Frequency: Gute-Laune-Gymnastik und Herbstmusik

The National-Frontmann Matt Berninger: mühsam kontrollierter Wutrock
Foto: Florian Wieser/shootingmusic.com

KURIER-Kritik: Das Frequency Festival bot zum Auftakt recht komplexe Kost. The National und Hurts stemmten sich gegen Sommerliches von Clueso und Seeed.

Das FM4 Frequency Festival ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Jetzt wettermäßig. Galt früher der Schauplatz Salzburg als Garant für erfrischende Feuchtigkeit von oben, ist seit der Übersiedlung nach St. Pölten Schönwetter offenbar verpflichtend.
Vielleicht ist das auch ganz gut so - denn zum Auftakt am Donnerstag kam dem sonnig gestimmten Publikum der eine oder andere düstere Musikbrocken entgegen. So schien, wie das Licht an der Decke des Tunnels, die Sonne auf die innere Herbststimmung, die etwa The National aufbauten.

Wutrock

Statt leichter Festival-Kost gab das Quartett komplexen, mühsam kontrollierten Wutrock von sich. Im Publikum - eben noch bei Clueso in Gute-Laune-Gymnastik vertieft - war relativ weitflächig perplexes Staunen zu orten. Auch bei den gut aufspielenden Kaiser Chiefs war schon mal mehr Stimmung, trotz vollem Einsatz.

Und auch Hurts wissen, wo es weh tut. Nach einem melodramatischen Auftakt mit Herzschlag-Basstrommel und Keyboard-Kitsch schossen die Herren mit dem stren-gen Scheitel recht schnell ihren Hit "Wonderful Life" nach. Der perfekte Soundtrack dafür, doch noch das eine oder andere Trauma aus den 80er-Jahren aufzuarbeiten.
Doch die Hörerschaft von heute nimmt so etwas mit leichtmütiger Begeisterung auf, wagt zum Retro-Beat ein paar Tanzschrittchen und erfreut sich der eingängigen Melodien.

Ex-Oasis

Die finden sich auch in Liam Gallaghers ganz eigenem Klanguniversum: Die Ex-Oasis-Hälfte, beim Frequency mit der neuen Band Beady Eye, versteckt beim Singen gerne die Hände.
Und pflegt eine musikalische Unzeitgemäßheit, die sich am besten an Gallaghers Frisur festmachen lässt: Der wild gen Nasenspitze wachsende Pilzkopf schaut so aus, wie Beady Eye klingt, nach 60ern und Sturheit.
Mit letzterer spart er nach dem Bruch mit dem Bruder die großen Oasis-Hits aus und lässt dadurch das Konzert schwächeln. Aber Prinzip ist eben Prinzip.

Zum Abschluss des ersten Tages dann stand mit Seeed aber wieder musikalischer Sonnenschein am Programm.

Seeed: Die Rückkehr der Partygaranten

The National-Frontmann Matt Berninger: mühsam kontrollierter Wutrock Foto: Florian Wieser/shootingmusic.com The National-Frontmann Matt Berninger: mühsam kontrollierter Wutrock

Da sind drei "e" fast noch zu wenig: In großer Besetzung, mit groß angelegter Stufen-Kulisse und mit viel Gutelaunebonus haben die deutschen Tanz-Motivatoren Seeed am Donnerstag das FM4 -Frequency-Festival zu später Stunde an sich gerissen. Zwar brauchte die Band - zumindest nach Einschätzung von Frontmann Peter Fox - sechs Songs, um beim ersten Live-Auftritt seit vier Jahren warm zu werden.

Doch die Frequency-Besucher, zuvor mit vergleichsweise wenig musikalischer Gelegenheit zur Unbeschwertheit versorgt, feierten die Rückkehr der Partygaranten mit sofortiger Begeisterung. Überhaupt gelang beim ersten Tag ein freudiger Abschluss: Auch The Kooks auf der zweiten Bühne spielten locker-luftigen Gitarrenpop in die laue Sommernacht hinein.
Tanzlustige allüberall, und auch das erste Ganzkörper-Hasenkostüm wurde in der abkühlenden Abendstimmung gesichtet. Kein Wunder, sind doch alle Beteiligten Profis: Die rund 40.000 Fans warfen ansatzlos die Oberbekleidung ab, erklommen die zahlreichen Spielstationen am Gelände und schalteten beeindruckend schnell in die Festival-Routine um. Die heuer auch mit erfreulich viel Musik untermalt wurde, die sich dem schnellen Grinser verschließt.

In der Spießer-freien Zone jedenfalls ist auch derzeit wieder alles erlaubt. Vielleicht mit einer Ausnahme: Vom Sitzen bei Zäunen, Bäumen oder anderen potenziellen Zielen der männlichen Erleichterung war abzuraten.

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(kurier) Erstellt am
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