Kultur
03.09.2017

Filmfestival Venedig: Lehn dich an mich

Ehrenlöwen an Redford & Fonda, George Clooney meint es gut und Andrew Haigh macht es besser.

Die ersten Löwen in Venedig wurden bereits vergeben. Sie gingen an Robert Redford und Jane Fonda, die im Alter von 81 und 79 immer noch als strahlende Ikonen am Himmel des amerikanischen Unterhaltungskinos funkeln. Zu Standing Ovations nahmen die beiden die Ehrenpreise für ihr Lebenswerk in Empfang, ehe ihre von Netflix produzierte, goldene Altersromanze "Our Souls at Night" vom Stapel lief.

Bevor er sterbe, habe er noch einmal mit Jane Fonda drehen wollen, scherzte Robert Redford über seine Filmpartnerin. Bereits 1967 hatten die beiden in der Heirats-Komödie "Barfuß im Park" kongenial verkörpert, wie umwerfend es aussehen kann, wenn man jung, schön und verliebt ist. Doch seit ihrer letzten Zusammenarbeit ist viel Zeit vergangen: Redford, Gründer des prestigereichen Sundance-Filmfestivals, stand gemeinsam mit Fonda in "Der elektrische Reiter" vor der Kamera – vor knapp vier Jahrzehnten.

Jane Fonda trocknete sich die Augen, während Festivalchef Alberto Barbera ihren politischen Aktivismus und Redfords Engagement für den Umweltschutz pries. Beide, sowohl Robert Redford als auch Jane Fonda, gelten als Paradevertreter eines liberalen Hollywoods, das am Wochenende verstärkt Präsenz auf dem Lido zeigte.

Anti-Trump

Unmittelbar nach der ersten Löwenverleihung reiste George Clooney an, ebenfalls ein bekanntermaßen stimmenstarker Vertreter eines Anti-Trump-Amerikas.

Es wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Film darüber zu machen, wie Mauern errichtet und Minderheiten zu Sündenböcken abgestempelt werden, sagte George Clooney über seine jüngste Regiearbeit "Suburbicon", die Samstag Abend im Wettbewerb Premiere feierte: "Mehr zornig, weniger lustig", lautete seine Regie-Devise – und man weiß, was er meint, wenn man seine blutige Suburb-Groteske mit Matt Damon und Julianne Moore gesehen hat: "wenig lustig" stimmt.

Doch was den Zorn betrifft – der ist bald verraucht.

Clooney und Coens

Die formidablen Gebrüder Joel und Ethan Coen lieferten das Drehbuch zu "Suburbicon" – und man wünscht sich, sie hätten es gleich selbst verfilmt. Unter der handzahmen Regie von Clooney gerät das Haus- und Hof-Genre der Coens, die schwarze Komödie, zur zahnlosen Kleinstadt-Karikatur. Clooneys Ausflüge ins (komische) Blutbad-Fach fehlt die radikal-brutale Humor-Qualität der Coens. Und dort, wo er ernsthaft von Rassenhass und weißen Lynchmobs erzählen will, mangelt es an dramatischer Dringlichkeit.

Doch zumindest die moralische Botschaft leuchtet pädagogisch deutlich in "Suburbicon": Die adretten Bewohner einer sehr sauberen und sehr weißen Kleinstadt der 50er Jahre verwandeln sich in eine fiese, rassistische Meute, weil eine schwarze Familie in der Nachbarschaft einzieht. Zeitgleich spielen sich in der weißen Familie nebenan die wahrhaft kriminellen Vorgänge ab.

Matt Damon, vom Rollenfach her eher zum Spießertum neigend, muss sich als nur scheinbar braver Büro-Profi die Blutspritzer von der Stirn wischen. Gemeinsam mit einer nervös grinsenden Julianne Moore bildet er ein perverses Pärchen, das sich im Keller den Hintern versohlt. Die witzigsten Momente aber liefert Oscar Isaac mit seinen Auftritten als schleimiger Versicherungsvertreter. Dass "Suburbicon" schließlich an seinen eigenen guten Absichten verblutet, kann man nicht seinem Ensemble vorwerfen.

Arm in Amerika

Ein halbverwaister 15-Jähriger freundet sicht mit einem ausrangierten Rennpferd an: Eine Inhaltsangabe, die zum (voreiligen) Gähnen verleitet. Doch wofür sind Festivals gut, wenn nicht für Überraschungen?

"Lean on Pete", der Wettbewerbsbeitrag des Briten Andrew Haigh lieferte einen wahren Glücksmoment im venezianischen Filmreigen. Bereits mit der zartfühlenden Ehestudie "45 Years" mit Charlotte Rampling hatte Haigh seine hochgradige Fähigkeit bewiesen, auch noch die kleinsten Gefühlsnuancen visuell aufregend sichtbar zu machen. In "Lean on Pete" – so der Name des Pferdes – beweist er erneut immenses Fingerspitzengefühl.

Nicht nur bringt Haigh die oft triste, aber nie sentimentale Schönheit Oregons und Wyomings zum Vorschein: Der lebhafte Realismus seiner Bilder atmet die innige Verbundenheit mit der Landschaft. Gleichzeitig entwickelt Hauptdarsteller Charlie Plummer im Auge seiner Kamera eine hinreißende Präsenz, die an das Charisma des früh verstorbenen Schauspielers River Phoenix erinnert. Verletzlich und entschlossen zugleich, heuert er bei einem Rennpferd-Unternehmer (grantig: Steve Buscemi) an und befreundet sich mit einem Pferd.

Das abgehalfterte Tier und der einsame Knabe – eine Liebesgeschichte, wie sie das Kino liebt. Andrew Haigh macht daraus das tief empfundene Porträt eines entwurzelten Jugendlichen im zeitgenössischen, verarmten (Trump-) Amerika.