Kultur
18.08.2017

Frequency Festival: Machtwechsel in der Populärmusik

Festivalauftritte sind wie ein Album hören, und wer bitte tut das noch? Nur die Rapper rippen die Routine.

Die Routine routiniert, würde man mit Heidegger sagen, wenn das nicht peinlich wäre. Aber ja, das Frequency Festival ist jetzt nicht immer die überraschungsmächtigste Musikzone, die man sich vorstellen könnte, wenn einem kurz fad wäre.

Birdy, George Ezra, Placebo und Bilderbuch treten auf, es dreht sich das Riesenrad im Kreis. Schöne neue Introspektion, schöne neue Hüftschwünge, und die veteranigsten Festival-Veteranen auf der Hauptbühne.

Dort erinnert gleich zwei Mal – bei Birdy und bei Placebo – der Kate-Bush-Song "Running Up That Hill" an die längst vergangenen Zeiten der 1980er-Jahre, deren prägende Elemente – Kalter Krieg, heiße Entsolidarisierung – gerade ein satirehaftes Comeback erleben.

Zur Aufmunterung isst man eine Heuschrecke.

Das Programm des zweiten Tages hatte etwas stark Abonnementhaftes; es war programmiert wie ein Sonntagsgastorchester im Konzertsaal: Ein sicherer Hit (wer von Placebo noch überrascht wird, zählt zur heuer neuen Generation der Festivalgeher). Eine schöne Unverfänglichkeit (George Ezra hatte mit "Budapest" einen Formatradiohit).

Ein Stückerl für’s Herz (Birdy wusste zu früher, noch heller Stunde mit dunklen Emotionen und ätherischem Wesen zu berühren).

Und etwas, das mit zwei zugedrückten Augen noch als neu durchgeht – und zugleich supermassentauglich ist: Bilderbuch begeisterten schon im Vorjahr und sind nun einen Slot weitergerückt. Maurice Ernst hatte eine roten Plastikanzug an und Lässigkeit in der Stimme; das so unösterreichische Gesamtkunstwerk aus Pop, Funk, Schmäh und Sexyness brauchte ein bisserl, um in die Gänge zu kommen und war dann doch sehr, sehr schön.

Fehlstelle

Ein tanzbarer, verzückender Abgesang auf einen Abend, der sich um eine große Fehlstelle herumwickelte: Die Dringlichkeit des Gesamtunterfangens musste man mit der Lupe suchen, und das liegt weniger am Festival selbst als an der Gemächlichkeit, mit der sich der Rockzirkus inzwischen um sich selbst dreht.

Der Algorithmus des Streaming-Dienstes hätte in der Zeit nur eines Festivalauftrittes schon zwei Dutzend verschiedene Bands gespielt; die faden Songs hätte man weitergeklickt. Live aber gibt es, wie altmodisch, plötzlich ein, eineinhalb Stunden lang dieselbe Truppe, und die spielen Hits und auch Nicht-Hits, und das ist fast so, als würde man sich ein ganzes Album anhören, und bitte, wer tut das heute noch.

Neue Machthaber

Der musikalische Saft, die Dringlichkeit, auch der Fortschritt sind indes längst anderswo eingeschossen, und entsprudeln nunmehr den Rappern. Die räumten am zweiten Frequency-Tag auf eine Weise mit den vermeintlichen hiesigen Machtverhältnissen in der Populärmusik auf, dass es eine Freude war.

Yung Hurn etwa muss man nicht kennen, und er macht es dem Szenenfremden auch auf gemütliche Art recht schwer. Die einstigen Königswege zur Berühmtheit sind ihm egal. Interviews? Fehlanzeige. Der Wiener Rapper lebt in einer hochaktuellen Welt aus Selbstvermarktung, Imagepflege (man muss ja nicht lieb sein!) und Andocken an einen international gehypten Trend. Er legt codedurchtränkte Texte über willenlose Beats, wie es die Cloud Rapper anderswo so tun, und ist damit hierzulande so erfolgreich, dass beim Frequency die Ordner eingreifen mussten, um den übermäßigen Fan-Ansturm in die Halle im Zaum zu halten.

Während draußen ausgelaugte Felder beackert wurden, war drinnen also in den Dünger eine Prise Gift gemischt. Das wirkte.

Die entsprechende Programmschiene soll im kommenden Jahr noch ausgebaut werden, versprach der Veranstalter. Eine gute Nachricht.

Zielgruppenfokus

Draußen aber sollten am Donnerstagabend Mumford & Sons, der phasenweise wunderbar wüste DJ Flume, der absolute Publikumsmagnet Kraftklub und die andere Hälfte des schönen österreichischen Sommers der Popmusik, Wanda, folgen.
Die legten nach "Bussi, Baby" "Amore" nach; und der Auftakt ihrer Show mag jene Fans beruhigt haben, die – zu Unrecht! – vom neuen Song "0043" irritiert gewesen sein mögen: Die supermelancholische Nummer, die das Zeug zum Sommersoundtrack 2017 hat, wandelte sich live zum rasanten und verwechselbaren Wanda-Song. Verwechselbar, ein gutes Stichwort: Mumford & Sons bespielten zeitgleich die Hauptbühne, man fragte sich, warum.

Am Gelände rundherum gibt es sonst die übliche Qual der Konsumwahl: Kauft man etwas bei der Modemarke, die sich nach einer nicht ganz freundlichen Aufforderung benannt hat, sich selbst Geschlechtsverkehr zuzufügen? Oder doch lieber beim Hersteller superscharfer Profikameras, der mit einer Fotoausstellung zu punkten versucht? Appliziert man ein Kurzzeittattoo oder Aperol im Literbecher?

Und was sonst tun mit der Zeit, bis die dröge Realität wieder die tristen Fänge um einen breitet? Es gibt zur Ablenkung ein Riesenrad und einen Regenbogenmacher. Ein animierter Roboter sagte auf der Hauptbühne den nächsten Act an (sie werden uns alle Jobs wegnehmen!), die Nicht-VIPs können den VIPs nun auf Augenhöhe von einer eigenen Tribüne aus zuwinken. Aber, und das sagt viel über unsere Welt: Sie ahnen trotzdem nicht, wie super die VIP-Klos sind.