Gerhard Heinz: Der Musiker und Komponist ist ein Stück heimischer Kulturgeschichte. Im Laufe seiner Karriere hat er über 130 Filme vertont und Werbejingles geschrieben – auch für „Soletti“.

© KURIER/Jeff Mangione

Interview
08/30/2015

Gerhard Heinz: Die Vertonung des Salzstangerls

Der Komponist Gerhard Heinz ist stets im Hintergrund gestanden – heute wird im später Ruhm zuteil.

von Marco Weise

Gerhard Heinz hat im Laufe seiner Karriere so gut wie alles vertont: 130 Kino- und Fernsehfilme gehen auf seine Kappe – darunter alle Teile des "Bockerer", Komödien wie "Immer Ärger mit Hochwürden" mit Peter Weck, oder "Die Supernasen" mit Mike Krüger und Thomas Gottschalk. Das Gros der betörenden Filmmusik bediente Schmuddel- und Softsexfilmchen wie "Melody in Love" oder "Griechische Feigen".

Er entwarf den unverwechselbaren Sound für "Helmi" und das Kasperltheater, komponierte Melodien für Werbejingles ("Soletti immer dabei"), coachte Schlagersänger wie Peter Kraus oder Freddy Quinn und schrieb den Song "My Little World", mit dem Waterloo & Robinson beim Eurovision Song Contest 1976 den fünften Platz erreichten. "Ob wir wollen oder nicht – Gerhard Heinz wohnt in unseren Ohren", schrieb Kollege Guido Tartarotti einmal treffend.

Die Musik des 87-jährigen Wieners wird nun wiederentdeckt und aus den Archiven geholt. Das heimische Label Digatone veröffentlichte nach der Filmmusik zu "Geißel des Fleisches" (1965) mit Herbert Fux als Frauenmörder nun auch den Soundtrack zu "Schamlos" (1968) mit Udo Kier in seiner ersten Hauptrolle. Sex & Crime made in Austria. Gerhard Heinz, der in seiner Karriere stets im Hintergrund geblieben ist, wird so später Ruhm zuteil.

KURIER: Herr Heinz, Ihre Musik wird wiederentdeckt und neu aufgelegt? Wie fühlt sich das an?

Gerhard Heinz: Ich bin erstaunt. Denn in den 60er Jahren, als Filme wie "Schamlos" oder "Geißel des Fleisches" produziert wurden und in die Kinos kamen, wollten wir die Musik dazu auch auf Schallplatte veröffentlichen. Aber das hat zu dieser Zeit leider niemanden interessiert.

Wie sind Sie überhaupt zur Filmmusik gekommen?

Es begann mit "Unter Wasser küsst man nicht", einen Film mit Gunther Philipp und seiner Freundin Evi Kent in den Hauptrollen. Zu diesem Job bin ich zufällig gekommen: Ich war mit zwei Bekannten zum Baden am Attersee, und da steigen plötzlich zwei Taucher mit Sauerstoffflaschen auf dem Rücken aus dem Wasser. Wir kamen ins Gespräch, sie stellten sich als Filmproduzenten und ich mich als Musiker vor. Danach fragten sie mich, ob ich die Musik für ihren Film machen würde.

Danach kam die Filmmusik zu "Geißel des Fleisches"(1965). Wie verliefen die Aufnahmen?

Der Produzent wollte einen Film realisieren, in dem zwar Sex vorkommt, der aber in den normalen Kinos, also nicht nur in den Pornokinos gezeigt werden konnte. Der Film basiert auf einem realen Mord an einer Ballerina in der Wiener Staatsoper im Jahr 1964. Wir standen alle am Anfang unserer Karriere: Der Tonmeister, die Cutterin und der Regisseur Eddy Saller. Es war für alle Neuland. Dennoch wurde daraus ein Kult-Film.

Was fällt Ihnen zum Film "Schamlos" (1968) ein?

Als ich kürzlich darauf angesprochen wurde, ob ich die Musik zu "Schamlos" veröffentlichen möchte, konnte ich mich an die Produktion überhaupt nicht mehr erinnern. Daraufhin habe ich mir die Aufnahmen aus meinem Archiv rausgesucht. Der Film ist hervorragend – dramaturgisch sehr gut gebaut, sexy und mit einer Szene von einem Happening der Otto-Mühl-Kommune. Auch Otto Schenk hat darin eine kleine Rolle: Er bekommt eine Watsche und fällt zu Boden.

Was waren Ihre ersten Stationen als Musiker?

Hans Koller, der später ein weltberühmter Tenor-Saxofonist wurde, hat mich für seinen 1946 gegründeten Hot Club Vienna engagiert. Später ist die komplette Band zu Horst Winter und seinem Wiener Tanzorchester gewechselt. Bei unserem ersten Engagement im Jahr 1950 im Café Winkler auf dem Salzburger Mönchsberg musste ich die Hammondorgel spielen, die Winter aus Italien kommen ließ. Diese Orgel habe ich mir gekauft und war damit lange Zeit der Einzige in Wien. Durch den unvergleichbaren Sound, der bis weit in die Siebziger als das Nonplusultra des modernen Klanges galt, hatte ich viele Aufträge. Die Hammondorgel war für mich der Schlüssel zum Erfolg.

War sie auch der Schlüssel zur Werbung?

In die Werbung bin ich über den Produzenten Gerhard Heller gekommen, der berühmt für seine Werbefilme im Kino war, Fernsehen gab es damals noch nicht. Er wollte, dass ich mit der Hammondorgel in sein Studio komme. Dort hat er mir eine Packung Schulstifte hingehalten und ich habe spontan etwas dazu gespielt. Danach wurde ich immer wieder für Werbefilme engagiert.

Auch für die "Soletti"-Werbung

Der Mann von der Werbefilmfirma sagte, "Du, da hab ich was Neues, das sind so Stangerln, fällt dir dazu gschwind was ein?" Ich hatte eine Marimba herumstehen und da ist mir ad hoc "babarpadapap" eingefallen – daraus wurde "Soletti immer dabei".

Sie haben auch für die Plattenfirma Polydor gearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit mit den Schlagerstars?

Als Chorleiter habe ich Sänger betreut – unter anderem Freddy Quinn, Lolita, Milva oder Peter Kraus, der von seinem Vater mit den Worten "Das ist der Elvis Presley von Deutschland" zu uns gebracht wurde. Mit ihm haben wir dann unsere liebe Not gehabt, denn der konnte überhaupt nicht singen. Aber Kraus hätte auch drei Töne daneben liegen können, die Mädchen waren unglaublich von ihm angetan.

Was fällt Ihnen zur heutigen Schlagerwelt ein?

Es ist schwerer geworden, gute Schlagersongs zu schreiben und generell Schlagerstar zu sein. Helene Fischer und Andreas Gabalier werden aktuell ja durch den Fleischwolf gedreht. Das verlangt einem alles ab und muss man erst mal aushalten. Unlängst sah ich den Gabalier bei einem Auftritt im Musikantenstadl und dachte mir: "Freund, mach’ lieber mal eine Pause. Ruhe dich aus."

Wie haben ihnen die schmuddeligen Sexfilmchen gefallen, die sie vertont haben?

Es gab sehr viele gute gemachte Soft-Sexfilme zu dieser Zeit wie „Melody in Love“ mit Sascha Hehn. Früher brauchte nur ein nackter Hintern über die Leinwand huschen und schon galt es als Sexfilm. Bei solchen Produktionen konnten sich vor allem die Produzenten ins eigene Fleisch schneiden, denn wenn die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK) einen Riegel vorschob, konnte man den Film wegschmeißen.

Jeder in Österreich kennt Ihre Musik, kaum jemand die Person dahinter. Störte Sie Ihr Schattendasein?

Eine Person des öffentlichen Lebens wollte ich nie sein. Während sich Peter Kraus nach einem Auftritt durch die Masse durchwursteln und Autogramme geben musste, bin ich zur Hintertür raus.

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