Kultur 07.10.2017

"Für uns ist Crossover kein Schimpfwort"

Die vier Herren des Quartetts im Aufwind © Bild: Photo by Paul Marc Mitchell

Das türkische Borusan Quartett besticht mit einer CD.

Kammermusik – das ist für viele Musikliebhaber (und auch Musiker) die Königsklasse. Kammermusik – das ist jedoch im Konzertalltag auch schwierig zu verkaufen, davon wissen Veranstalter ein Lied zu singen.

In der Türkei, wo klassische Kammermusik nicht die größte Tradition hat, verhält es sich anders. "Schon im Dezember bekommen die Menschen keine Karten mehr für unsere Konzerte im April. Alles ist ausverkauft." Das sagt Esen Kıvrak, der Erste Geiger des Borusan Quartetts, das nun (nach drei Tönträgern mit türkischen Firmen) seine erste CD bei einem internationalen Label (Onyx) eingespielt hat. Zu hören sind Werke von Arvo Pärt, Philip Glass, Pĕteris Vasks und Hasan Uçarsu. Gespielt wird verdammt gut.

Borusan ist ein türkischer Großkonzern, der viel Geld in klassische Musik investiert, das Borusan Philharmonic Orchestra finanziert (dieses gastiert am 23. Oktober mit seinem Chefdirigenten Sascha Goetzel im Musikverein), seit 2010 auch das Borusan Quartett unterstützt sowie ein Internet-Radio mit Klassik betreibt.

"Wir sind in der Türkei das Quartett mit den besten Möglichkeiten", erzählt Kıvrak im KURIER-Interview. "Es ist ja fast unmöglich, bei uns daheim nur mit Kammermusik zu überleben. Es gibt nicht so viele Säle. Für uns ist das zum Glück anders. Wir haben einen Sponsor und ein Haus für 800 Besucher."

Wie Popstars

Die vier Musiker werden bei Konzerten wie Popstars gefeiert, obwohl ihr Repertoire enorm anspruchsvoll ist. "Zuletzt wurden unserem Cellisten von einem Fan die Noten gestohlen. Manche Menschen sammeln nach einem Konzert die Haare von meinem Geigenbogen als Erinnerung."

Kıvrak kommt aus einer musikalischen Familie, eine Ausbildung zum Kammermusiker ist in der Türkei sehr schwierig, "weil es keine spezialisierten Lehrer gibt". Er selbst hat neun Jahre lang in Wien studiert, unter anderem bei Michael Frischenschlager. Es gibt enge Beziehungen zum Alban-Berg-Quartett. Und die vier Herren haben auch schon zahlreiche internationale Preise gewonnen. In der Türkei bleibt das medial unbemerkt: "Zeitungen schreiben fast nie darüber. Aber daran haben wir uns schon gewöhnt."

Berührungsängste mit anderen musikalischen Genres hat das Borusan Quartett nicht, es gibt Auftritte mit Rockstars, traditionellen türkischen Musikern, Schauspielern etc. Kıvrak: "Wir versuchen möglichst viele Projekte in diese Richtung zu machen. Für uns in der Türkei ist Crossover kein Schimpfwort. Die Menschen mögen unsere Energie auf der Bühne. Wir versuchen sie auch nicht zu verstecken."

Politische Spannungen etwa zwischen Österreich bzw. Deutschland und der Türkei spielen für die Künstler freilich eine Rolle. Sie versuchen ihre Energie aber in die Musik zu legen. "Wenn wir uns zu viel mit Konflikten beschäftigen, demotiviert uns das nur. Unsere Mission lautet: Wir wollen den Menschen, die demotiviert sind, einen Ort bieten, an dem die Zeiten stehenbleibt, wo man sich vor Problemen zurückziehen kann."

Dazu passt auch ihr Programm: "Wir spielen auf dieser CD nur Werke von zeitgenössischen Künstlern. Aber von konservativen Zeitgenossen. Diese Musik kann man auch im Auto genießen. Kurtág wird man im Auto nicht spielen, da baut man ja einen Unfall."

( kurier.at , geko ) Erstellt am 07.10.2017