Kultur 05.12.2011

Georg Kreisler 89-jährig gestorben

Der Humanist mit den bösen Liedern: Der Letzte aus der Goldenen Ära des Nachkriegskabaretts ist gestorben.

Jeder kennt ihn als Epizentrum des Schwarzen Humors. Mit bösen und makaberen Liedern wie "Gemma Tauberln vergiften im Park", "Zwei alte Tanten tanzen Tango" oder "Der guate alte Franz" feierte Georg Kreisler - am Dienstag im 90. Lebensjahr in Salzburg gestorben - seit den 1950er-Jahren Erfolge.

Aber er wollte mehr sein - und war viel mehr: Kabarettist, Sänger, Schriftsteller, Regisseur, Komponist. . . In seinem Buch "Zufällig in San Francisco" entpuppte er sich zuletzt sogar noch als veritabler Lyriker.

"Dichterkomponistchansonnierpianist". Diese Berufsbezeichnung fand Hans Weigel 1955 für Kreisler. "Ich bin ein Träumer geblieben", sagte er zuletzt im KURIER-Gespräch. "Fast alles, was ich schreibe, hat mit Humanität zu tun. Dazu gehören die Toleranz, die Rücksichtnahme und vor allem die Liebe." Aber die Unzufriedenheit mit sich selbst blieb ihm bis zuletzt.

Scharfsinnig

1938 musste er aus Wien nach Amerika fliehen und lernte dort Charlie Chaplin und Hanns Eisler kennen. Bereits 1947 machte er erste Plattenaufnahmen auf Englisch in New York. Das Unverständnis der Amerikaner für seine Kunst war letztlich ein Glück für uns, weil es Kreisler 1955 zurück nach Österreich brachte. Die Zusammenarbeit mit Gerhard Bronner, Carl Merz und Helmut Qualtinger blieb ein kurzes Zwischenspiel.

Aus dem kritischen Unterhalter wurde bald ein politischer Kabarettist, der boykottiert, zensiert und aus dem Fernsehen verbannt wurde. Er schuf mit seinen skurrilen, spöttischen Chansons eine Art singbares österreichisches Weltkulturerbe. Von Wien, der Stadt, der er lebenslang in Hassliebe verbunden war, ging er nach Deutschland, später in die Schweiz und 2007 nach Salzburg.

Als Interpret seiner Lieder wollte er seit Jahren nicht mehr auftreten: "Ich finde es nicht gut, wenn ein alter Mann wie ich auf der Bühne sitzt und am Klavier beim Singen Grimassen schneidet. Das schickt sich nicht!"

Mit Sprachwitz, Scharfsinn und Kulturkritik glänzte er bis zuletzt. Und einige seiner Aussagen waren fast prophetisch: "Der Stumpfsinn mündet wieder in die Barbarei. Der Abstand zwischen Kapitalismus und Kannibalismus wird von Tag zu Tag kürzer." Persönlich berührend war sein Besuch nach 71 Jahren in der Wohnung seiner Eltern in der Wiener Neustiftgasse 119. Das konnte er bis ins hohe Alter nicht: "Einmal bin ich vor Jahren hingegangen, läutete, aber sagte nur: ,Entschuldigung, ich habe mich in der Tür geirrt.'" Erst vor zwei Jahren war er bereit, dorthin zurückzukehren, wo man ihn 1938 vertrieben hat.

Offener Brief

Per offenem Brief verbat sich Kreisler vor seinem 75. Geburtstag Gratulationen politischer Repräsentanten Österreichs, "weil sich die Republik Österreich in den über 40 Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat." Um anderswo anzumerken: "Heimat bleibt eben Heimat, auch wenn man mit ihr geschlagen ist."
Seine Tochter Sandra Kreisler monierte, in 60 Jahren sei niemand "auf die Idee gekommen, dem Emigranten Kreisler ehrenhalber seine österreichische Staatsbürgerschaft zurückzugeben".

Im Exil: Die Familie musste fliehen

Rechtsanwaltssohn Georg Franz Kreisler wurde am 18. Juli 1922 in Wien geboren. Sein Vater war der jüdische Rechtsanwalt Dr. Siegfried Kreisler. Er besuchte das Gymnasium Kandlgasse und lernte Klavier, Geige und Musiktheorie. 1938 musste er mit seinen Eltern vor dem Nazi-Regime fliehen.

Er unterhielt die Truppe Über Genua kam die Familie in die USA. Kreisler wurde 1943 amerikanischer Staatsbürger und für den Zweiten Weltkrieg zur US-Armee eingezogen. In England, wo er stationiert war, unterhielt er die Soldaten mit Veranstaltungen, die er teilweise mit Marcel Prawy schrieb.

ORF ändert Programm

In memoriam Georg Kreisler ändern Ö1 und ORF 2 ihre Programme. Am Samstag (26.11.) steht "Diagonal - Zur Person" (17.05 Uhr in Ö1) im Zeichen Kreislers. Michael Schrott präsentiert das Porträt "Ich war ein Ausgestoßener" aus dem Jahr 2007. Am selben Tag zeigt ORF 2 um 23.30 Uhr mit "In memoriam Georg Kreisler" einen filmischen Nachruf. "Ernste Bedenken - Lieder und Gedanken zur Zeit" von Georg Kreisler sind in "Contra" am 27.11. (22.05 Uhr, Ö1) zu hören.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011