Kultur
18.12.2011

Fernsehware aus Europa ist gefragt

Exportschlager Unterhaltung: Was früher eine Einbahnstraße war, ist nun ein großes Hin und Her: Europäer liefern immer mehr für den US-TV-Markt.

Monsieur Candilis versteht es prächtig, aus der Not eine Tugend zu machen: „In Frankreich gibt es nur eine Handvoll potenzieller Kunden für unsere Ware“, erklärt der Präsident von Lagardère Entertainment, einer der größten Produktionsfirmen Europas. „Also mussten wir über den Tellerrand blicken. Und siehe da, da sind Hunderte Abnehmer für unsere Filme und Serien“.

Über den Tellerrand ist für Lagardère Synonym für über den Atlantik: Dort, in den USA, in Kanada und Südamerika, öffnet sich der große Markt für Unterhaltungsware aller Art. Die Nachfrage ist groß, die Krake Populärkultur will gefüttert werden.

"Borgia" auf 40 Sendern

Bestes Beispiel für einen gelungenen Export-Coup aus Europa ist die Fernsehserie „Borgia“, produziert von Lagardère und der EOS Entertainment von Jan Mojto mit Sitz in München. Die aufwendige Produktion über das Lotterleben der legendären Renaissancefamilie – verfilmt unter Federführung des amerikanischen Serienspezialisten Tom Fontana – lief erfolgreich in Deutschland, Frankreich und Österreich. „Mittlerweile haben wir sie an 40 Fernsehstationen weltweit verkauft, großteils in Amerika“, freute sich Takis Candilis kürzlich in der New York Times.

Der nächste logische Schritt ist: TV-Serien für den Übersee-Markt maßzuschneidern. Die ebenfalls französische Produktionsfirma Gaumont kündigte an, in Los Angeles ein Studio zu eröffnen, das gezielt Sendungen für US-Fernsehstationen produziert. Lagardère will eine TV-Serie, basierend auf Luc Bessons Kino-Actionerfolg „Transporter“, herstellen. Die Verträge dafür sind bereits fixiert: In den USA wird der TV-„Transporter“ beim HBO-Ableger Cinemax laufen, in Deutschland auf RTL .

Besson, vom Kultregisseur („Nikita“, „Im Rausch der Tiefe“) zum Produzententitan gereift, geht noch einen Schritt weiter. Mit TF1 , dem größten französischen TV-Sender, schloss er nun einen Vertrag über die Produktion einer englischsprachigen Fernsehserie. Bestimmt natürlich für den internationalen Markt.

Grenzenloses Schauen

Dass Fernsehmacher ständig über die Grenzen lugen, um neue Ideen zu finden, zu kopieren oder schlicht funktionierende Formate zu importieren, ist natürlich nichts Neues. Schon 1986 beglückte das ZDF die amerikanischen Fernsehzuschauer mit der „Schwarzwaldklinik“. Die biedere Klinik-Saga wurde dort zum Überraschungserfolg: Jede Folge wurde von 25 Millionen Menschen gesehen. Oder „Derrick“: Der glupschäugige Kommissar ermittelte zu seiner besten Zeit in 70 Ländern weltweit

Neu ist, dass von europäischer Seite internationale Märkte so offensiv ins Visier genommen werden und punktgenau für ebendiese produziert wird. Serien in englischer Sprache herzustellen, ist in Krisenzeiten für die Europäer eine Überlebensfrage geworden: Gute Produktionen sind immens teuer. Damit sie sich rechnen, brauchen sie den internationalen Markt.