roche

© Gruber Franz

Interview
08/21/2013

"Dann wird man auch wütend von viel Nacktheit"

Die konträren „Feuchtgebiete“-Stars Charlotte Roche und Carla Juri im Doppelinterview.

von Susanne Lintl

Wie ein scheues Reh steht Carla Juri im Foyer des Wiener Hotels Triest und wartet auf Charlotte Roche. Die ist aufgedreht und fröhlich und hat schon das dritte Interview hinter sich. „Bist du gerade aus Zürich gekommen?“, fragt Roche Juri, die nickt nur. Die echte Carla und Helen, ihre bis zur Schmerzgrenze provozierende Filmfigur, haben nicht die geringste Überschneidung.

KURIER: Frau Juri, Sie sind so scheu. Es ist schwer vorstellbar, dass Sie in „Feuchtgebiete“ (ab 23. August im Kino) ohne mit der Wimper zu zucken Szenen mit Oralsex und Intimrasur spielen.

Carla Juri: Das geht auch nur, weil Nacktheit für mich hier eine emotionale Dimension hat. Nacktheit ist hier nicht voyeuristisch, sie ist der seelische Zustand von Helen. Es war gerechtfertigt, nackt zu sein, das habe ich auch so empfunden. Sonst hätte ich es nicht gemacht. Das wäre dann antifeministisch gewesen. Ich hab’ auch dem Regisseur gesagt: Am wichtigsten ist mir, dass mir die Frauen glauben. Ich will die menschliche Tiefe meiner Figur zeigen.

Charlotte Roche: Ich muss da lachen, wenn Carla sagt, die Frauen müssen mir glauben. Meinst du damit, dass man bei einer Rolle mit so viel Körperlichkeit wie der der Helen die Männer einfacher im Sack hat als die Frauen?

Carla Juri: Genau. Die Männer glauben mir sowieso, wenn die Frauen mir glauben. Ich wollte nicht die Vorstellung von einem Mann spielen. Auf keinen Fall.

Frau Roche, wie kommen Sie auf Ihre Themen, die die weibliche Körperlichkeit bis zur Ekelgrenze ausleuchten?

Charlotte Roche: Naja, ich bin nicht so wie die Heldinnen meiner Bücher. Auf jeden Fall ist es so, dass ich mich eher als verklemmt darstellen würde denn als schamlos. Ich fühle mich manchmal falsch verstanden, weil die Leute denken, oh, die nimmt ja kein Blatt vor den Mund. Das bin ich nicht: Ich schreibe diese Bücher, die so schamlos wirken, um meine eigenen Verklemmtheiten zu überwinden. Wenn jemand so laut über diese Körperlichkeiten schreibt, heißt das nicht, dass er gar keine, sondern dass er viele Probleme hat.

Schreiben ist also Ihre Therapie?

Charlotte Roche: Ja, das ist absolut therapeutisch für mich und es hilft. Die Probleme, die ich in den Büchern abgearbeitet habe, gibt’s danach nicht mehr. In dem Moment, wo das gedruckt zwischen Buchdeckeln steht, bin ich es los. So einfach ist das.

Nehmen Sie sich die teils sehr harsche Kritik an Ihren Büchern zu Herzen?

Charlotte Roche: Es gibt eben verschiedene Herangehensweisen an die Dinge. Manche Leute werden richtig ärgerlich, wenn ich diese ekligen Sachen beschreibe. Ich finde das aber lustig: Sexuelle Schilderungen sind doch auch ein Mittel, um Humor zu transportieren. Ich fühle mich eher falsch verstanden, wenn da einer drüber nicht lachen kann. Aber die Leute können nichts dafür: Wenn man, sagen wir, von den Eltern sehr christlich und sehr unkörperlich erzogen wurde, weit weg von der Natur des Körpers, dann wird man auch wütend von viel Nacktheit.

Carla Juri: Interessant ist auch, dass im Gegensatz zu Nacktheit Gewalt in Filmen gar nicht so skandalisiert wird. Gewalt ist überhaupt kein Tabu mehr und sorgt für keinen Skandal. Und da geht es ja wirklich oft krass zu. Ganz extrem. Irgendwie passt das alles nicht mehr, finde ich.

Frau Roche, ist Schreiben für Sie etwas Lustvolles oder ist es eine Qual?

Charlotte Roche: Es ist weder noch. Ich hab mal einen Trick gelesen, ich glaub von Hemingway. Man schreibt sich nicht leer an einem Tag, sondern man lässt etwas an Überhang in der aktuellen Szene, so wie einen Cliffhanger. Man freut sich dann schon drauf, dass man morgen weiterschreibt. So arbeite ich täglich: Ich schreibe zwei Stunden und lasse etwas, was ich gern am nächsten Tag schreibe. Dann gehe ich heim und habe ein positives Gefühl, schlafe gut und geh wieder gern zur Arbeit.

Das heißt, Sie schreiben nicht daheim.

Charlotte Roche: Nein, ich trenne das. Ich habe in einem Gemeinschaftsbüro in Berlin einen Platz gemietet und da sind sonst nur Architekten. Die reden über Pläne und Baustellen, das entspannt mich.

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