Franz Ferdinand-Frontman Alex Kapranos

© Florian Wieser

Franz Ferdinand
08/23/2013

Urknall, Tod und dubiose Postkarten

Sänger Alex Kapranos spricht im Interview über das neue Album und den ewigen Kampf zwischen Intellekt und Emotion.

von Brigitte Schokarth

Nach dem Comeback-Auftritt beim FM4-Frequency-Festival haben Franz Ferdinand soeben ihr viertes Album "Right Thoughts, Right Words, Right Action" veröffentlicht. Mit tanzbaren Gitarren-Riffs, mitreißenden Melodien und die für Songwriter Alex Kapranos typischen Texte zwischen Zynismus und Reflexionen die Welt, kehrt das britische Quartett damit wieder zur Form des Anfangsjahre zurück.

Was sind die richtigen Worte, die richtigen Taten und die richtigen Gedanken?
Alex Kapranos: Das ist eine gute Frage! Der Albumtitel ist eine Zeile aus dem Song „Right Action“ und bezieht sich auf die Stimmung in der Band, als wir „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ aufnahmen. Alles fühlte sich so positiv an. Ich habe diese Produktion mehr als jede andere genossen. Und ich bin sicher, das kann man hören.

Im Internet gibt es ein Zitat von Ihnen, demnach sie mit diesem Album Ihren Drang, zynisch zu sein, überwinden wollten. Aber wenn ich mit die Texte anhöre, finde ich, dass Ihnen das nicht wirklich gelungen.
In mir wird immer der Zyniker mit dem Optimisten kämpfen. Aber es ging mir bei dem Album nicht darum, ihn zu überwinden. Es geht mehr um . . . äh . . . Zum Beispiel ein Song wie „Fresh Strawberries“: Dabei geht es um diesen ständigen Kampf zwischen der logischen und der spirituellen Seite unseres Daseins. Einerseits haben wir den Wunsch, alles, was uns umgibt, zu hinterfragen. Andererseits auch eine tiefe spirituelle Sehnsucht nach etwas, das wir blind glauben können, das wir nicht hinterfragen müssen. Quer durch das Album versuche ich, so viele Fragen wie möglich zu diesem Konflikt aufzuwerfen.

Ist der „Fresh Strawberries“-Konflikt einer, den Sie selbst durchgemacht haben?
Wenn man jünger ist beschäftigt man sich vermutlich viel mehr mit solchen existenziellen Fragen. Wenn man älter wird, nehmen viele andere Aktivitäten und Verpflichtung den Raum ein, den man sich früher solchen Fragen zugestanden hat. Aber egal, an welchem Punkt man in seinem Leben gerade ist, wenn man für einen Moment Pause mit den Alltagaktivitäten macht und sich selbst Raum und Zeit gibt, kommen diese Fragen in jedem Menschen wieder auf. Die sind immer mit uns.

Wie hängt der Song „Right Action“ mit all dem zusammen?
Angefangen hat es damit, dass ich auf einem Markt eine Postkarten-Sammlung entdeckte. Die waren alle leer. Bis auf eine, die geschickt worden war. Auf der stand: „Komm heim! Nahezu alles ist beinahe vergessen!“ Diese unentschiedene Aussage hat in mir Gedanken darüber ausgelöst, wie wir Emotionen immer durch Gedanken bewerten und nie rein sein lassen können. Die Art wie wir miteinander kommunizieren und dabei auch ständig diesen Konflikt zwischen reinen Emotionen und dem Hinterfragen dieser Emotionen haben. Ich dachte dann, was ist ein positiver Gegenentwurf dazu? Und da kam ich auf die richtigen Gedanken, die richtigen Worten und die richtigen Taten. Diesmal hat dann schon der Optimist in mir über den Zyniker gesiegt.

Ist „Goodbye Lovers & Friends“ eine Art Abschieds-Song?
Ich hatte ein Buch über den Tod und das Begräbnis von Francois Mitterrand gelesen. Und dabei hat mich fasziniert, wie an seinem Grab Freunde, Politiker, Verwandte, Bekannte, seine Kinder, seine Frau und seine Geliebte zusammenkamen. Ich dachte, so ist das Ende des Lebens ein unglaublicher Moment, in dem man eine letzte Chance hat, allen Menschen, die wichtig für einen waren, eine Botschaft mitzugeben. Die meisten Leute machen das mit der Musik, die sie beim Begräbnis spielen lassen. Zur gleichen Zeit war ich selbst auf zwei Beerdigungen. Da spielten sie einmal Pop-Songs, die eindeutig die Lieblingstitel des Verstorbenen waren, was aber für die Trauergäste eine Tortur war. Beim anderen spielten sie einen Song von Robbie Williams. Und der war wie eine wunderschöne Abschiedsbotschaft, sozusagen die letzten Worte der verstorbenen Person.

Und da haben Sie sich überlegt, welche Musik Sie zu ihrem Begräbnis gespielt haben wollen?
Nicht ganz. Der Song ist auch nicht diese Art Abschiedsbotschaft. Ich sage darin nur, was ich mir wünsche, was dabei passieren soll. Nämlich, dass die Leute nicht sentimental werden, dass sie sich an die schlechten Zeiten genauso erinnern wie an die guten. Und dass sie nichts erzählen und erfinden, was nicht stimmt - weil es schon toll genug ist, dass sie sich überhaupt an mich erinnern.

Sie lesen generell sehr viel. Gibt es noch einen Song auf dem Album, der von einem Buch inspiriert wurde?
„Universe Expanded“ ist so einer. Der wurde von einem Buch über den Urknall inspiriert. Die Annahme der Wissenschaft ist, dass sich das Universum seit dem Urknall ausdehnt, sich aber an einem gewissen Punkt wieder zusammenziehen wird. Da werden dann nicht nur die Distanzen kleiner, es wird auch die Zeit rückwärts laufen. Im Song habe ich das auf zwei Liebende projiziert, die durch den Tod getrennt wurden, aber sagen, es macht nichts, denn wenn die Zeit rückwärts läuft, werde ich dich wieder treffen. Damit die Einsamkeit in diesem Song zwar spürbar, aber nicht hoffnungslos und mechanisch wirkt, wollte ich die Basis-Beats nicht mit dem Computer basteln, sondern habe dafür nur Körper-Sounds genommen. Der Grund-Rhythmus ist ein Mikrofon, das an einer Brust aufliegt, auf die geklopft wird - so dass man fast das Gefühl hat, man spürt den Herzschlag eines Menschen, dem man physisch sehr nahe ist. Und die Percussion besteht aus Fingernägeln, die auf der Gesichtshaut kratzen und Fingerkuppen, die auf einen Nacken klopfen.

Alles in allem also ein Album, ohne große politischen Botschaften.
Ich glaube, da geht es mir wie den meisten Leuten meiner Generation. Wir haben generell ein Unbehagen mit der Politik. Wir sind desillusioniert und keiner bestimmten politischen Strömung zugetan. Ich denke, das führt uns wieder auf „Fresh Strawberries“ zurück - auf das, was ich über den Konflikt zwischen dem Wunsch, zu hinterfragen, und dem Wunsch nach einer spirituellen Wahrheit gesagt habe. Das 20. Jahrhundert war das des Hinterfragens. Jetzt im 21. Jahrhundert ist es fast so, als hätten wir dadurch alle Glaubenssysteme und die starken politischen Systeme verworfen. Und ich halte es für sehr beängstigend, dass an deren Stelle jetzt ganz extreme Systeme treten. Speziell mit meinen griechischen Wurzeln, sehe ich, was dort mit dieser rechtsextremen „Golden Dawn“-Partei vor sich geht. Da gibt es leider entsetzlich negative Tendenzen. Also ist es ganz wichtig beim Hinterfragen zu bleiben. Wir müssen unbedingt weiter alles hinterfragen.

Das neue Franz-Ferdinand-Album auf Spotify

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