Filmmuseums-Leiter: "Das Ökosystem Film ist gekippt"

SAISONERÖFFNUNG FILMMUSEUM: HORWATH / LOEBENSTEIN
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Alexander Horwath (links) und sein Nachfolger Michael Loebenstein

Der frühere und der neue Filmmuseums-Chef, Alexander Horwath und Michael Loebenstein, über Digitalisierung, TV-Serien und Filmförderung.

"Das ist ja eh nur ein Kino": In den 70er- und 80er-Jahren musste das Österreichische Filmmuseum noch erklären, warum es überhaupt Filme zeigte, wo es doch rundherum viele Kinos gab, die das auch taten. Zuletzt hat sich die Kinobranche aber radikal gewandelt: Filmkopien gibt es kaum noch, die Hollywood-Blockbuster werden digital geliefert und digital projiziert. Und die aufwendigen Streaming-Serien wie "Game Of Thrones" oder "Stranger Things" machen dem Kino den Status als Ort des Erzählens vom Menschen zunehmend streitig.

"Als ich antrat, war nicht ahnbar, wie schnell das beim Mainstream-Kino gehen würde", sagt Alexander Horwath, der das Filmmuseum ab 2002 leitete. Nun übergab er seinen Posten an Michael Loebenstein. Ein Abschied mit Wehmut, die "noch eine ganze Weile bleiben" wird, sagt Horwath.

Im KURIER-Interview sprechen er und Loebenstein über TV-Serien, das "digitale schwarze Loch", das von unserer Zeit übrig bleiben wird, und warum die Filmförderung "komisch riecht".

KURIER: Die Digitalisierung war während Ihrer Amtszeit die große Veränderung.

Alexander Horwath: Der Wandel zum Digitalen hat uns eigentlich geholfen: Es wurde rascher erkennbar, was ein Filmmuseum eigentlich leistet. Global und quantitativ betrachtet, bewegt sich der Mainstream weg vom Kino als einer spezifischen kulturellen Form. Das Kino wird nicht verschwinden, aber es wird deutlicher erkennbar als ein Ort des kulturellen Erbes und einer durchaus bedrohten Idee von Demokratie.

Aber ist das wirklich nur eine Frage der Quantität? Zuletzt erschien es so, dass auch eine gewisse Erzählqualität von den Kinos abgezogen wurde. Wenn ich etwas über Menschen wissen will, schaue ich eine Serie.

Michael Loebenstein: Spannendes Erzählen findet seit einem Jahrzehnt schon in den Serien statt. Aber jetzt, das stimmt, ist es Mainstream geworden, wir sind von dem eingeholt werden. Ich selbst muss sagen: Mehr als auf die meisten angekündigten Hollywoodspielfilme freue ich mich auf die Serie "The Deuce" von David Simon (über die Sexbranche der 70er Jahre, Anm.).

Das heißt: Das Filmmuseum widmet sich künftig auch Serien?

Horwath: Ich bin zum Schluss gekommen: Das hat keinen Sinn. Das wäre eine taktische Geste des Filmmuseums. Aber die Art und Weise, wie sich Serien ins Gehirn des Publikums, in die Erinnerungsstrukturen hineinschreiben, und auch unser flexibilisierter Alltag hat nichts mehr mit Kino zu tun.

Loebenstein: Das schaut man anders an. Das Filmmuseum hat die großartige Möglichkeit, Werke auszustellen, wie sie als kulturelle Artefakte, als Teil unserer Alltags- und Mediengeschichte gedacht waren. Das ist nicht nur das Zelluloid-Medium, das ist auch der Saal, die Frequenz, in der man etwas zeigt, die Zeitlichkeit. Welches Medium gerade dominant ist in den großen Erzählungen vom Menschen und diese Vorstellungen formt: Das Filmmuseum muss ein Ort sein können, wo man über diese Dinge spricht. Aber es kann nicht der Ort sein, wo man die mediengerechte Erfahrung von Serien ermöglicht.

Also kein Thema?

Loebenstein: Ich finde es hoch interessant nachzudenken, wie Museen der Zukunft das Binge-Watching von Serien über Streaming nachvollziehen werden. Der Tod des Fernsehens als wöchentliches Medium ist mir nur recht. Aber das Filmmuseum kann keine Binge-Session veranstalten. Das gehört völlig ins Private, in kleine Runden, ins Wohnzimmer. Aber das Filmmuseum muss à jour bleiben darüber, wo Kino und Film wahrgenommen, diskutiert werden.

Das ist heute zunehmend digital, auch im Kino. Für ein sammelndes Museum ist das eine große Herausforderung.

Loebenstein: Richtig entrisch wird es bei den frühen digitalen Medien. Frühe Webprojekte, CD-Rom, Video Discs, das ist alles nicht mehr abspielbar. Da wird es ein digitales schwarzes Loch geben von den frühen 1990ern bis heute. Das ist ein wirklich drängendes Problem. Eine Festplatte voller Film-Files macht mir große Sorgen. In Österreich sind wir betreffend einer langfristigen Strategie zur Bewahrung des digitalen Schaffens relativ armselig aufgestellt.

Das ja mehr ist als Kino.

Loebenstein: Stellen Sie sich vor, YouTube wird abgedreht. Was da an Imagination und Fantasie, an identitätsbildender Erinnerung verloren ginge! Es gibt ein kollektives, unreflektiertes Vertrauen darauf, dass ein derartiges Grundbedürfnis an ein Unternehmen ausgelagert werden kann. Gerade da wäre ist es wichtig, dass Einrichtungen wie das Filmmuseum sammeln können. Aber digitale Filmkopien sind oft gar nicht mehr zugänglich. Das rührt an den Grundaufgaben eines Museums.

Horwath: Viele glauben, dass Amazon, Google, Youtube die Nachfolger der öffentlichen Stellen geworden sind. Wir schreiben diesen rein privaten, intransparenten Unternehmen die Rolle der Bewahrer unseren kulturellen Erbes zu. Aber die Menschheit hat gut daran getan, die Bewahrung des Films nicht nur den Inhabern zu überlassen. Die gehen schnell auch mal pleite. Und dann waren es plötzlich die Kinematheken, die wichtige Filme wieder an die Öffentlichkeit brachten.

Loebenstein: Gerade in solchen Zeiten kommt dem Filmmuseum neue Relevanz zu. Das wird kulturpolitisch eine dankbare Aufgabe.

Wirklich? Das geplante "Film Preservation Center" ist ja in der Warteschleife.

Horwath: Österreich hat hier die einmalige Chance, als eines der fortschrittlichsten Länder der Welt zu gelten. Neben Paris und Stockholm ist Wien der dritte Ort, an dem eine vorausschauende Langzeitbewahrung des Mediums Film angedacht ist. Ich bin optimistisch, dass eine Kulturpolitik, die auch nur ein bisschen nach vorne schaut, das erkennt. Obwohl der Film im österreichischen kulturellen Spiel sonst die Rolle des schmutzigen, kleinen Bruders hat, gibt es eine Filmkultur, die gemessen an der Größe des Landes viel Aufmerksamkeit hat.

Nach den Oscars und Goldenen Palmen gab es mehr Geld – und es war viel die Rede vom österreichischen Filmwunder. Ist da ein bisschen die Luft draußen?

Horwath: Der Trickle-Down-Effekt auf die Institutionen hat nicht stattgefunden. Es ist massiv das Förderbudget erhöht worden. Goldene Palme – drei Millionen mehr. Oscar – noch einmal drei Millionen mehr. Kaum etwas davon floss in die ganz wesentliche filmkulturelle In-frastruktur. Viele Filmproduzenten und Regisseure werden mich jetzt hassen, wenn ich sage: Das für die Förderung von abendfüllendem Kinofilm zur Verfügung stehende Förderbudget in Österreich ist außerordentlich gut, gemessen an der Größe des Landes und am Output.

Loebenstein: Und an den Mitteln, die für andere Filmmaßnahmen da sind.

Horwath: Aber wenn man die Mittel etwa mit Dänemark, Portugal, der Schweiz vergleicht, wird dort in die Filmmuseen das Drei- bis Fünffache aufgewendet, obwohl die zum Teil eine schwächere Filmtradition haben als wir. Auch die Förderung des Nachwuchses, der Filmpublizistik, der Wissenschaft, des Avantgardefilms stagniert im Grunde seit 15 Jahren. Das ist eine Fehlentwicklung. Es ist sekundär, ob die Filmförderung in den Händen einer Organisation ist, ich will niemandem etwas wegnehmen. Aber es braucht einen neuen Schub an Support für die filmkulturellen Institutionen und den innovativen Film.

Loebenstein: Es herrscht im produzierenden Sektor ein kurzsichtiges Denken. Film ist ein Ökosystem, das man in Generationen denken muss, man muss sich fragen, warum Film gefördert wird, wie wertet man Besucherzahlen, Festivaleinsätze, welche Rolle spielt Film in der Bildung, wie schafft man Vermittlung und Filmerziehung. Im Idealfall ist das ein funktionierendes Ökosystem. Das sehe ich derzeit stark gekippt, es riecht schon komisch, da sind viele Algen drin – eben auf Grund dieser kurzfristigen Maßnahmen. Geld sickert durch. Das nützt nichts, wenn es nur eine Dreizentimeter-Schicht fruchtbare Erde gibt, und alles rinnt einfach ab.

Horwath: Oder wenn ein Interventionsversuch bei der Politik schon dazu führen kann, dass es weiter kippt. Das ist betrüblich.

(kurier) Erstellt am
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