C. Harfouch in ,Was bleibt'

© Thimfilm

Interview mit Hans Christian Schmid
12/03/2012

Filmemacher für zehn Prozent

Der deutsche Regisseur über seinen Film "Was bleibt", über Mut und Missstände.

von Susanne Lintl

Er ist – wie Christian Petzold – einer der großen Intellektuellen des deutschen Films: In seinem neuen Film „Was bleibt“ (derzeit im Kino) seziert Hans Christian Schmid das bröckelnde Innenleben einer Familie, das lange Jahre hinter der Wohlstandsfassade gewachsen ist. Die Depressionen der Mutter werden vertuscht, der Vater sucht sich eine Neue, die Söhne lassen sich vom Vater finanzieren und werden nicht erwachsen. Ein stringentes Kammerspiel mit Starbesetzung: Corinna Harfouch spielt Gitte, die Mutter; Lars Eidinger einen der Söhne und Ernst Stötzner den Vater.

KURIER: Herr Schmid, wer ist denn in „Was bleibt“ eigentlich die Hauptfigur? Die Mutter, die plötzlich Mut zur Selbstfindung zeigt, oder der Sohn, der sich als reifer erweist, als alle von ihm erwarten?
Hans Christian Schmid: Nun, vom Drehbuchschreiben her war es Marko, der Sohn. Gleichzeitig ist er als Hauptfigur völlig untypisch, weil er in der ersten Hälfte des Films gar nichts will. Alles ist ihm gleichgültig. Erst im Lauf der Zeit, spätestens, als die Familie beim Essen zusammensitzt und Gitte da aufsteht und eine Rede hält, merkt man, dass er gern was ändern würde und zu Gittes Anwalt wird. In dem Moment, wo Gitte sagt, dass sie ihr Medikament absetzen wird und ihr Leben neu ordnen will, steht sie im Mittelpunkt. Es geht immer um sie, auch wenn sie in der zweiten Hälfte des Films kaum noch zu sehen ist. Sie hat diese Präsenz als Person, sie ist die Klarste im ganzen Familienkonstrukt. Man sieht ihr nie an, dass sie krank ist, dass sie manisch-depressiv ist.

Ist der Film ein Seitenhieb auf die verwöhnten Wohlstandskinder, die sich nur treiben lassen und nichts Eigenes auf die Beine stellen wollen?
Ja. Es ist aber auch der Versuch zu zeigen, dass sie wirklich in einem Dilemma stecken. Solche Typen wie Marko gibt’s ja ganz viele in Berlin: Mittdreißiger, die günstig dort leben und nicht unbedingt was machen müssen, weil sie Geld von den Eltern kriegen. Ein bisschen studieren und das Leben genießen. Doch dann merken die meisten: Hoppala, in meinem Leben hat noch nichts Bestand, es müsste vielleicht mal was passieren. Denn wenn sie zurückschauen auf das Leben der Eltern, dann standen die damals in demselben Alter ganz schön unter Druck. Man musste sich befreien aus der Not der Nachkriegsgeneration, der Vater hatte mit Anfang 30 schon eine Frau, zwei Kinder und einen Verlag aufgebaut.
Aber dieses Wohlstandsversprechen der Bonner Republik, in der man es damals schaffen konnte, zu Wohlstand zu kommen, das gibt’s heute nicht mehr. Deshalb tun mir die heutigen Dreißiger fast leid.

Ihr Markenzeichen ist der unaufgeregte, ruhige Ton Ihrer Filme, selbst wenn brisante Themen behandelt werden. Etwa bei „Sturm“, in dem die Verurteilung eines jugoslawischen Ex-Militärs vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag thematisiert wird.
Ja, aber es ist wahrscheinlich auch die Frage, welchen Stoff man erzählt. „Sturm“ ist auf der Plotebene dichter, weil mehr passiert. „Was bleibt“ bietet – weil es sich so auf eine Familie und ein Wochenende fokussiert – die Möglichkeit, ruhiger zu erzählen. Ich versuche so zu erzählen, dass ich mir treu bleibe. Dass die Musik sich nicht in den Vordergrund drängt, das alles diskret bleibt. Ich will dem Besucher nicht vorschreiben: So hast du jetzt zu empfinden.

Wie beurteilen Sie das aktuelle Spektrum des deutschen Films? Sind Sie zufrieden damit oder vermissen Sie etwas?
Es gibt eine große Bandbreite, und das ist gut so. Kino kann vieles, und deswegen muss es nicht nur Arthouse-Filme geben. Gleichzeitig vermisse ich Filme, die wirklich hängen bleiben oder dezidiert in eine bestimmte Richtung gehen. Wirklich mutige Filme. Gerade wenn ich mit Österreich vergleiche oder mit Dänemark: Dort ist die Filmszene vergleichbar stärker und mutiger.

Was bedeutet Filmemachen für Sie?
Der Kern ist der Wunsch, etwas zu erzählen. Zu bewegen oder – wenn es eine Doku ist – über Zu- und Missstände in der Gesellschaft zu informieren. Aber es ist mir schon bewusst, dass viele Leute so etwas nicht sehen wollen. Dass sie finden, das ist mir zu düster oder zu kompliziert, ich will doch nur unterhalten werden. Wie sagte Michael Haneke doch einmal so schön: Er ist sich klar, dass er nur Filme für zehn Prozent der Menschen mache.
 

Was bleibt

Hans Christian Schmid

Wenn er von seiner sechs Monate alten Tochter erzählt, bekommt Hans Christian Schmid einen ganz verklärten Blick: „Im Mai ist sie zur Welt gekommen, und ich habe mir vorgenommen, zumindest ein Jahr beruflich kürzerzutreten“. Er teile sich alle Pflichten mit seiner Frau, mit der er eine gemeinsame Produktionsfirma betreibt.

Schmid wurde 1965 im bayerischen Wallfahrtsort Altötting geboren. Das Erzkatholische blieb ihm aber erspart: Er wuchs in einem liberalen Elternhaus auf, engagierte sich bei den Grünen und ging statt zum Sonntagsgottesdienst lieber zur Friedensdemo.

Von 1985 bis 1992 studierte er an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film und drehte dort sein Debüt „Sekt und Selters“, einen Kurzfilm über süchtige Automatenspieler. Seinen ersten Spielfilm drehte Schmid fürs Fernsehen: Mit „Himmel und Hölle“ (1994) thematisierte er die Abgründe von religiösem Fanatismus. Ebenfalls fürs Fernsehen gedacht war die Generationenkomödie „Nach fünf im Urwald“ mit Franka Potente in ihrer ersten Hauptrolle, die aber aufgrund ihres Erfolgs bei den Hofer Filmtagen ins Kino kam und zum Publikumsliebling wurde.

2004 gründete Schmid die Produktionsfirma 23/5, mit der er zunächst den Spielfilm „Requiem“ nach einem Drehbuch von Bernd Lange realisierte. Er griff hier wieder das Thema übersteigerter Religiosität auf. „Requiem“ kam in den Wettbewerb der Berlinale und gewann unter anderem den Deutschen Filmpreis 2006 als bester Film.

Von 2007 bis 2009 entstanden unter Schmids Regie sowohl der Dokumentarfilm „Die wundersame Welt der Waschkraft“ als auch der Spielfilm „Sturm“ über das Haager Militärtribunal. Auch dafür wurde Schmid mehrfach ausgezeichnet.

Nach „Was bleibt“ will er sich wieder dem Fernsehen zuwenden: er plant einen TV-Mehrteiler. „Mich interessiert es, einmal eine lange Geschichte über 300 bis 400 Minuten zu erzählen“.

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