Interview mit dem österreichischen Komponisten Friedrich Cerha

© Kurier/Juerg Christandl

Interview
02/13/2016

Friedrich Cerha: "Immer noch neugierig"

Friedrich Cerha, wichtigster Komponist Österreichs, wird 90 Jahre alt

von Gert Korentschnig, Georg Leyrer

KURIER: Werden Sie auch gebührend gefeiert?

Friedrich Cerha: Ich habe mir in meinem Leben nie Gedanken gemacht, ob mir etwas gebührt. Es gibt eine Menge von Konzerten. Was mich besonders freut: Es gibt im Frohner-Forum in Krems eine Ausstellung von meinen malerischen Arbeiten.

Sind diese für Sie persönlich gleichrangig mit Ihrem kompositorischen Schaffen?

Ich war nie ehrgeizig, habe nie an irgendeine Karriere gedacht. Ich wurde, nachdem ich als Geiger viel für Geige geschrieben habe, früh als Komponist wahrgenommen und immer nach Werken gefragt. Meine malerischen Arbeiten sind nicht aufgefallen. Ich hatte nur zwei kleinere Ausstellungen, das ist jetzt die erste größere, umfassendere. Die beiden Gebiete sind für mich aber von gleicher Bedeutung.

Als Komponist ist man stärker von äußeren Zwängen abhängig – ist das nicht ungleich komplizierter?

Es gehört einfach dazu, dass man sich um die Interpretationen kümmert. Was ja nicht immer erfreulich ist. Aber ich nehme zunehmend weniger Einfluss auf die Aufführungen, schon allein deshalb, weil ich bald gar keinen Einfluss mehr nehmen werde können – aufgrund meines fortgeschrittenen Alters.

Wie hat sich die Aufführungspraxis Neuer Musik entwickelt?

In den 50er-Jahren waren für uns damals Junge die öffentlichen Podien versperrt. Wir hatten keinerlei Zugang. Es herrschte schon seit Februar 1934, seit dem Bürgerkrieg, im Austrofaschismus, eine Abneigung gegen alles Neue, auch in der Musik. Wir haben selber kleine Konzerte in Teppichgeschäften, in Buchhandlungen, in Vereinslokalen organisiert. Ein Konzert um John Cage war ein riesiger Skandal, und ich wurde als Zerstörer der traditionellen österreichischen Musik bezeichnet. Ich vermute ja auch, dass noch Anfang der 60er für viele Leute, die Konzertprogramme gemacht haben, die Wiener Schule als "entartete Musik" gegolten hat. Sie haben das nicht mehr gesagt. Ich erinnere mich aber noch an eine Schlagzeile: "Schluss mit der Musik der Perversen". In den 60er-Jahren hat sich das Neue etabliert. Was das Interpretieren von Neuer Musik betrifft: Auf diesem Gebiet hat sich wohl das Meiste und Grundlegende gewandelt. Das RSO Orchester etwa war in den 60er-Jahren für den Dirigenten noch ein mühsames Orchester. Die Einstudierung von neuen Werken bereitete große Schwierigkeiten. Heute sind etwa viele junge Schlagzeuger von einer Qualität, dass selbst die alten philharmonischen Schlagzeuger sagen, dass sie dieses Niveau nie hatten.

Wie beurteilen Sie grundsätzlich die Programmierung im Konzertbetrieb? Von regelmäßigen Uraufführungen, regelmäßigen Konzerten mit Neuer Musik kann eigentlich keine Rede sein ...

Daran tragen wohl die Veranstalter einigermaßen schuld. Man programmiert einerseits das, was das Publikum sicher goutiert. Andererseits Wünsche von Dirigenten oder Solisten. Was ein bisschen fehlt, ist die Verantwortung, dass das Programmieren eigentlich, was man heute nicht gerne hört, ein erzieherischer Akt ist.

Würden Sie eine Prognose wagen, wie lange diese Form des klassischen Betriebs noch aufrechtzuerhalten ist?

Man hat ja, als das Internet seine Verbreitung fand, und schon vorher, als die CD kam, prophezeit, dass es bald keine Konzerte mehr geben wird. Man hat auch prophezeit, dass alle Opernhäuser innerhalb von 20 Jahren zusperren werden. Gott sei Dank haben es die Prophezeiungen so an sich, dass sie nicht eintreten. Ja, es gibt eine gewisse Überalterung, wenn Sie an das philharmonische Publikum denken. Ich war in einem Liederabend im Musikverein, jetzt schon zehn Jahre her, da war ich 80. Ich habe mich fast ausschließlich unter Gleichaltrigen befunden.

Wie beurteilen Sie die Situation im Bereich Musiktheater?

Was war in Wien in den letzten Jahren? Reimann an der Oper. Britten, Haas an der Wien. Mein "Onkel Präsident" an der Volksoper. Da gibt es schon neue Dinge. Freilich an der Staatsoper ein bisschen wenig. Ich werde dauernd gefragt: Wann kommt der "Präsident" wieder? Es ist ja interessant, dass die Oper als sterbende Gattung schon seit den 30er-Jahren betrachtet wurde. Und zwischen 1950 und 1970 haben die jungen Komponisten überhaupt keine Opern geschrieben. Heute interessieren sich fast alle jungen Komponisten für die Oper und schreiben welche. Es sind seit 200 Jahren, denke ich, nicht so viele Opern geschrieben worden wie heute.

Es gab früher viele große Revoluzzer in der Musikwelt. Wer sind heute die Revoluzzer?

Mit dem Revoluzzertum hat es heute so seine Schwierigkeiten. Es ist in der Richtung alles schon gelaufen, alles schon geschehen. Es gibt eigentlich nur dort heutzutage Skandale, wo etwas der Erwartungshaltung des Publikums grob zuwiderläuft.

Insofern haben es die jungen Komponisten von heute ja schwieriger. Denen fehlt der klare Gegner, auch im Klassikbetrieb, gegen den Schönberg und Boulez nach antraten.

Die Situation ist auch soziologisch ganz unterschiedlich. Den jungen Komponisten geht es viel besser als in der Zeit, als wir jung waren. Heute sind die jungen Komponisten auch viel isolierter, arbeiten, denken in ihrem Kämmerlein. Es fehlt an den notwendigen Kontakten, die ja überall in der Kunst etwas sehr Befruchtendes sind. Und es gibt natürlich heute die Leute, die ich immer gerne Bastler nenne. Manche der elektronischen Musik, die ihre Berechtigung hat. Da gibt es gute Komponisten, aber auch viele, die im engeren Sinn mit der Musik überhaupt nichts am Hut haben.

Sind Sie manchmal, wenn Sie Ihre Werke hören, überrascht?

Ich bin manchmal überrascht über die schlechte Interpretation. Die Werke überraschen mich nicht, ich habe sie meistens lange in meinem Kopf herumgetragen, und dann sind sie aus diesem Kopf flüchtig geworden. Es ist bekannt, dass die Musik, die ich niederschreibe, am Morgen zu mir kommt, wenn ich nicht mehr tief schlafe, aber noch nicht wach bin. Einer der Gründe, warum mir in den letzten zehn Jahren so vieles entstanden ist, besteht darin, dass mich kein Wecker mehr weckt.

Hören Sie selbst viel Musik?

Ja! Ich bin noch immer neugierig. Ich gehe mehr in Konzerte als die jungen Komponisten, denen eine größere Neugier guttun würde. Ich höre auch viel Rundfunk.

Bei welcher Gelegenheit drehen Sie das Radio ab?

Es gibt eine Menge Dinge, die ich nicht aushalte. Vieles von Rachmaninow. Ein Komponist, der kein schlechter ist, aber doch überschätzt wird, ist Schostakowitsch. Es gibt in vielen seiner Werke so richtige Metermusik. Aber sehr wirkungsvoll für das Publikum. Was mich aus der Unterhaltungsbranche interessiert hat, waren diese Big Bands der 50er- und 60er-Jahre. Da waren Arrangeure am Werk mit einer unglaublichen Fähigkeit von harmonischen Verläufen. Was mich auch sehr interessiert hat, ist Musik von indigenen Völkern. Und ich habe mich sehr für arabische Musik und dann vor allem mit der Musik der Papua auf Neu Guinea befasst. Einflüsse sind in einige meiner Kompositionen eingegangen.

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