Kultur
01.12.2017

Film "Teheran Tabu": "Sehr viele starke Frauen im Iran"

Morteza Tavakoli über seine Rolle in dem Iran-kritischen Trickfilm "Teheran Tabu" und sein Leben in Wien.

Von Gabriele Flossmann


Morteza Tavakoli kam während des ersten Golfkriegs als Flüchtling nach Österreich. Er war damals fünf Jahre alt. In den USA ließ er sich zum Schauspieler ausbilden – an einer Schule, aus der auch Robert DeNiro hervorging. Im österreichischen Fernsehen kämpft Tavakoli, der auch schon mit Christoph Waltz und Tobias Moretti vor der Kamera stand, gegen Migrantenklischees – etwa in der ORF-Serie "Schnell ermittelt" (kleines Bild) an der Seite von Ursula Strauss. Obwohl er sich ganz als Österreicher fühlt, hat Tavakoli an der politischen Entwicklung des Iran ein reges Interesse.

Unter der Regie des Exil-Iraners Ali Soozandeh spielt er in " Teheran Tabu" – in einem Film, der nur mit finanzieller Hilfe aus Deutschland und Österreich verwirklicht werden konnte. Er zeigt, in welche Abgründe Frauen geraten können und wie gespalten ihr Leben zwischen öffentlicher Fassade und privatem Freiheitsdrang ist.

KURIER:" Teheran Tabu" wurde in Cannes gezeigt – jetzt läuft er hierzulande an. Haben Sie Reaktionen bekommen – eventuell aus dem Iran?

Morteza Tavakoli: Die Reaktionen bisher waren schwarz oder weiß. Entweder liebt man den Film oder man hasst ihn. Es kam übrigens auch Kritik von Exil-Iranern. Sie sagen: "Wie könnt ihr uns nur so negativ präsentieren. So schlimm sind wir nicht!" Mit diesem "So schlimm sind ,wir‘ nicht" solidarisieren sie sich mit dem unmenschlichen Regime dort. Diese Reaktionen haben mir gezeigt, wie wichtig dieser Film ist!

Können Sie diese Reaktionen nachvollziehen?

Ja, durchaus! Ich habe mir "Teheran Tabu" in Deutschland mit einem Freund angeschaut. Als er mich nachher fragte, ob das Leben für die Frauen im Iran wirklich so schlimm ist, habe ich mich geschämt. Aber man muss den Finger auf die offenen Wunden legen, sonst ändert sich nie etwas.

Welche Reaktionen könnte der Film im Iran auslösen?

Wenn es dort zu einer Revolution kommt, dann wird diese höchstwahrscheinlich von den Frauen ausgehen. Es gibt im Iran sehr viele gebildete Frauen. Sie stellen an den Universitäten mehr als 60 Prozent der Studierenden. 2009 hat sich diese Entwicklung ja schon angedeutet. Damals wurde Neda, eine junge Frau aus Teheran, erschossen und zur Märtyrerin der Revolution. Sie wurde zum Symbol für den Widerstand der iranischen Opposition.

Glauben Sie, dass auch die jetzige #metoo-Aktion, mit der sich Frauen gegen sexuelle Belästigung zur Wehr setzen, im Iran wahrgenommen wird?

Ja, da bin ich sicher! Wenn es um starke Frauen geht, dann spricht man im Iran von den "persischen Löwinnen". Es gibt sehr viele starke und gebildete Frauen im Iran und irgendwann wird für sie das Fass übergelaufen sein – nicht nur, was den sexuellen Missbrauch betrifft.

Sie waren fünf Jahre alt, als Sie nach Österreich kamen. Wie geht es Ihnen, wenn Sie immer wieder über Ihren Migrations-Hintergrund definiert werden?

Da ich mich selbst über meinen österreichischen Vordergrund definiere, muss ich sagen, dass mich das manchmal stört. Aber diese Festlegung auf die Herkunft hat sich erst in den letzten paar Jahren entwickelt. In meiner Kindheit und Jugend habe ich mich hier akzeptiert und integriert gefühlt, aber seit der Flüchtlingskrise und der politischen Entwicklung, die sie hierzulande und in ganz Europa hervorrief, hat sich die Stimmung gedreht. Wenn ich jetzt auf die Straße gehe, bin ich aufgrund meines Aussehens "einer von denen"! Da spielt es auf einmal keine Rolle mehr, dass ich mich als "einer von uns" fühle.

Trotzdem machen Sie in Filmen mit, die das politische Bewusstsein im Iran ändern wollen?

Ja, das finde ich wichtig! Dass sich die politischen Zustände dort verbessern, dafür fühle ich mich als gebürtiger Iraner verantwortlich, und dass sich die Frauen emanzipieren, dafür fühle ich mich als Mann verantwortlich. Und Letzteres trifft nicht nur auf die iranischen Frauen zu, denn die #metoo-Aktion zeigt ja, dass auch im Westen immer noch eine Doppelmoral herrscht, die meist zulasten der Frauen geht.

Wie stehen Sie zum Burka-Verbot und Diskussionen rund um das Tragen von Kopftüchern?

Dahinter steckt ja wieder eine Art von Doppelmoral. Frauen sollen sich verhüllen, damit Männer nicht auf sündhafte Gedanken kommen. Das finde ich krank. Eigentlich sollten die Männer protestieren, dass ihnen beim Anblick einer unverhüllten Frau sündhafte Gedanken unterstellt werden.

" Teheran Tabu" wurde mit realen Schauspielern gedreht, die dann von Regisseur Ali Soozandeh zu Zeichentrickfiguren verfremdet wurden. Wollte er die Schauspieler schützen?

Nein, das war eine künstlerische Entscheidung. Und wir sind ja trotzdem zu erkennen. Die Tricktechnik hat es ermöglicht, den Film im Iran spielen zu lassen, obwohl wir dort nicht drehen durften. Wir haben vor grünen Wänden in einem Studio in Wien gespielt und danach wurden die Außenaufnahmen von Teheran hineinkopiert. Für mich war das bei der Premiere ein seltsames Gefühl, mich auf einem Balkon zu sehen, von dem aus ich auf Teheran hinunterschauen kann – eine Stadt, in der ich seit 24 Jahren nicht mehr gewesen bin. Plötzlich habe ich mich an die Gerüche aus meiner Kindheit erinnert.