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Interview
05/21/2016

Franzobel: "Kornblumen-Zunft ist Leuten egal"

Franzobel über Norbert Hofer, den Hass auf Intellektuelle und auf welche Reaktionen sich Österreich bei einem Wahlsieg der FPÖ einstellen kann.

von Stefan Kaltenbrunner

kurier.at: Haben Sie sich zu Beginn des Wahlkampfes gedacht, dass es zu dieser Stichwahl zwischen Blau und Grün kommen wird?

Franzobel: Anfänglich dachte ich, dass der mir unbekannte Hofer keine Chance haben wird und es nicht einmal in die Stichwahl schafft. Aber dann hat sich das sehr schnell gedreht und aufgeschaukelt. Dass Hundstorfer und Khol derart abstinken, hätte ich als gelernter Österreicher nicht für möglich gehalten.

Wie würden Sie das Phänomen Hofer beschreiben?

Er ist jung, relativ sympathisch, dauergrinsend, aber ich habe das Gefühl, dass er nicht ganz authentisch ist. Er ist mir zu NLP-gestylt und hat die Ausstrahlung eines Staubsaugervertreters, nur dass seine Staubsauger möglicherweise Flammenwerfer sind. Ein Transvestit von einem Politiker, ein Nachgemachter.

Warum wählen Ihn die Leute dann? Ist die Mehrheit der Wähler plötzlich rechts?

Ich denke, vielen Leuten ist diese Kornblumen-Zunft, die Strache und Hofer ja unbestritten vor sich hertragen, das offene Kokettieren mit Nazisymbolen und großdeutschen Burschenschaftsidealen, egal. Man interessiert sich entweder nicht dafür, oder es wird als linkslinke Propaganda abgetan. Hofer ist ja per se nicht unsympathisch, er ist der Jüngere, er sagt, er wird auf die eigenen Leute schauen, und das scheint für den Normalbürger ausschlaggebend.

Sind die Menschen heute weniger politisch gebildet oder interessiert?

Wie ich angefangen hab zu studieren, Mitte der Achtziger Jahre, hat unser Soziologieprofessor gesagt, zwei Drittel der Österreicher verstehen die Sprache der Zeit im Bild nicht. Ich weiß zwar nicht, wie das heute ausschaut, glaube aber nicht, dass die Leute dümmer geworden sind. Es gibt ja ein sehr großes Interesse an der Politik, was durchaus positiv ist. Die TV-Diskussionen hatten enorme Einschaltquoten und wenn nicht ein sogenanntes Traumtagerl ist, wird auch die Wahlbeteiligung sehr hoch sein. Dümmer sind die Leute also nicht, aber vielleicht zugänglicher für Schlagwörter und unwilliger, globale Zusammenhänge zu berücksichtigen.

Der Wahlkampf war sehr intensiv, vor allem in den sozialen Medien. Dort wurde mit allen Mitteln gekämpft, teilweise regierte der blanke Hass. Warum schaukelt sich das so auf?

Die Leute haben keinerlei Hemmungen mehr. Das hat viel mit den Flüchtlingen zu tun, vielleicht auch mit der diffusen Angst, betrogen und verkauft zu werden. Erstaunlich ist ja, wie die Österreicher auf die Ungarnkrise 1956 reagiert haben, da wurde viel gesammelt, waren die Leute viel ärmer als heute, aber hilfsbereiter, haben ihre Wohnungen zur Verfügung gestellt, geteilt. Jetzt gibt es dieses kapitalistische Leistungsdenken und das Ich-will-mehr-als-mein-Nachbar.

Die klassischen Verlustängste also?

Die Leute sind hochgradig unzufrieden, obwohl wir noch immer eines der reichsten Länder der Welt sind, und es uns immer noch sehr gut geht. Wellnessoasen, hochpreisige Restaurants, Supermärkte, Flughäfen – alles voll. Die Leute fahren teure Autos, machen Urlaube. Also kann man nicht sagen, den Österreichern geht es schlecht. Natürlich gibt es Menschen in prekären Verhältnissen, aber den meisten geht es gut und trotzdem sind sie unzufrieden und ängstlich. Es fehlt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das Vertrauen in den Menschen, Gelassenheit und Liebe.

Und jetzt sucht man sich ein Ventil, wählt also rechts. Weil dadurch alles besser wird?

Es ist vor allem die Angst vor den Fremden. Früher hatte man Angst vor der Ostöffnung, jetzt fürchtet man sich vor den Flüchtlingen. Man glaubt, die kosten sehr viel Geld, nehmen uns Wohnungen weg, bringen das Sozialsystem zum Kollabieren. Bei jungen Männern, die überwiegend Hofer wählen, kommt die Angst vor dem Revierverlust hinzu. Junge männliche Flüchtlinge, die vielleicht noch hübsch, potent und kraftstrotzend sind, werden als Rivalen empfunden, als Konkurrenten. Also man will keine Politik unterstützen, die solche Leute ins Land holt. Es geht also um Existenzängste, was ich schon nachvollziehen kann. Wenn jetzt lauter tolle Schriftsteller ins Land kämen, hätte ich wahrscheinlich auch mehr Angst.

Künstler werden in diesen Wahlkampf von der FPÖ harsch angegriffen. Da wird von Elite, Schickeria, den Oberen etc. gesprochen. Warum diese Intellektuellenfeindlichkeit?

Das ist nichts Neues, steht in der Tradition der unsäglich grauslichen „Jelinek, Turrini oder Kunst und Kultur“ -Plakate, und wird jetzt wieder ungeniert ausgelebt. Das hat mit Angst und Neid zu tun. Österreich war nie ein intellektuellenfreundliches Land, aber es gab schon einmal eine andere Wertschätzung der Künstler sowohl in der Ära Kreisky, als auch unter einigen Landesfürsten, während die FPÖ ganz offen gegen Künstler hetzt. Da gibt es unglaubliche Aussagen, Vergleiche mit Laufhäusern und andere Ungeheuerlichkeiten.

Gibt es überhaupt noch die klassischen Intellektuellen in Österreich? Ich habe den Eindruck es melden sich so wie früher ein Peter Turrini oder eine Elfriede Jelinek kaum noch Intellektuelle zur aktuellen politischen Lage zu Wort?

Es gibt hier sicherlich nicht das intellektuelle Niveau wie zum Beispiel in Frankreich, aber vielleicht sind viele den Kampf gegen die Windmühlen auch schon satt. Oft hat die eigene künstlerische Arbeit gerade nichts mit dem Sumpf der österreichischen Tagespolitik zu tun. Man bewirbt sich ja nicht darum, Meinung abzusondern, sondern wird geködert. Ich halte es schon für notwendig, weil Künstler relativ unabhängig und frei sind, als Korrektiv einzugreifen. Aber es gibt auch diesen unverhohlenen Hass in Form von Postings oder Shitstorms, untergriffige Beleidigungen, denen man sich auch nicht immer aussetzen will und kann.

Das heißt Social Media ist Schuld an dieser Entwicklung. Demokratiepolitisch wäre das bedenklich.

Das weiß ich nicht, aber die Poster beeinflussen die öffentliche Meinung, und das ist keine positive Entwicklung. Zumal man nicht weiß, wie viele Fake-Accounts und Cyborgs es gibt. Allerdings ist das ständig im Wandel, Postings liest wahrscheinlich eh schon keiner mehr, dafür gibt es halt Twitter-Trolle, Facebook-Fanatiker oder was weiß ich.

Auf welche Reaktionen können wir uns bei einem etwaigen Sieg der FPÖ einstellen?

Das wird man spüren. Für das Image Österreichs ist das sicher schädigend. Ich erwarte mir eine massive europäische Reaktion. Keine Sanktionen, aber eindeutige Signale. Ausladungen, Botschafter-Einberufungen, kleine Boykottaktionen. Eine Weile hatten wir Conchita Wurst und die schwulen Ampelpärchen, da galt Österreich schon als eines der weltweit liberalsten und tolerantesten Länder, das wird ins Gegenteil umschlagen. Es wird nicht von Dauer sein, aber eine Weile lang wird Österreich das zu spüren bekommen. Im Tourismus, in der Wirtschaft, überall. Das geringste Übel wird sein, wenn man unser Team bei der Euro auspfeift.

Verstehen Sie warum es von den großen Parteien keine offiziellen Wahlempfehlungen gibt?

Das finde ich eigenartig, weil sich ja viele führende Politiker für Van der Bellen ausgesprochen haben. Aber das hat wie so oft in der Politik sicher mit Feigheit zu tun, man will sich alle Türen offen halten.

Zur Person: Franzobel (49) ist ein österreichischer Schriftsteller. Der gebürtige Oberösterreicher studierte in Wien Germanistik und Geschichte. Seit 1989 ist er als freier Schriftsteller tätig. Er hat zahlreiche Theaterstücke, Prosatexte und Lyrik veröffentlicht. 1995 wurde er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Jüngst veröffentlichte er auch zwei Kriminalromane.

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