© APA/AFP/POOL/PAUL EDWARDS

Kultur Geschichten mit Geschichte
01/06/2020

Die Queen überholt den Kaiser

Königin Elizabeth II. Demnächst regiert sie länger als Kaiser Franz Joseph, der 68 Jahre auf dem Thron saß.

von Georg Markus

Kaiser Franz Joseph regierte fast 68 Jahre und damit länger als die meisten Herrscher der Geschichte. In wenigen Tagen wird er von Englands Königin Elizabeth II „überholt“, die nun ebenfalls seit 68 Jahren regiert.

In einer Art Notaktion

Aber wie unterschiedlich waren ihre Thronbesteigungen. Franz Joseph übernahm die Regentschaft von seinem Onkel, Kaiser Ferdinand, in einer Art Notaktion im Exil in der mährischen Stadt Olmütz. Dorthin war die kaiserliche Familie im Jahr 1848 geflüchtet, da in Wien die Revolution herrschte.

Der Kaiser Franz Josephs Thronbesteigung erfolgte am 2. Dezember 1848 und seine Regentschaft endete mit seinem Tod am 21. November 1916. Er regierte also eine Woche weniger als 68 Jahre oder genau 24.828 Tage.

Die Queen Am 30. Jänner 2020 wird Queen Elizabeth den Kaiser einholen. Sie ist dann 24.829 Tage Königin.

Ihre Inthronisation war ganz anders als die Franz Josephs, der die Regentschaft übernehmen musste, weil sein Vorgänger Ferdinand I. geistig und körperlich nicht in der Lage war, dem riesigen Reich vorzustehen. Die heutige Queen Elizabeth befand sich am 6. Februar 1952 mit ihrem Mann Prinz Philip im Aberdare-Nationalpark in Kenia, wo sie die Nachricht erhielt, dass ihr Vater, König George VI, in London verstorben war. Damit ist sie automatisch Königin geworden. Elisabeth und Philip kehrten unverzüglich nach London zurück und bezogen ihr Appartement im Buckingham Palace. Die Krönung erfolgte erst im darauffolgenden Jahr, am 2. Juni 1953. Bei der Zeremonie in der Westminster Abbey waren 8000 Festgäste anwesend, und Elisabeths Krönung war die erste, die im Fernsehen übertragen wurde.

Nur die Familie

An Franz Josephs Thronübernahme nahmen hingegen nur die engsten Familienmitglieder teil.

In der europäischen Geschichte gab es nur zwei Monarchen, die länger regiert haben als Queen und Kaiser: „Sonnenkönig“ Ludwig XIV., der von 1643 bis 1715 auf Frankreichs Thron saß und somit 72 Jahre Regent war. Und Fürst Johannes II. von Liechtenstein, der dem kleinen Fürstentum 71 Jahre, von 1858 bis 1929, vorstand.

Auch außerhalb Europas gab es mehrere „Rekordhalter“ im Regieren. König Bhumibol von Thailand herrschte 71 Jahre, von 1945 bis 2016. Und der ägyptische Pharao Phiops II., der 100 Jahre alt wurde, saß 94 Jahre auf dem Thron. 82 Jahre lang, von 1899 bis 1982, regierte schließlich König Sobhuza II. von Swasiland.

Nicht vergleichbar

Freilich sind die meisten Regentschaften nicht mit denen von Queen Elizabeth und Kaiser Franz Joseph vergleichbar: Ludwig XIV. wurde als vierjähriger Knabe auf den Thron gesetzt, doch die Herrschaft übten bis zu seinem 23. Lebensjahr seine Mutter Anna von Österreich und Kardinal Mazarin aus. Und König Sobhuza wurde im Alter von vier Monaten als Monarch ausgerufen, bis zu seiner Volljährigkeit jedoch in den Amtsgeschäften von seiner Großmutter vertreten. Beim Pharao Phiops lässt sich nicht belegen, ob die Angaben überhaupt stimmen, zumal er im dritten Jahrtausend vor Christus gelebt hat.

Bereits am 9. September 2015, genau um 17.30 Uhr, hatte Queen Elizabeth II den bis dahin geltenden Rekord ihrer Urgroßmutter als längstdienende aller britischen Monarchen gebrochen. An diesem Tag überflügelte die aktuelle Königin die Herrschaftsdauer der Queen Victoria, die genau 63 Jahre und sieben Monate, von 1837 bis 1901, regiert hatte.

Alter in Bitterkeit

Doch der Unterschied zwischen den Beiden ist gewaltig: Victoria war halb blind und gehbehindert und musste offizielle Termine im Rollstuhl wahrnehmen. Wie Victoria überhaupt ihr Alter in Bitterkeit erlebte: Seit dem Tod ihres Mannes verließ sie ihre Paläste nur selten, in ihren letzten Lebensjahren litt die einst korpulente Frau an Appetit- und Schlaflosigkeit, Rückenschmerzen und Gedächtnisverlust.

Queen Elizabeth II hingegen erfreut sich mit ihren 93 Jahren immer noch körperlicher und geistiger Frische. Auch Kaiser Franz Joseph war bis wenige Tage vor seinem Tod in relativ guter Verfassung.

Kontinuität

Die Geschichte zeigt, dass Monarchen, die außergewöhnlich lange regieren, eine gewisse Kontinuität in die Politik bringen, was durchaus von Vorteil sein kann. Der Nachteil ist jedoch meist eine Erstarrung als Folge einer so langen Zeitspanne. Biografen fragen sich, ob Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung – an der die Monarchie schließlich zerbrochen ist – unterschrieben hätte, wenn er jünger als 84 Jahre und damit möglicherweise auch flexibler gewesen wäre.

Franz Joseph und Queen Victoria hatten natürlich ganz andere Machtbefugnisse als Elizabeth II, da sie im Gegensatz zu diesen über keinerlei politischen Einfluss verfügt. Doch wann immer in England nach familiären Skandalen der Ruf nach Abschaffung der Monarchie laut wurde, ist er schnell wieder verstummt, da Elizabeth ihrer Rolle als einigendes Symbol Großbritanniens auch nach so langer Zeit glaubhaft nachkommt.

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