Gerhart Hauptmann von Haus Wiesenstein, um 1942

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Gerhart Hauptmann sagte nie: "Schluss mit dem Krieg!"

Gerhart Hauptmann sagte nie: "Schluss mit dem Krieg!"

Ein Roman über den wunden Punkt im Leben einer Geistesgröße – die sich zuletzt den Nazis unterwarf.

von Peter Pisa

02/10/2018, 06:00 AM

Am Fuße des Riesengebirges lebte ein großer Geist. Er lebte mit Diener, Gärtner, Köchin und Masseur in Saus und ... Graus, denn links und rechts krepierten 1945 die Menschen. Soldaten, Flüchtlinge, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Kinder.

"Er war keine Fließbandberühmtheit", sagt der Münchner Schriftsteller Hans Pleschinski über Gerhart Hauptmann. Sondern ein weltberühmter Dichter. Man richtete sich nach ihm. Thomas Mann war genervt, erstens wegen des Namens des Kollegen: Mann – HAUPTmann, das geht doch wirklich nicht!

Zweitens, weil er erst 1929, also 17 Jahre nach Hauptmann, den Nobelpreis hatte verliehen bekommen.

Thomas Mann verließ Nazideutschland. Ihn hat Pleschinski 2013 im Roman "Königsallee" porträtiert. Wobei er jene Leser, die Mann nicht so intus haben, mitunter allein ließ.

Tagebücher

Aber das kann man ihm bei "Wiesenstein" bestimmt nicht vorwerfen, wenn er die Historie wieder wachruft ...mit Gerhart Hauptmann, der im Reich blieb und vor dem Zweithaus an der Ostsee die Hakenkreuzfahne hisste und kollaborierte.Noch zu Kriegsende lud der 82-Jährige einen Massenmörder zum Essen in die Lieblingsvilla Wiesenstein im schlesischen Agnetendorf (heute Jagniątków) ein. Er, der Humanist, der einst Weltbürger, der für die Bedrängten da war.

Er, der Opportunist, der im Alter an SEINEN Frieden dachte und sich unterwarf.

Ein dunkler Fleck, dessen Ausmaß und Grenzen man selbst ausloten muss – und nach Lektüre gut kann.

Nie hat er gesagt: "Schluss mit dem Krieg!"

Das ist nicht "nur" ein Roman. Pleschinski dokumentiert auch. Er durfte in unveröffentlichte Tagebücher schauen. Auch das Personal im Haus und manche der Besucher sind historisch.

Die letzten Monate Krieg, Die letzten Monate in der gut beheizten Villa. Die Landschaft, Vögel, Blumen. Und Hauptmanns Werk fließt ein, seine frühere Biografie, dezent auch sein Stottern – er war ein starker Stotterer –, und ist jemand erfunden, dann ist er so passend erfunden, dass man googelt.

Wie etwa die Frau des Bildhauers Lobkind, der vor allem Hakenkreuze meißelte ... sie hält sich an den Spruch:

"Oberflächlichkeit ist eine ideale Devise." (Zu Kriegsende hat sich das Ehepaar umgebracht.)

Zum Versinken schön ist dieses Buch einerseits; aber zum Versinken überhaupt angesichts der menschlichen Makel.

Hans
Pleschinski:

„Wiesenstein“
Verlag
C.H. Beck.
552 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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