Kultur
15.11.2017

Filmwunder in Zeiten der Kinorevolution

Österreichs Film ist bei den internationalen Festivals über die Maßen erfolgreich. Doch die Branche steht vor zahllosen neuen Herausforderungen, vom Streaming-Boom bis zur Frage nach der Gleichberechtigung. Eine Bestandsaufnahme.

Die Jubiläen häufen sich: Heuer ist es zehn Jahre her, dass Stefan Ruzowitzkys Film "Die Fälscher" mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Und 2019 ist es 20 Jahre her, dass Barbara Albert mit "Nordrand" für die erste Nominierung eines österreichischen Films für den Goldenen Löwen in Venedig seit 51 Jahren sorgte. Prominente Namen wie Michael Haneke und Ulrich Seidl zirkulieren ohnehin schon seit Jahrzehnten im Festival-Circuit. Und mit seinem Oscar-Gewinn für "Liebe" krönte Haneke, der zweifache Gewinner der Goldenen Palme, seine internationale Karriere. Alles Bausteine, die zum sogenannten österreichischen "Filmwunder" beitrugen: Österreich kann sich rühmen, dass heimische Werke weit über die Größe des Landes hinaus auf dem internationalen Parkett, bei Festivals und mit Auszeichnungen, reüssieren können.

Insbesondere nach dem Ruzowitzky-Oscar (und den Goldenen Palmen für Haneke) wurde auch die heimische Kulturpolitik aufmerksam: Die Förderung für den heimischen Film stieg rasant. 82 Millionen Euro bekam man zuletzt, 2007 waren es noch knapp weniger als 50 Millionen. Die Branche setzt mit 7900 Beschäftigten 900 Millionen Euro im Jahr um. Der Publikumsanteil des heimischen Films in den österreichischen Kinos stieg zuletzt auf über fünf Prozent – ein Erfolg.

Bestandsaufnahme

Die Jubiläen sind auch guter Anlass für eine Bestandsaufnahme. Denn parallel zum heimischen Filmwunder gibt es eine internationale Kinorevolution. Die Kinos sind digital geworden, Streaming-Fernsehen wurde Mainstream, viele junge Menschen schauen Filme einfach am Handy.

"Die Rahmenbedingungen für die Produktion, den Vertrieb und die Verwertung von Filmen wurden in den letzten Jahren neu definiert", hält das Österreichische Filminstitut (ÖFI), die größte Fördereinrichtung, fest. Was heißt diese Revolution in der Art, wie Menschen Bewegtbild konsumieren, für den heimischen Film? Und für das Filmwunder?

Stefan Ruzowitzky verkörpert diesen Wandel perfekt: Der Regisseur, einer der Auslöser des Filmwunders, dreht nämlich derzeit – keinen Kinofilm, sondern eine Serie: "Leider wird es immer schwieriger, zwischen riesigen Blockbustern und kleinen Arthouse-Arbeiten Filme zu machen. Die mittelgroßen Filme, wie sie früher Tarantino und Scorsese gemacht haben, sterben ein bisschen aus. Diese Filme werden von den Serien aufgefangen und bieten eine tolle Möglichkeit für Filmemacher", sagt Ruzowitzky.

"Die Unterscheidung zwischen Kino- und TV-Filmen ist immer schwerer aufrecht zu erhalten", bemerkt auch das ÖFI. Und die TV-Produktionen laufen den Filmen auch finanziell den Rang ab: Eine Streaming-Produktion kostet schnell einmal so viel wie vier, fünf, zehn heimische Kinofilme. Braucht Österreich nach dem Film- ein Streamingwunder?

Beneidet

Die österreichische Filmförderung jedenfalls, die sich als Kulturförderung versteht, will Ruzowitzky unangetastet wissen, zumal sie für große Vielfalt in der heimischen Kinolandschaft sorgt – ganz im Gegensatz zum Nachbarland Deutschland, wo die Förderung stark an einen kommerziellen Erfolg gebunden ist: "Das führt dazu, dass sich die Produktionen sehr auf Kinderfilme und Komödien reduzieren – und dann stellt sich schon die Frage, ob man da hin will." Die klare Antwort ist Nein: "Die Deutschen beneiden uns um unsere Förderung, mit der wir die gewagteren und radikaleren Filme produzieren", so Ruzowitzky.

Diese Sicht bestätigt auch Regisseurin Barbara Albert, deren Tragikomödie "Licht" erst auf Festivals gezeigt wurde und nun im Kino läuft: Auf das heimische Filmfördersystem, sagt sie, müsse man daher "wahnsinnig aufpassen. Besonders im Ausland werden wir für unsere Filme und unsere Filmförderung bewundert. In Deutschland beispielsweise ist alles viel kommerzieller orientiert. "

Deutschlands simple Filmlandschaft hat nur einen Vorteil: Das Erfolgskriterium ist klar, es geht um Besucherzahlen. In Österreich ist das komplizierter: Denn künstlerischer Erfolg, auf den sich die Branche beruft, ist weniger fassbar. "Natürlich darf ein Film kommerziell erfolgreich sein. Ich möchte auch gerne einen künstlerisch anspruchsvollen Film und die Zuschauer dazu haben. Aber manchmal ist diese Brücke schwer zu schlagen", sagt Albert.

Woran also messen, wie es ums heimische Filmwunder steht? Die richtig großen Preise – Oscars, Bären, Löwen, Palmen – sind selten. Allerdings gingen die Festivalteilnahmen zuletzt zurück, von 544 (im Jahr 2013) auf 356 (2015).

ÖFI-Chef Roland Teichmann sieht das gelassen: "Schwankungen sind normal, aber gerade heuer war ein fantastisches Jahr: Wir hatten auf jedem großen A-Festival in den Wettbewerben einen Film und auch auf anderen großen Festivals. Wir waren extrem präsent. Ich finde schon, dass die internationale Performance nach wie vor beachtlich konstant ist." Tatsächlich würde sich schnell ein Gewöhnungseffekt einstellen: "Man findet es normal, dass ein österreichischer Film in Cannes oder in Berlin oder in Venedig läuft. Aber das ist nicht normal, wenn man weiß, wie viele Filme – bis zu 1700 – in Europa jedes Jahr entstehen. Da herrscht ein unglaublicher Verdrängungswettbewerb."

Auch die oft beschworene Aversion des heimischen Publikums gegen Ösi-Filme sieht er differenziert. 2015, das letzte Jahr, aus dem es Zahlen gibt, war für den heimischen Film beim Publikum recht erfolgreich, so Teichmann, auch, weil sich das Spektrum vergrößert habe. Der österreichische Film hat seinen Ruf des Feel-Bad-Movies längst erweitert. Und auch heuer waren Komödien wie "Die Migrantigen" oder Josef Haders "Wilde Maus" in Österreich viel gesehene Filme.

Neue Geldgeber

Die Publikumsfrage ist in der kleinen heimischen Branche eine heikle, fast giftige. Es gibt es zwei große Strömungen, die um Förderungen kämpfen: Großproduzenten, die auf Publikumswirksamkeit setzen, und die für das "Filmwunder" verantwortlichen Autorenfilmer.

Das Gerangel ist heftig; jüngst wurde nach viel Kritik die Besetzung der ÖFI-Kommission erneuert, die für Fördervergabe zuständig ist. Dort hatte man zuvor aus einem großen Pool aus Leuten aus der heimischen Branche geschöpft – "und das ist natürlich ein wenig schwierig, wenn potenzielle Konkurrenten über Konkurrenten mitentscheiden", gibt Teichmann zu. Um die Auswahlkommission unabhängiger und objektiver zu gestalten, habe man die Entscheidungsträger reduziert und international besetzt: "Es sind Leute, die den heimischen Film gut kennen, aber nicht Teil der Kernbranche und mit jemandem verbandelt sind", so der Direktor des ÖFI.

Nach welchen Kriterien die Gelder vergeben werden, ist komplex. "Es gibt Stimmen in Österreich, die die Förderung kommerzialisieren wollen. Ich bin da ganz stark dagegen, weil ich merke, wie sehr unser Prestige wirklich abhängig ist von Filmen, die vielleicht nicht 100.000 Besucher in Österreich haben, die aber im Ausland Preise auf Festivals bekommen", betont Barbara Albert.

Fünf Preise auf den international wichtigsten, den sogenannten "A-Festivals", gab es für heimische Filme 2015.

Andererseits reicht es, zumindest für den neuen Chef des Filmmuseums, Michael Loebenstein, nicht, einfach die Mittel zu erhöhen: "Das nützt nichts, wenn es nur eine Dreizentimeter-Schicht fruchtbare Erde gibt, und alles rinnt einfach ab", sagt er. "Es herrscht im produzierenden Sektor ein kurzsichtiges Denken. Film ist ein Ökosystem, das man in Generationen denken muss. Im Idealfall ist das ein funktionierendes Ökosystem. Das sehe ich derzeit stark gekippt, es riecht schon komisch, da sind viele Algen drin – eben aufgrund dieser kurzfristigen Maßnahmen. Geld sickert durch."

Dass es sinnvoll sei, auch die Filmrezeption zu fördern, findet auch Roland Teichmann: "Hauptaufgabe des ÖFI ist die Entwicklung und Herstellung des Films. Trotzdem ist es auch wichtig, ein Umfeld zu schaffen, das möglichst Film-affin ist. Medienenerziehung und Medienbildung im weitesten Sinn ist in diesem Zusammenhang extrem wichtig. Allerdings: Wir haben auf den ersten Blick das größte Budget im Bund, aber was wir damit alles leisten sollen, geht sich hinten und vorne nicht aus."

Nicht gleichberechtigt

Dieses Problem sieht auch Barbara Albert: Was unter anderem daran liege, dass es immer mehr Frauen gibt, die Filme machen. Das war lange Jahre nicht so, eine übermächtige Herrenpartie beherrschte die Regiesessel. Nun aber gebe es "Männer UND Frauen, die Filme machen – und deswegen brauchen wir ein angepasstes Budget", sagt Albert, die mit "FC Gloria", einem Netzwerk für Frauen in der Filmbranche, für eine Frauenquote kämpft "und dafür, dass im Filmbereich Gleichberechtigung herrscht".

Diese Gleichberechtigung gibt es budgetär nämlich noch lange nicht: Bei kleinen Förderungen sind Frauen fast gleichauf mit Männern. Aber wenn es um Großproduktionen und viel Budget geht, traut man Frauen offensichtlich wenig zu: Da werden immer noch zu 80 Prozent nur die Filme von Männern gefördert.

Man sollte sich solidarisieren und nicht die Geschlechter gegenseitig ausspielen, findet Albert: "Wir müssen solidarisch an einem Strang ziehen." Denn auch, wenn die Digitalrevolution und die Streaming-Dienste das Kino manchmal alt aussehen lassen: "Das Bedürfnis nach Geschichten wird nie vergehen", weiß Stefan Ruzowitzky: "Und auch nicht nach dem Gemeinschaftserlebnis im Kino ."