Kultur
29.06.2017

Gerard: Zwischen Chance und Chaos

Der österreichische Rapper Gerard veröffentlicht sein neues Album "AAA" auf seinem kürzlich gegründeten Label "Futuresfuture".

Die richtige Platte zum falschen Zeitpunkt. Dieses Missgeschick ist kürzlich Bilderbuch passiert. Die Band schickte Anfang Februar ihr neues Album "Magic Life" gegen "Falco 60", eine umfassende Falco-Werkschau anlässlich seines 60. Geburtstags, ins Rennen – und verlor: Der Falke eroberte 19 Jahre nach seinem Tod wieder die österreichischen Charts. Und Bilderbuch? Sie stiegen "nur" auf Platz zwei ein.

Eher ungünstig gelaufen ist es auch vor zwei Jahren für den Rapper Gerald Hoffman alias Gerard, der "einfach ein falsches Timing" hatte, wie er im KURIER-Interview sagt. Er veröffentlichte sein Album "Neue Welt" nämlich zu einem Zeitpunkt, bei dem die Flüchtlingswelle gerade ihren ersten Höhepunkt erreichte: im Sommer 2015.

Das Problem: "Meine Platte, die zu dem Zeitpunkt längst fertig war, hatte keine Verknüpfungspunkte zur Flüchtlingswelle: Sie nahm auf die gespaltene Stimmung in der Gesellschaft keinen Bezug", sagt Gerard, der es dann aber gelassen nahm: "Es ist halt blöd gelaufen."

Und da eine seiner Lebensphilosophien "Aus jeder Krise kann auch etwas Neues entstehen" lautet, gründete er kurz darauf sein eigenes Label namens Futuresfuture. Für ihn sei das ein logischer Schritt gewesen. "Es war mir eigentlich immer klar, dass ich das früher oder später machen werde. Da nach ,Neue Welt‘ mein Vertrag bei meiner bisherigen Plattenfirma abgelaufen ist, war der richtige Zeitpunkt gekommen." Gegründet hat er das Label mit Ilias Dahimène, der die heimische Musikszene seit zehn Jahren mit Labels wie "Seayou Records" und "Problembär Records" maßgeblich mitgestaltet hat.

"AAA"

Im Moment vertritt das Label Futuresfuture Acts wie Jugo Ürdens, Naked Cameo, die Schönbrunner Gloriettenstürmer und natürlich Gerard selbst. "Wir sehen uns nicht als klassisches Label, sondern wollen damit dem Künstler jene Unterstützung und Freiheiten geben, die sie brauchen. Wir reagieren damit auf das sich schnell ändernde Musikbusiness", sagt Gerard, der auf seinem eigenen Label kürzlich auch seinen neuen Longplayer "AAA" veröffentlichte.

Diese Abkürzung steht einerseits für "Access All Areas" und spielt auf die auf 2000 Stück limitierte CD-Box an, der eine Art Backstagepass beigelegt ist. "Damit können sich die Käufer dieser Box mit mir persönlich treffen, wenn sie möchten. Sie erhalten damit auch Zugang zu Privatkonzerten, werden von mir via WhatsApp mit Neuigkeiten und Demos versorgt", sagt Gerard. "AAA" stehe aber auch für "Alles auf Anfang".

Das spiele auf sein neues Label, aber auch auf die schnelllebige Welt an, in der man lebe. "Jeder Tag beginnt bei null, weil es keine traditionellen Sicherheiten mehr gibt." Und zu guter Letzt bedeute "AAA" auch "Anders als alles", weil er mit seinen neuen Liedern ein eigenes Genre kreieren möchte.

Dafür setzt er sich musikalisch zwischen die Stühle. Seine intelligenten, gerne sozialkritischen und oft nachdenklichen Texte rappt er vorrangig über elektronische Beats, die von schönen Melodien umrahmt werden. Es sind Rhythmen, die auch ohne Sprechgesang für sich alleine stehen könnten.

Beobachter

Ausproduziert wurde "AAA" von Albin Janoska, der bereits den einstigen Wahl-Wiener SOHN musikalisch beraten hat. Diese Mitarbeit spiegelt sich in der Soundästhetik des Albums stark wider. Klickerklacker mischt sich unter zeitgemäße und poppige House- und R&B-Beats. Dazu gibt Gerard den kritischen Beobachter, den Geschichtenerzähler. Er verarbeitet Eindrücke aus seinem Freundeskreis mit aktuellen gesellschaftlichen Problemzonen. Die Botschaft lautet: Zwischen Chance und Chaos ist nur ein schmaler Grat.