Kultur
17.08.2017

Frequency Festival: Nichts hilft mehr gegen die Welt

Gegen die Skurrilität der Gegenwart kommt der Rockzirkus nicht mehr an. Und jetzt?

Man kann nicht viel von Donald Trump oder der österreichischen Innenpolitik lernen; eines aber vielleicht schon: Auch die Kleinsten werden größer, wenn sie nur irgendeinen Gegner haben.

Was wiederum eine schlechte Nachricht für Rockfestivals ist: Denen ist heuer nämlich der letzte jener Gegner abhanden gekommen, der ihnen noch eine gewisse Dringlichkeit verschaffte.Ja, liebe Kinder, in den 60ern waren die Zusammenkünfte der Langhaarigen und Eingerauchten ein Stinkefinger für die Spießereltern.

Das Problem aber folgte auf dem Fuße: Heute sind die Festivalgeher von einst schon längst selbst die Spießereltern von heute, und das macht es echt nicht leichter für ihre Kinder.

Wie peinlich, schon der Papa und die Mama haben sich zu Gitarrengewürge im Schlamm gewälzt.

Protest gegen Protest

So blieb den jungen Menschen gar nichts anderes übrig, als das zu tun, was die Eltern am meisten trifft: Protestfreie Vollkommerzialisierung nämlich.

Holzofenpizza und Pastrami-Sandwich, Hängematten und Nackenmassage am Festival, das hätte es zu unserer Zeit nicht gegeben!

Zuletzt waren Festivals zumindest noch kurze Zeit ein Habts-mich-Gerne in Richtung jener Wirtschaftskrise, die uns die Eltern eingebrockt haben: Nur weil ihr dank komischer Kredite die halbe Weltwirtschaft in die Luft jagt, könnt ihr uns nicht verbieten, zehn Euro für einen halben Liter Spritzer zu zahlen. Aber auch da ist schon die Luft raus.

So blieb den Veranstaltungen nur ein wirklicher Pluspunkt: Auf dem Festivalgelände durfte man auch jene Art Säue rauslassen, die draußen noch schief beäugt wurden, es drehte sich um den Spaß um des Spaßes Willen. Wer also drei Tage lang im Ganzkörper-Minionkostüm rumlaufen will, der soll das doch! Die Pflicht zur Vernunft und zum Tragen von Oberbekleidung beim männlichen Teil der Bevölkerung waren ausgesetzt.

Und hier hakt es auch jetzt. Denn diese letzten Festivalstärke richtete sich gegen eine ernsthafte, moralische, irgendwie vernünftige Außenwelt, eine Außenwelt mit Maßstäben, Glaubwürdigkeit und Integrität.

Und weg

Sie merken schon, wo das hinführt: Auch dieser Gegner hat sich in Luft aufgelöst. Draußen haben Menschen den Finger am Atomwaffenknopf, die man mit noch so gewollter Verrücktheit nicht übertrumpfen kann; die Spaßgesellschaft drückt in der Wahlkabine den Mächtigen ihren Finger so kräftig ins Auge, dass sie selbst mit untergeht.

Was bleibt dann noch für die Ausnahmewelt der Festivals, wenn schon die echte so spinnt?

Die Antwort überrascht. Jetzt gibt es, und das war am Frequency Festival in St. Pölten dann doch spannend, nicht nur Heuschrecken zu essen (nussig, fettig, aber ein bisserl enttäuschend), ein Riesenrad für die faden Momente und eine neue Tribüne für die Nicht-VIPs. Sondern auch eine neue Freude an der Spaßbefreiung, wie man sie zuletzt in den 1980ern kannte.

Alles aus dieser Zeit ist wieder da: Kalter Krieg, Warnungen vor Atomangriffen und Kate Bush. Letztere in Form von Birdy, der jungen, ätherischen Sängerin, die "Running Up That Hill" covert und u.a. mit "Wings" in Emotionen stochert, die erstaunen. So existenziell in die Zweisamkeit, ins emotionale Innenleben wie hier blickte die Musik zuletzt wenig, zumindest nicht, wenn sie es nicht ironisch meinte.

Auch George Ezra, gitarrenbestückter Bub mit großer Stimme, machte kehrt – und schaut mit derart großer Sorge auf die Welt, dass er sich auf dem kommenden Album explizit den positiven Songs widmet. "Don’t Matter Now" etwa, jener neuen Single, die er in St. Pölten spielte – und bei der es darum geht, die Welt zu vergessen. Denn gegen die hilft eh nichts mehr.