typhuserkrankung und drei Fehlgeburten erlitten und war nach einem Jagdunfall in der Steiermark lange bewusstlos gewesen. Wörtlich steht in der Scheidungsklage, dass Louises psychische Probleme auch "auf die große seelische Erschütterung" nach dem Tod ihres Schwagers, Kronprinz Rudolf, in Mayerling zurückzuführen sei.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?