Kultur
13.12.2011

"Fußball wird für PISA nicht getestet"

Das neue Buch von Niki Glattauer soll Schule besser (verständlich) machen. Der KURIER bringt erste Ausschnitte.

Ein Lehrer erklärt die Schule: Niki Glattauer bringt in "Die PISA-Lüge - Wie unsere Schule wirklich besser wird" einige unbequeme Wahrheiten aus der Praxis des Schullebens ans Tageslicht. Heute und morgen finden Sie auf KURIER.at einige Kapitel daraus zum Vorab-Lesen

Gemma Lugna! Einmal wurde unsere Schule von einer jener Reporterinnen besucht, die, ehe sie sich an ihre Migrantenhintergrundtexte setzen, gern das Qi einer solchen Schule in sich aufzunehmen pflegen. An sich kein ganz unverständlicher Zugang und meine Chefin hat diesbezüglich ein offenes Ohr.

- Am besten, Sie gehen in die 4a.
- Fein! Wie viele … ich meine ...
- Ich glaube, so etwa 90 Prozent, am besten, Sie fragen die Kinder selber.
- Die Kinder selber? Ist das nicht …… ich meine … kränkt man sie da nicht, wenn …
- Warum sollte man Kinder kränken, wenn man sie fragt, welche Muttersprachen sie sprechen? Außerdem sind die meisten sowieso Österreicher.
- Österreicher? Ich dachte …
- Vom Pass her sind fast alle Österreicher. (Pause) Nur Deutsch können sie halt nicht.
Wäre es der Redaktrice mehr um einen wachen Blick als um ein politisch korrektes Lächeln gegangen, als sie sich in der Zehn-Uhr-Pause das Stiegenhaus hinauf in den dritten Stock schleppte und dabei wie ein Lachs gegen den Strom der Kinder ankämpfte, die sich auf dem Weg zum Schulbuffet im Erdgeschoß befanden, hätte sie die internationale Lage auf Anhieb richtig beurteilen können.
Auch ein Blick an die Wände hätte genügt. Dort verewigt sind die Namen der Schülerinnen dieser und vergangener Tage: Jovica, Ivan, Radomir, Mehmet, Ahmet, Ali, Gülten, Gülden, Ayse, Tomas, Danijel, Daniel, Snezana, Ivana, Rusicza, Nena,
Kristof, Magomed usw.

Dazwischen die Plakate ihrer Lieblinge: Ceca, Sibel Can, Hakan Soundso, Todor Proeski, Dorota Rabczewska usw. Ein namentlich nicht gezeichnetes Plakat weist seine Schöpferin als türkischstämmig aus, obwohl es einer US-amerikanischen Pop-Sängerin huldigt. Neben einigen Fotos des Stars prangt der Name, selbst gemalt, ausgeschnitten, aufgeklebt: Christina Agülera mit ü. In der Klasse angekommen, ließ die Reporterin prüfend ihren Blick durch die Reihen schweifen, bei Aleks blieb er hängen.
- Aha, dann ist das also eines Ihrer wenigen deutschsprachigen Kinder …
- Nein, nur unser blondes.
- Oh.
- Der Bub heißt Aleks. Vater Serbe. Mutter Serbin.
- Oh. Er schaut gar nicht so … ich meine … ( Pause )
- (Pause) Doch, doch. Es gibt auch blonde Serben von schmächtiger Statur.
- Ja, natürlich. (Pause) Und, äh …… welche Kinder sind dann also …ich meine …
- Jasmin. Er fehlt heute. Sein Vater ist zwar Bosnier, aber die Mutter ist, glaub` ich, aus Floridsdorf.
- Und ist da für Sie als Lehrerin … ich meine, unterscheidet sich so eine Klasse von einer norm…, ich meine ……
- Am Verschleiß der Rotstifte.
- Pardon?
- Nichts, war nur so dahergesagt.

Jedes zweite Schulkind in Österreich leidet in der Schule unter Stress -, aber leider gerade dann nicht, wenn es für PISA getestet wird.

- "So, Freundinnen, heute kommt eine Dame oder ein Herr und testet euch für PISA."
- "Für was?"
- "Für PISA." (Pause) "Darüber haben wir gestern zwei Stunden lang gesprochen."
- "Ah so, das." (Pause) "Und haben Sie jetzt gesagt, dass wir dafür eine Note kriegen, oder nicht?"
- " Nein, ihr könnt beruhigt sein. Man will, wie gesagt, nur wissen, was ihr …"
- "Und warum gehen wir nicht endlich Fußball spielen?"
- (Mädchenstimme aus dem Hintergrund) "Kevin, Oida, sei kusch! Scheiß Fußballspielen immer!"
- "Jessica, zeig auf, wenn du etwas sagen willst." (Pause) "Fußballspielen wird für PISA nicht getestet."
- (Kevin hat sich wieder gefangen) "Und was wird getestet?"
- "Zum Beispiel, ob ihr sinnerfassend lesen könnt."
- "Sinnfavass… sinnWAS?"
- (Pause) "Macht einfach, was der Mann sagt, der dann kommt. Oder die Frau."
- "Und wenn wir sie nicht verstehen?"
- "Dann macht das, was auf der Anweisung steht."
- "Oida, scheiß Lesen schon wieder." …
Nicht erfunden, erzählt von der Lehrerin an einer Berufsbildenden mittleren Schule (BMS) anlässlich einer meiner Lesungen im Bezirk Neusiedl im Burgenland. An nicht wenigen österreichischen Schulen laufen die PISA-Testungen genau nach diesem Muster ab. Wundert es da, dass wir von den anderen regelmäßig "geschnupft" werden?

Das Buch: "Die PISA-Lüge - Wie unsere Schule wirklich besser wird" (Verlag Ueberreuter) hat 200 Seiten und ist ab heute, Montag, im Buchhandel erhältlich. Preis: 19,95 Euro. Niki Glattauer geht darin mit gängigen Irrtümern und Missinterpretationen rund um den PISA-Test hart ins Gericht und warnt davor, unser Bildungssystem kaputtzureden.

Der Autor
: Niki Glattauer, früher hauptberuflich Journalist, ist seit 1998 Lehrer. Als Kolumnist schreibt er u. a. für das Montagsmagazin datum und für das Jugendmagazin Topic .

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