Kultur
06.04.2017

"Free Fire": Schuss in den Schulterpolster

Schwarzhumoriger Gaunerkomödie von Ben Wheatley geht die Luft aus.

"Auf welcher Seite bin ich eigentlich?"

Gute Frage, denn im Kugelhagel kann man leicht die Orientierung verlieren. Jeder ballert auf jeden. Aus Freund wird Feind und umgekehrt. An die alte Regel, dass man auf Frauen nicht zielen soll, hält sich auch keiner. Und sogar ein längst Totgeglaubter steht plötzlich wieder auf schießt wild um sich.

Peng. Peng.

Dass schwarzer Comic-Heft-Humor ein Steckenpferd von Brit-Regisseur Ben Wheatley ist, weiß man spätestens seit seiner Serien-Killer-Komödie "Sightseers". Zuletzt hat Wheatley im Namen von J. G. Ballard seine Sci-Fi-Groteske "High Rise" mit bizarren Einfällen vollgestopft. Umso entschlackter – zumindest was das Erzählvolumen anlangt – kommt "Free Fire" daher. Die Geschichte hält sich kurz: Ein Waffengeschäft zwischen einer irischen und einer britischen Gangsterbande läuft schief. Auch der Schauplatz ist beschränkt: Alles findet in einer Lagerhalle in Boston des Jahres 1978 statt.

Für seine Einraum-Gaunerkomödie hat Wheatley ein charismatisches Ensemble engagiert, das sich schlanke 90 Minuten gegenseitig abknallt, ohne dabei seinen Humor zu verlieren. Denn Ironie ist die große Zauberformel, mit der hier postmoderne Genre-Twist-Stimmung verbreitet werden soll. Schicke Typen – blendend: Armie Hammer und Cilian Murphy mit Seventies-Spitzkrägen und Rollpullover und Brie Larson im saftigen Retro-Look – wollen Geld gegen Waffen tauschen. Man plänkelt herum, was streckenweise ziemlich witzig ist. Vor allem Sharlto Copley als Gangster-Kasperl Vern ("Learn from Vern") spricht einen unsäglichen südafrikanischen Akzent, den die anderen für österreichisch halten.

Coolness-Formel

Es kommt zur Schießerei. Zuerst werden nur Schulterpölster und Oberschenkel getroffen, dann geht die Verwüstung richtig los. Auch die Coolness-Formel, dass man einen netten Pop-Song mit großer Gewalt kombiniert, ist dem smarten Wheatley nicht entgangen. Wozu hat man Tarantinos "Reservoir Dogs" gesehen?

John Denvers Liebeshymne "You Fill Up My Senses" heult seelenvoll aus dem Kasettenrecorder, während das Vorderrad eines Busses über ein Gesicht rollt. Der Anblick ist unschön, nichts weiter. Wheatley interessiert sich keine Sekunde für seine Figuren, also warum sollten wir es tun? Schade, aber egal.

INFO: F/GB 2016. Von Ben Wheatley. Mit Brie Larson, Armie Hammer, Sharlto Copley, Sam Riley.

KURIER-Wertung:

Maggie aus Bochum will Bulle werden

"Jung, brutal, weiblich" – was will man mehr von einem Film? "Tiger Girl" verspricht hippes, cooles und vielbeachtetes Do-It-Yourself-Kino aus Deutschland von Jakob Lass ("Love Steaks") – und beginnt erst in der zweiten Hälfte zu nerven.

Maggie ist eine junge Frau aus Bochum und will Bulle werden. Daraus wird dann nur ein Security-Lehrgang (die besten Szenen im Film!) – und gegen Männer kann sie sich auch nicht durchsetzen. Zum Glück taucht plötzlich eine schlagfertige junge Frau namens Tiger auf und hilft Maggie auf die Sprünge. Gemeinsam setzt man auf Girl-Power, schreckt Kleinbürger und macht Kung Fu. Allerdings findet Maggie bald zu viel Gefallen an der Gewalt, boxt Passanten nieder und entwickelt faschistoide Züge. Anarchische Energie verpufft zunehmend in angestrengten, pseudo-realistischen Szenarien und zerfaserten Action-Einlagen.

INFO: D 2016. 90 Min. Von Jakob Lass. Mit Ella Rumpf, Maria-Victoria Dragus, Enno Trebs, Orce Feldschau.

KURIER-Wertung:

Eine Handvoll Nerds verliert sich am Wiener WU-Campus im Quantenuniversum

Das Beste an "MindGamers" ist der Abspann. Da werden einem zu druckvollen Subbässen noch einmal Zitate der vergangenen 97 Minuten serviert – klar, kurz und prägnant. Attribute, die man dem Sci-Fi-Thriller mitnichten zuschreiben kann. Dabei wäre die Geschichte über die Manipulation menschlicher Gehirne vom Papier her spannend und von erkennbarer Aktualität: Das auf wissenschaftlichen Fakten basierende Drehbuch lässt eine Gruppe junger Studenten unter der Führung Jaxon Freemans (Tom Payne) menschliche Hirne miteinander vernetzen. Mithilfe der Quantentheorie sammeln und übertragen sie motorische und intellektuelle Fähigkeiten wie in einem großen Netz. Nach dem Motto: Mein Hirn ist auch dein Hirn. Der von Red-Bull-Tochter Terra Mater mitfinanzierte Film wurde unter der Regie von Andrew Goth in Bukarest und am WU-Campus in Wien gedreht. Als Lokalmatadorin ist Ursula Strauss als Professorin Da'Silva mit einer an ein Stinktier angelehnten Frisur mit von der Partie. Keine Traumrolle.

Ein rätselhafter, langweiliger, wirr erzählter, absurder und phasenweise unfreiwillig komischer Film. (Marco Weise)

INFO: Ö 2015. 97 Min. Von Andrew Goth. Mit Sam Neill, Tom Payne, Melia Kreiling. Ursula Strauss.

KURIER-Wertung:

Grenzbereich zwischen Verdrängung und Lüge

De mortuis nil nisi bene. Über Tote nichts außer Gutes.

Dieses lateinische Sprichwort kommt einem angesichts dieses Films in den Sinn – und zwar im doppelten Sinne. Zum einen, weil die mehr als zwiespältige „Heldin“ des Films, Brunhilde Pomsel, im Jänner dieses Jahres im Alter von 106 gestorben ist – und zum anderen, weil auch der Mann über den sie erzählt, schon tot ist: Brunhilde Pomsel war die frühere Sekretärin des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels. Gerade noch rechtzeitig vor ihrem Tod holten sie österreichische Dokumentarfilmer vor die Kamera. Im Film, der daraus entstand, geht

es um (ihre)Schuld oder Nicht-Schuld, ihr Wissen oder Nicht-Wissen. Bis dahin hatte Pomsel zu ihrer Rolle in Goebbels Vorzimmer beharrlich geschwiegen.

In „Ein deutsches Leben“ redet die zerbrechlich wirkende Dame, in deren Gesicht das Leben tiefe Spuren hinterlassen hat, unter anderem über ihre Zeit mit Goebbels, über den sie – dem obigen Zitat entsprechend – auch Jahrzehnte nach dessen Tod nichts Böses sagen will. Sie wirkt wie eine Frau mit immer noch klarem Verstand und präzisem Gedächtnis. Trotzdem geht es im Film nicht um neue historische Erkenntnisse, sondern um die erschreckend aktuelle Frage nach der Verantwortung des Einzelnen am politischen Zeitgeschehen.

Kaum zu glauben, dass sie im Vorzimmer der Macht so wenig von den Verbrechen des Regimes mitbekommen haben will. Zwei Stunden lang changiert die einstige Sekretärin des NS-Propagandaministers im trüben Grenzbereich zwischen Verdrängung, Lüge und angeblichem(?) politischen Desinteresse. Im Luftschutzbunker unterm Propagandaministerium hatte sie noch Goebbels Anweisungen in ihre Schreibmaschine getippt, nachdem sich dieser bereits selbst das Leben genommen hatte.

Schließlich sei sie dazu erzogen worden, nicht zu viele Fragen zu stellen und stattdessen verlässlich ihre Arbeit zu tun. „Preußisches Pflichtbewusstsein und ein bisschen auch dieses Sich-Unterordnen“, lautete ihre Devise. „Gehorchen und ein bisschen schwindeln dabei, oder lügen und die Schuld auf jemand anders schieben“, diese Haltung sei ihr als Berliner Kind mitgegeben worden. Über Goebbels aufpeitschende Rede „Wollt ihr den totalen Krieg?“ meint sie in diesem Film lapidar: „Es war ein Naturereignis, die ganze Menge konnte nichts dafür und er selber wahrscheinlich auch nicht.“

Wie konnte sie im Propagandaministerium der Nazis arbeiten und angeblich nichts mitbekommen von dem grausamen Terror, den Adolf Hitler, Heinrich Himmler und ihr Regime verbreiteten? Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Pomsel fünf Jahre in sowjetischer Gefangenschaft, was sie als höchst ungerecht empfand. Danach fing sie beim Südwestfunk an und arbeitete später als Chefsekretärin bei der ARD. Je länger man ihr zuhört, desto fassungsloser wird man. Und es regen sich beim Anschauen dieses Films auch diverse Selbstzweifel: Tragen wir vielleicht alle dieses Untertanen-Gen in uns? Jedenfalls sollte es nie zu spät sein, dagegen anzukämpfen.

Text: Gabriele Flossmann.INFO: Ö 2016. 114 Min. Von Florian Weigensamer, Olaf S. Müller, u.a. Mit Brunhilde Pomsel.

KURIER-Wertung:

Treuherziger Religionskitsch

Nachdem seine Tochter entführt und ermordet wird, fällt Familienvater Mackenzie in Depressionen. Bis er eines Tages einen Zettel im Briefkasten findet: Gott möchte ihn sehen, in einer Berghütte in Oregon. Obwohl er es für einen Trick des Mörders hält, macht sich Mackenzie auf den Weg – und trifft auf obskure Gestalten, die ihm offenbar der Himmel schickt.

Diese Auseinandersetzung mit Tod und Religion kann keinen kaltlassen. Im wahrsten Sinne des Wortes nicht: Glühende Begeisterung erntete warmherzige Darstellung eines unendlich liebevollen Gottes in dieser Geschichte – und entsprechend millionenfach wurde der gleichnamige Bestseller von William Paul Young, der ein Jahr lang auf der Bestseller-Liste der New York Times stand, weltweit verkauft.

Vergleichsweise kalt lässt einen dagegen der allzu treuherzige Religionskitsch, den dieser Film stellenweise vermittelt. Die Dialoge über die Frage „Warum gibt es Leid?“, über den Ursprung des Bösen, das Wesen Gottes und den Sinn der Welt und des Lebens sind zum Teil dem Roman entnommen, wirken aber im bonbonfarbenen Film weniger tiefsinnig.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: USA 2017. 133 Min. Von Stuart Hazeldine. Mit Sam Worthington, Octavia Spencer.

KURIER-Wertung: