Franz Schuh über den ORF in der Zwickmühle

Philosoph, Essayist, Kolumnist, Universalgelehrter: Franz Schuh (Mitte), 1947 in Wien geboren, schreibt im KURIER. Über den Populismus à l’ORF: "Direktoren entwickeln keine, der neuen Lage entsprechende Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie gucke
Foto: ORF/APA/Milenko Badzic, APA, ORF/APA/Ali Schafler

Zum ORF gibt's viele Meinungen. Wenige Tage vor der Wahl sollen auch Konsumenten wie der Essayist Franz Schuh (und andere) zu Wort kommen.

Der ORF ist eine der Institutionen, auf die man folgenlos schimpfen kann, und davon machen viele Österreicher Gebrauch. Vor Jahren hat der Schriftsteller Michael Springer den jetzt wiederum scheinaktuellen "Staberl" dadurch charakterisiert, dass er ständig aufreibt und nie hinhaut.

Die stolze europäische Geschichte der Freiheit reduziert sich manchenorts darauf, dass man das Fernsehprogramm kritisiert. Die gereizte Unzufriedenheit mit dem Fernsehen ist der letzte Rest der Teilhabe am Ganzen, ein Überbleibsel eines Interesses an der Demokratie, die als Post-Demokratie, wie sie der Politologe Colin Crouch nennt, schweren Zeiten entgegengeht.

"... dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk dem Publikum gehört"

Mit dem öffentlich rechtlichen Rundfunk und seinem Publikum gibt es ein grundsätzliches Problem: Ich weiß nicht, wie es juristisch, also "formalrechtlich" aussieht, aber eine solche Art von Rundfunk hat seinen Sinn darin, dass er den Leuten, die Gebühren zahlen, gehört. Er gehört der Öffentlichkeit. Aber diese Eigentumsverhältnisse lassen sich in einer komplexen Gesellschaft nicht unmittelbar darstellen.

Unmittelbar wäre, wenn jeder hinginge, den Küniglberg erklömme, dort klarmachte, welches Programm er wünsche, und dann gleich einen Mitarbeiter mit nach Hause nähme, vielleicht einen aus der Technik.

Der könnte gute Dienste leisten. Da man aber nicht immer praktisch denken soll, sondern auch spirituell, nimmt man zum Beispiel Barbara Karlich mit, um daheim mit ihr gemeinsam stundenlang zu schweigen.

Das ist leider nicht möglich. Öffentliches Eigentum muss organisiert, "verwaltet" werden. Und schon beginnt die Misere: Es entsteht eine arrogante Bürokratie, Leute, die
angeblich wissen, wie Fernsehen gemacht wird. Ihre Selektion erfolgt in Analogie (oder zumindest nicht in Widerspruch) zu den sonst auch herrschenden Verhältnissen.

Lesen Sie auch, was Österreicher in einer Straßen-Umfrage über den ORF sagen:

Parteiendemokratie fast am Ende

Die Parteiendemokratie ist selbst fast am Ende - wie das Parlamentsgebäude, das sie nicht mehr renovieren kann. So kommt es, dass mein Eigentum durch lächerlichste Veranstaltungen organisiert und in Schuss gehalten wird. Wie die Wahl des Generaldirektors abläuft, ist von einer solchen anmaßenden Blödheit, dass man Menschen, die sich dafür hergeben müssen, bedauert, auch wenn sie, einmal gewählt, das große Wort führen.

Über all das geht der Sinn dafür verloren, dass der öffentliche Rundfunk dem Publikum gehört. Noch ist dem Publikum wenig eingefallen, wie es sein Eigentum für sich reklamiert.
Die Leute - sich selbst schädigend - schimpfen lieber über das, was ihnen gehört, als über das Privatfernsehen, das sie adoptiert haben. Die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist ihnen fremd geworden, aber vom Privatfernsehen glauben viele Leute, dass es ihnen gehört: Das ist ihr Programm. Da die Demokratie nicht bloß in Ausnahmen populistisch ist, reagieren die demokratisch gewählten Direktoren nachgiebig. Sie entwickeln keine, der neuen Lage entsprechende Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Sie gucken sich von den Privaten ab, wie man's macht, und erfinden eine Rhetorik, der gemäß das selbe wie im Privatsender im öffentlich rechtlichen Rundfunk doch etwas ganz anderes ist. Am schlimmsten war der Einkauf von Dominic Heinzl, mit dem man die eigene Seitenblick-Marke beschädigte, vor allem aber zeigte, für wen das öffentlich-rechtliche Herz so sehr schlägt, dass man das Programmangebot dafür verdoppelt.

Die Beute

Helmut Thoma, der Ex-Häuptling der TV-Achse des Bösen, riecht natürlich die sich ergebende Beute. Die Zeit öffentlich-rechtlicher Sender sei vorbei. Das System von öffentlich finanzierten Medien habe "keinerlei praktische Rechtfertigung mehr", ihre einzige Berechtigung sei, dass sie "von der Politik erwünscht sind". Und er fordert mehr öffentlich-rechtliche Inhalte, die, man höre und staune, von der öffentlichen Hand finanziert, aber von den Privaten produziert werden sollen.

So steckt der öffentlich rechtliche Rundfunk im Doppelnelson: Einerseits zerren an ihm die Privaten, anderseits die Politik, und in "Thema" läuft zum Thema große Persönlichkeiten: "Sally - Hausfrau und Hure."

Zur Person: Ein Universalgelehrter

Philosoph, Essayist, Kolumnist, Universalgelehrter: Franz Schuh (Mitte), 1947 in Wien geboren, schreibt im KURIER. Über den Populismus à l’ORF: "Direktoren entwickeln keine, der neuen Lage entsprechende Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie gucke Foto: ORF/APA/Milenko Badzic, APA, ORF/APA/Ali Schafler Philosoph, Essayist, Kolumnist, Universalgelehrter: Franz Schuh (Mitte), 1947 in Wien geboren, schreibt im KURIER. Über den Populismus à l’ORF: "Direktoren entwickeln keine, der neuen Lage entsprechende Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie gucken von Privaten ab", wie bei Heinzl geschehen. Der ORF gehört allen: Man könnte, schlägt Franz Schuh vor, Barbara Karlich mit nach Hause nehmen.

Franz Schuh
Studiert hat er Philosophie, Geschichte, Germanistik. Bekannt ist: Franz Schuh hat in seiner Wiener Wohnung drei Schreibtische. Alle angeräumt. Er arbeitet als freier Journalist. Nie hat er verschwiegen, dass er sich gern TV-Serien anschaut.

Bücher
In seinen "Memoiren" (Zsolnay, 2008) führte Franz Schuh ein Interview mit sich selbst bzw. gegen sich. Am 29. August erscheint "Der Krückenkaktus" (siehe Cover, ebenfalls bei Zsolnay) - seine Liebeserklärung an die Literatur. Er fragt: Was ist "gut"?

(für den KURIER / Text: Franz Schuh) Erstellt am
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