ORF-Wahl
08/07/2016

Finale bei der rot-schwarzen Schlacht um den ORF

Finanzdirektor Richard Grasl und Generaldirektor Alexander Wrabetz in einem letzten Interview.

von Christoph Silber, Philipp Wilhelmer

Die Wahl zum ORF-Generaldirektor könnte eine simple Personalentscheidung in einer öffentlichen Institution sein. Es wäre aber nicht der ORF, wenn die Debatte um die Unternehmensführung nicht zu einem politischen Wahlkampf umgedeutet würde. Rot (Alexander Wrabetz) gegen Schwarz (Richard Grasl) lautet das Match um die Unternehmensführung. Beide haben im obersten ORF-Gremium, dem Stiftungsrat die Machtblöcke ihrer Parteien hinter sich und pokern um die Stimmen von FPÖ, Grünen, Neos, Unabhängigen und Betriebsräten.

35 Mitglieder sitzen im Stiftungsrat, 18 sind mindestens nötig, um gewählt zu werden.

Stellvertreterkrieg

Die Wahl hat weit über den ORF hinausgehende Implikationen: Die SPÖ/ÖVP-Koalition liefert sich hier einen Stellvertreterkrieg, der sich gewaschen hat – ein Verlust bei der ORF-Wahl gilt als weitreichende politische Niederlage. Vergleiche zur Ära Wolfgang Schüssel werden bemüht. Er "verlor" den ORF 2006, als die von der ÖVP unterstützte Amtsinhaberin Monika Lindner ihrem Finanzdirektor Alexander Wrabetz und dessen Regenbogenkoalition unterlag.

Heute ist das Match wieder umgekehrt: Ein roter Amtsinhaber, der von seinem Finanzdirektor (Grasl) herausgefordert wird. Verliert Wrabetz, ist auch Bundeskanzler Christian Kern beschädigt, verliert Grasl, ist die ÖVP mit ihrem Konfrontationskurs zwischen mehreren innerparteilichen Lagern ebenso gescheitert – so oder so: Das Koalitionsklima wird dadurch belastet sein.

Ernst zu nehmende Konkurrenz meldete sich diesmal wieder nicht, nachdem klar war, dass die Schlacht um den Küniglberg parteipolitisch geschlagen wird. Das hat schlechte Tradition: Schon 2011 hatte etwa Gerhard Zeiler seine geplante Kandidatur abgeblasen, weil die SPÖ-Führung ihm deutlich machte, man werde sich im Stiftungsrat hinter Wrabetz stellen. Auch heuer gab es für das Milliardenunternehmen – immerhin eine der größten Rundfunkanstalten Europas – keine Bewerber von anderen Medienhäusern im In- und Ausland.

Grasl: Der Herausforderer mit Zug an die Spitze

KURIER: Die Wortwechsel werden im Wahlkampf-Finale heftiger. Auf das berühmte gemeinsame Achterl werden Sie und Alexander Wrabetz nicht so schnell mehr gehen.

Richard Grasl: Aber sicher doch. Es liegen zwei sehr unterschiedliche Konzepte für den ORF vor. Da ist in einigen Punkten die Auseinandersetzung auf Sachebene etwas ruppiger, in anderen nicht so sehr. Ich glaube aber, dass auf der persönlichen Ebene nichts passiert ist, was unser Verhältnis so sehr trüben müsste, dass sich nicht ein Achterl oder ein Kaffee ausgehen würden.

Wie realistisch ist es, dass Sie am Dienstag Generaldirektor werden?

Ich habe viele Gespräche mit Stiftungsräten über mein Konzept geführt, das für Veränderung steht, während das andere grosso modo den Status quo fortführt. Mein Eindruck war, dass viele Veränderungen wollen.

Kritiker meinen, Ihr Konzept sei egozentrisch. Es kommt sehr häufig das Wort "Ich" vor – ich will, ich werde, ich mache.

Weil ich das Konzept selbst geschrieben habe und voll dahinterstehe. Hier geht es um Glaubwürdigkeit und nicht um Egozentrik. Wenn man sagt "ich stehe für etwas", kann man davon ausgehen, dass es umgesetzt wird. Wenn man schreibt "man sollte", hat das weniger Verbindlichkeit.

Deshalb glauben manche Stiftungsräte nicht, dass Sie als GD nur ein "Koordinator" wären.

Das steht auch nicht im Konzept. Der Generaldirektor ist der stärkste Teil in einer Geschäftsführung, die den Kurs gemeinsam vorgibt. Und dafür gibt es genaue Regeln und maximale Transparenz. Aber dass es so bleibt wie jetzt, dass einer allein alles entscheiden kann, halte ich für nicht richtig. Ich bewundere da die Flexibilität des Generaldirektors, der vor Kurzem noch auf dem Alleingeschäftsführer beharrt hat und nun auch plötzlich positive Seiten an einem Board-Systems findet. Insofern hat meine Bewerbung bereits eine Veränderung zum Positiven bewirkt. Nur ganz glaubwürdig ist das nicht mehr.

Wenn es um Ihre Person geht, wird immer Ihre Sozialisierung im schwarzen ORF-Niederösterreich angeführt, politische Punzierung inklusive.

Klar wird das versucht. Aber ich habe zu allen Seiten eine exzellente Gesprächsbasis, daher geht das ins Leere. Und zum Landesstudio: Es ist kein Nachteil, wenn man den ORF nicht nur von der Direktionsetage aus kennt, sondern auch aus einem Landesstudio. Die einzige parteipolitische Aussage in den letzten Wochen war, dass Kanzler Christian Kern Alexander Wrabetz zum SPÖ-Kandidaten erklärt hat.

Sie haben sechs Jahre lang die ORF-Finanzen verantwortet. Die wurden saniert. Jetzt zeichnet Ihre Bewerbung ein düsteres Zukunftsbild, das die Rating-Agentur des ORF alarmiert haben soll.

Ich halte das für eine der vielen Nebelgranaten. Die Darstellung in meiner Bewerbung entspricht völlig jener, die der Agentur im letzten Rating-Prozess vorgelegen und dem Stiftungsrat bekannt ist. Das ist also eine ausgesprochene Wahrheit, dass wir in den nächsten fünf Jahren strukturell Reformen durchführen müssen, und es ist nichts düster, aber sehr herausfordernd.

Eine – unfinanzierbare – Idee ist Ihr Bundesländer-TV-Kanal.

Stimmt nicht. Die Frequenzkapazitäten sind vorhanden, weil sie für "Bundesland heute" benötigt werden– warum sie also nicht stärker nutzen? Gesendet werden sollen Inhalte, die schon im ORF und in den Landesstudios vorhanden sind und daher auch nichts zusätzlich kosten. Darüber hinaus möchte ich ein Angebot an andere Sender aussprechen, die ihren qualitätsvollen österreichischen Content hier einbringen und diesen Bundesländer-Kanal eventuell gemeinsam mit dem ORF bestreiten können. Ich würde dazu sofort nach meiner Wahl in Gespräche eintreten.

An wen denken Sie da?

An Sender mit Qualitätscontent. Ich finde zum Beispiel, dass bei ServusTV viele interessante Produktionen laufen, die eingebracht werden könnten.

Zur Einnahmenseite und der Werbung: Weil die Cashcow Ö3 den Spagat zwischen den Altersgruppen nicht mehr schafft, soll FM4 umgebaut werden.

Interne Studien zeigen, dass Ö3 das junge Segment nicht mehr so wie früher abdeckt. Aus meiner Sicht kann da am ehesten FM4 helfen. Mit einigen Feinjustierungen auch im musikalischen Bereich ist das möglich, das wird mit den Radioverantwortlichen zu diskutieren sein. Ich will aber FM4 als kulturell und qualitativ hochwertigen, teils fremdsprachigen Sender erhalten. Man kann diese Studien, die der Generaldirektor beauftragt hat, natürlich auch ignorieren – aber ich würde solche Herausforderungen dann auch thematisieren.

Wenn es ums Werbegeld geht, bricht der ORF auch Gesetze.

Natürlich muss sich der ORF an die Gesetze halten. Es gibt aber aufgrund der Entwicklungen im Medienmarkt Bereiche wie etwa Social Media, bei denen das Gesetz bzw. dessen Wortlaut nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Ich sehe aber nicht, dass der ORF systematisch Regeln verletzt.

Eine Ihrer Programmideen ist einer große Diskussionssendung. Wird Armin Wolf dort verräumt?

Über die Gerüchte, was ich alles vorhabe, damit Armin Wolf nicht mehr die "ZiB2" macht – vom Info-Direktor bis zur Wolf-Show –, amüsieren wir uns mittlerweile. Er ist ein absolutes Aushängeschild für die "ZiB2". So lange er will, wird er sie moderieren.

Werden Sie beim Hearing am Dienstag auch über die Besetzung der Direktionen reden?

Ich werde meine Vorstellungen nennen, wobei ich betone, dass ich großen Respekt vor Bewerbungsverfahren habe. Auch jetzt hat man ja gesehen, dass ein Wettbewerb der Ideen viel Neues bringt.

Bei der Info haben Sie andere Vorstellungen als Wrabetz.

Der Generaldirektor will ja selbst gleichzeitig auch Super-Info-Direktor sein, der muss sich also über Personen keine Gedanken machen. Ich habe hingegen für diese Position eine absolut unumstrittene journalistische Kapazität.

Interview: Christoph Silber

Zur Person: Richard Grasl

Seinen ersten Artikel schrieb er mit 16. Trotzdem studierte Grasl zunächst Handelswissenschaften in Wien. Er arbeitet bei einer Schweizer Unternehmensberatung und einem österreichischen Steuerberater. 1992 war der erste Kontakt zum ORF-Studio Niederösterreich, 1997 wird er angestellt und moderiert „Niederösterreich heute“. 1999 wechselt er zur „ZiB2“ nach Wien. 2002, mit erst 29 Jahren, avanciert er zum Chefredakteur beim ORF NÖ. Ende 2009 wird der heute 43-Jährige Kaufmännischer Direktor im ORF.

Wrabetz: Der General, der gerne lang nachdenkt

KURIER: Am Dienstag findet die Wahl statt. Wie realistisch ist es, dass Sie gewählt werden?

Alexander Warbetz: Sehr.

Wenn Sie gewinnen, werden Sie eine erbitterte schwarze Opposition im Stiftungsrat bei allen großen Projekten bis hin zur Gebührenerhöhung vorfinden. Das gab es schon einmal – das Unternehmen geriet in ziemliche Schieflage.

Man muss schauen, dass man entstandene Gräben wieder zuschüttet, das Unternehmen insgesamt wieder aus der parteipolitischen Diskussion herausführt, und dann findet man auch die Mehrheiten. Die Probleme waren damals im Wesentlichen von der Lehman-Pleite verursacht. An der war nicht die Opposition im Stiftungsrat schuld.

Sie mussten dennoch Richard Grasl zum Finanzdirektor machen, damit Sie die Gebührenrefundierung von 160 Mio. von der Regierung bekommen. Ganz ohne ÖVP ging es nicht.

(lacht) Es ist mir letztlich immer gelungen, den nötigen Konsens zum richtigen Zeitpunkt wieder herzustellen.

Sie beide warnen mittlerweile in Interviews voreinander. Wie gefährlich wäre Grasl denn als Generaldirektor?

Wir sind ja in einem demokratischen Land und daher ist hier niemand gefährlich. Aber es ist falsch, soviel Macht in der Generaldirektion zu vereinen. Zu sagen, man verlagert die kaufmännische Direktion ins Büro des Generaldirektors ist verlockend, aber von der Governance her vollkommen falsch.

Auch Sie haben in Ihrem Konzept eine Board-Lösung für die Geschäftsführung angekündigt. Wie funktioniert die bei Ihnen? Der Unterschied ist der, dass ich bestimmte Entscheidungen per Geschäftsordnung wirklich im Board treffen will. Ich will auch alle Direktoren weisungsfrei stellen und klarstellen, dass es – wie bisher – redaktionelle Weisungen von der Geschäftsführungebene nicht geben kann. Das steht auch im Redakteursstatut und ergibt sich aus dem ORF-Gesetz.

Sie wollen einen Chief Digital Officer. Führen Sie einen heimlichen fünften Fachdirektor ein, ohne ihn so zu nennen?

Ich glaube, dass es sinnvoll ist, das Thema auf die erste Ebene zu heben – aus sachlichen Gründen.

Er hat das Pouvoir eines Direktors, aber Sie können ihn selbstständig vergeben, weil er nicht vom Stiftungsrat gewählt werden muss? Er wird mit Prokura ausgestattet sein und da bestimmt der Stiftungsrat genauso mit.

FP-Stiftungsrat Norbert Steger findet, Sie würden das Unternehmen "an die Wand fahren" und will über Personal reden.

Er war ja doch einer, der meine Tätigkeit bisher immer wieder deutlich positiv beurteilt hat. Daher werde ich mit ihm noch ein Gespräch führen, wie er das gemeint hat. Es ist aber jetzt nicht die Zeit für Personalvereinbarungen.

Sie wollen eine etwa einstündige Infosendung namens "@1" für ORFeins. Um welche Uhrzeit wird die laufen?

Sie soll werktäglich im Hauptabend sein. Ich glaube, dass die Zeit reif wäre, dem geänderten Publikumsverhalten in der Zone zwischen der 19.30 Uhr-"ZiB"und der "ZiB2" Rechnung zu tragen. Eine Informationssendung für die Millennial-Generation, durchaus auch mit neuem Themen-Mix.

Kürzlich gab es ein Urteil der Medienbehörde zum Frühstücksfernsehen: Die Aufteilung in unterschiedliche Sendungsblöcke ist nicht zulässig und die Werbung dazwischen verstößt gegen das ORF-Gesetz. War das nicht vorhersehbar?

Unsere Juristen haben da eine sehr plausible Argumentation. Wir haben dagegen berufen. Bis zur Entscheidung tragen wir den Bedenken der KommAustria Rechnung. Da geht es auch nicht um nennenswerte Summen.

Es handelt sich immerhin um ein paar Hunderttausend Euro Werbeentgang. Für jeden von uns eine nennenswerte Summe, jedoch nicht in Relation zu den Gesamtwerbeeinnahmen. Einen großen Teil kann man so organisieren, dass die Einnahmen nicht verloren gehen.

Ihr Vertrauter Pius Strobl ist wieder im ORF tätig. Es wird kolportiert, dass er über 20.000 Euro Akontozahlungen bekommt. Das entspricht einem Direktorengehalt. Was macht er dafür?

Die Summe kann ich nicht bestätigen. Er ist der oberste Manager, also Bauherren-Vertreter für das Gesamtprojekt Küniglberg neu. Das ist ein 24-Stunden-Job, wo wir in der Geschäftsführung – übrigens gemeinsam – entschieden haben, dass wir diese Funktion einrichten. Wir brauchen einen Top-Profi mit Kenntnis des Hauses. Er hat sehr viel dazu beigetragen, dass wir wieder auf einem sehr guten Kurs bei dem Projekt sind und den Verkauf der Argentinierstraße so erfolgreich abschließen konnten.

Gibt es einen Vertrag mit ihm? Was ist darin vereinbart?

Verträge werde ich nicht öffentlich kommentieren. Im Übrigen werden wir die Projektstruktur in den nächsten Wochen auf Basis der Erfahrungen im ersten Halbjahr definitiv festlegen.

Das heißt, es gibt derzeit keinen konkreten Vertrag mit Pius Strobl?

Es gibt natürlich einen Rahmenvertrag, genauso wie mit dem Bauprojektleiter, wo das über marktübliche Tagsätze abgerechnet wird.

Werden Sie im Herbst eine Gebührenerhöhung beantragen? Ihr Konkurrent Grasl will über zehn Prozent mehr.

Darüber trifft man – das ist einer der Unterschiede zwischen uns – als verantwortlicher Geschäftsführer keine öffentlichen Aussagen, bevor man es sich wirklich zu Ende überlegt hat. Diese Debatte jetzt ist unnötig und nachteilig für den ORF.

Warum überlegen Sie eigentlich immer so lange?

Weil ich sehr ergebnisorientiert bin und richtige Resultate zu erzielen kein Gegenstand eines Beauty-Contests ist. Wenn eine Entscheidung reif ist, dann kommuniziert man sie. Und zwar tunlichst so, dass man sie auch durchbekommt und nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennt. Oder durch sein forsches Auftreten wie ein Elefant im Porzellanladen ein Resultat überhaupt gleich selbst verhindert.

Interview: Philipp Wilhelmer

Zur Person: Alexander Wrabetz

Der 56-jährige gebürtige Wiener wurde 1998, damals Mitglied des ORF-Kuratoriums, zum kaufmännischer Direktor berufen. 2006 stach er mit einer Koalition aus Stiftungsräten der SPÖ, FPÖ, Grünen, BZÖ und Unabhängigen die von der ÖVP unterstützte Monika Lindner aus und wurde ORF-Generaldirektor. 2011 schaffte er die Wiederwahl – auch mit den Stimmen der bürgerlichen Stiftungsräte. Noch keinem ORF-Chef vor ihm ist eine dreifache Amtszeit in Folge gelungen.

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