Frequency: Popmusik-Bingo in der Plastikwelt

Deichkind in ihrem Element: Die deutsche Band verbinden lustige Musik mit viel Aufwand und lockerem Anspruch. Kommendes Jahr soll es ein neues Album geben, und auch eine neue Bühnenshow.
Foto: Florian Wieser

Dave Grohls Supermarkt-Erlebnisse, Campen unter der Autobahn und das ferne Echo von politischen Slogans: Ein Festivalbericht.

Arbeit nervt, rufen Deichkind, mit leuchtenden Pyramiden am Kopf und schwarzen Müllsäcken am Körper. Wenn das kein Slogan fürs FM4 Frequency Festival ist, wo sich bis Samstagabend wieder rund 40.000 junge Fans drei Tage lang aus all dem ausgeklinkt haben, was Papa und Mama für gut und wichtig halten. Die neonbunte Plastikwelt der Texthandwerker Deichkind brachte neben Partylaune überhaupt vieles davon auf den Punkt, was ein Musikfestival heute ausmacht. Früher hatten es besorgte Zivilisationshüter irgendwie leichter: Sie konnten sich an den politischen Botschaften abarbeiten, die auf den ersten Rockfestivals von den Langhaarigen auf der Akustikgitarre begleitet wurden. Damals, als gerade das Farbfernsehen aufkam.

Internationale Getränkequalität

Heute gibt's das, was einst ganz Europa politisch in Aufruhr versetzt hat, nur noch in ironischer Nachbetrachtung. "Hoch die internationale Getränkequalität!", rufen Deichkind, und das ist Festival-Leitspruch vieler Fans und lässige Politikkritik in einem.
Die HipHop-Truppe, Headliner des zweiten Festivaltages, macht Party im Niemandsland zwischen Amateurtheater und Kunstshow. Das ist so verspielt wie intelligent, so unverkrampft wie heutig. Mit Musik gewordenen Computerproblemen ("Sanduhr! Sanduhr!") und dadaistischen Betrachtungen von dreiundzwanzig Dohlen. Mit Trampolinspringen und Fahrradfahren auf der Bühne. Da durchweht dann der Anhauch eines hinterlistigen Jugendprotests ein Festival, das trotz Alternative-Stempel keine Scheu vor Kommerz hat. Denn wer lieber am (eher unlauschigen) Plätzchen unter der Autobahn campiert, als Teil der Wirtschaftskrise zu sein, gibt ein recht eindeutiges Urteil über die schwächelnden Verlockungen des Systems ab. Sorry, Alter, ihr seid nicht mal wichtig genug, um euch zu kritisieren. Prost! Das machte es diversen am Festivalgelände VAZ umherirrenden Elternvertretern jetzt auch nicht leichter. Aber die konnten in den Abwesenheitsphasen des zu überwachenden Nachwuchses wenigstens Nützliches erledigen: etwa eine Fachbereichsarbeit Popgeschichte vorbereiten, schließlich wird das Kind ja wohl hoffentlich irgendwann maturieren.

Wiederkehr

Das Studium der Originalquellen (von Blues über die Beatles bis zum glattpolierten 80er-Pop) kann man sich so nämlich sparen. Denn beim Frequency gibt's pophistorische Sekundärliteratur im Übermaß. Alles kommt wieder, und gerade bei Festivals kann man lustiges Vorbild-Bingo spielen. Das klingt doch wie - Bingo! Beatles-Nachahmer Liam Gallagher steht dazu. Die Österreicher 3 Feet Smaller feierten hemmungslos und umjubelt die Lust am auch nicht mehr taufrischen Pop-Punk. The Kills nahmen für einen fantastischen Auftritt gleich die ganze Popgeschichte her. Hadouken haben ganz viel Prodigy gehört und verarbeiten das auf der Bühne.

Und wenn man dünne Jungs mit Gitarren auf die Bühne kommen sieht, werden mit guter Wahrscheinlichkeit kurz darauf die 80er-Jahre in Großbritannien reanimiert.
Doch besserwisserische Kritik ist fehl am Platz, denn der bunte Pop-Selbstbedienungsladen funktionierte prächtig: In der Gesamtschau hatte das Frequency heuer zwar nicht die Über-Highlights, aber eine stimmige Mischung auf hohem Niveau zu bieten.

Wobei nicht alles in verdientem Ausmaß gewürdigt wurde. Zu den Unglücksraben des Festivals zählen sicher die Musiker von Elbow. Da kann man daheim in England noch so gefeiert sein - beim Frequency zeigte sich das Publikum von vornherein recht desinteressiert.
Und ließ Guy Garvey, seine Band und das beigestellte Streichquartett ziemlich einsam ihre melancholisch-stillen Songs gen Wolkenhimmel spielen. Der dann zu allem Unglück noch die Regen-Schleusen derart heftig öffnete, dass der Auftritt unterbrochen werden musste. Trotz einem Anti-Regensong, den Garvey den Wolken entgegensang. Schade drum, in jeder Hinsicht.

Taunz!

Mehr Glück hatte da Kasabian, und das zeigt wieder einmal: Die Welt ist nicht fair. Tom Meighan, auf der Bühne nicht eben ein Ausbund an Uneitelkeit, brachte eine Überdosis an Unterhaltungswillen mit. Und ließ die feine Klinge zu Hause: Die britischen Popentertainer wohnen im musikalischen Speckgürtel zwischen Disco und Robbie Williams und haben dementsprechend wenig Angst vor Pathos. Laut, treibend, tanzbar. Viel mehr aber auch schon nicht. Aber Kasabian haben Glück gehabt - auf der Zweitbühne gab's schwächelnde Konkurrenz. Apocalyptica. Ja, die Finnen, die auf Celli Hardrock spielen. Nicht lachen!

Supermarkt-Fighter

Und auch große Stars haben es nicht immer leicht. Dave Grohl etwa, der mit seinen Foo Fighters das Festival am Samstag abschloss. Der hat nämlich in seinem Heimatort bei Los Angeles ein Lebensmittelgeschäft, in dem allerlei Musiker einkaufen - "alt, gestrandet und pensioniert, so wie ich", wie Grohl lachend im KURIER-Interview erzählt.
"Und dann wollte ich einmal Truthahnschinken kaufen. Aber es gab keinen mehr. Ich fragte den Verkäufer, warum. Und der Typ sagt: ,Dr. Dre ist hereingekommen und hat allen Schinken gekauft'."

Das Leben ist eben hart, ähnlich wie dann der Auftritt von Grohls Band. "Bridge Burning" gab's zum Start, Grohl hüpfte mindestens so wild wie seine Haare, und das Areal war richtig voll. Hände in die Höhe, kreischte Grohl. Man folgte. Ruhe, herrschte Grohl. Man folgte. "Wollt ihr alle Songs aus 16 Jahren Bandgeschichte hören?" Man jubelte.

Zuvor waren Rise Against hochtourig ins Nirgendwohin unterwegs - ein unheimlich aufgeregtes Nichts.

Heimweh

Der Abschluss-Samstag belohnte auch die Frühaufsteher, jetzt im Festival-Maßstab gesprochen. Wer es gegen 14:00 Uhr schon aus dem Zelt geschafft hat, konnte die intensiven Songs von Anna Calvi oder die gut gelaunt aufspielenden Gefühlshelden K's Choice erleben. Sängerin Nneka punktete mit knackigem Sound.

Katie White, Sängerin der Ting Tings, sprach nach eigenem Bekunden "Scheiße deutsch", was den Fans aber nicht mehr sonderlich aufgefallen sein dürfte. Das Konzert der Briten war übrigens mit dem gegenteiligen Urteil zu versehen: toll.

Und nach den Foo Fighters war dann, jetzt auch wieder im Festival-Maßstab, Heimweh angesagt: Oh weh, man muss wieder heim. Dort warten schon Zivilisationszwänge wie etwa reguläre Oberbekleidung.
Zumindest eine Erinnerung bleibt aber noch eine Weile: das Brummen in den Ohren.

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(kurier) Erstellt am
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