Kultur
06.10.2017

Einer muss der Letzte sein

Flake, Keyboarder von Rammstein, erzählt sich mit "Heute hat die Welt Geburtstag" selbst sein Leben.

Manche Sachen glaubt man erst, wenn man sie erlebt hat. Manche auch dann nicht. Manchmal muss man sie erst aufschreiben, um sie zu kapieren. Das mit dem Aufschreiben hat Christian Lorenz alias Flake nun gemacht. Das Mitglied der deutschen Rockformation Rammstein blickt in seinen soeben veröffentlichten Musiker-Memoiren auf die frühen und mittleren Jahre der Band zurück. Diese Erinnerungen vermischt er mit aktuellen Ereignissen und einer Art Liveticker aus dem sterilen Backstageraum in Budapest, aus dem sich Flake meldet. Die kurzweiligen Geschichten reichert er mit teilweise gnadenlos ehrlichen Sätzen an: "So richtig Ahnung habe ich übrigens von überhaupt nichts", schreibt Flake etwa über sich selbst.

Punk

Der 1966 in Ostberlin geborene Keyboarder der international gefeierten deutschen Rockband, die Gerüchte über eine mögliche Auflösung kürzlich dementierten, berichtet über seine (glückliche) Jugend in der DDR, erste Auftritte mit der Punk-Combo Feeling B in halb leeren Dorfsälen und über den Aufstieg von Rammstein. Dabei wechseln sich lustige Passagen mit banalen Tourtagebucheinträgen ab. Dazwischen stellt sich Flake im Selbstgespräch immer wieder Fragen wie "Darf man als Punk noch bei seinen Eltern wohnen?" Seine Antwort lesen Sie auf Seite 13. Im Buch präsentiert sich der Musiker als sympathischer Anti-Held, der zwar Teil einer extrem erfolgreichen Rockband ist, aber den Star niemals raushängen lässt. Sondern eher den schüchternen Normalo von nebenan, den alle irgendwie ignorieren. "Bei einem Voting im Internet, bei dem nach dem beliebtesten Rammstein-Mitglied gesucht wurde, kam ich erst an sechster Stelle. Das ist bei sechs Leuten nicht so gut, aber einer muss ja der Letzte sein. Und da ist es schon besser, wenn ich das bin, denn ich tue so, als wäre es mir egal."

"Heute hat die Welt Geburtstag" (S. Fischer Verlag) ist bereits das zweite Buch von Flake. In seiner ersten Veröffentlichung mit dem Titel "Der Tastenficker" (2015) erzählt er auf unterhaltsame Weise, wie er das wurde, was er ist. Und zwar Organist bei Rammstein. Und ihr Bandkasperl, der vom muskelbepackten Sänger und Bandsadisten Till Lindemann bei Konzerten gerne gegrillt wird – mit dem Flammenwerfer. Flake darf sich davor aber noch in eine brandschutzsichere Kiste retten. Das gehört zur Show – die immer wichtiger wird. Menschen wollen ein Spektakel, kein Konzert. Musik allein, genügt oft nicht mehr.

Vorspiel

Früher war das noch anders – "besser", erinnert sich Flake. Man hatte "früher als Musiker vor, während und nach dem Konzert Sex. Die Musiker strahlten das auch aus. Jedes Gitarrensolo war ein Vorspiel. Die Hemden waren immer bis zum Bauch aufgeknöpft. (…) Bei den Stones standen die Frauen vor den Hotelzimmern der Musiker geduldig in einer Schlange an, bis sie drankamen. Das ist nicht zu fassen. In einer Schlange!" Heute wäre so etwas schon rein technisch nicht mehr möglich, da man "im Hotel die Zimmerkarte in einen Schlitz im Fahrstuhl stecken muss, sonst fährt der erst gar nicht los."

Beim Lesen der über 350 Seiten erfährt man einiges über Flakes "kleines Leben", das sich schon zu weit vom Rock ’n’ Roll entfernt hat; über Rammstein, deren Konzerte, die feuerpolizeilich bedenklich sind und darüber, was Sänger Till Lindemann schon alles an Tankstellen klaute.

Dieses Buch ist ein unterhaltsamer Lebensabschnittspartner – auch für jene Menschen, die mit Rammstein und deren Musik nichts anfangen können.