Der fabelhafte Tenor Zoltán Nyári als Paul und  Dshamilja Kaiser als  Brigitta in Korngolds „Toter Stadt“

© /Oper Graz/Werner Kmetitsch

Fantastisches Verschwimmen von Traum und Realität
01/19/2015

Fantastisches Verschwimmen von Traum und Realität

Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" im Grazer Opernhaus.

So einen Tenor in einer so extrem anspruchsvollen Rolle kann sich jedes Haus nur wünschen: Zoltán Nyári singt am Grazer Opernhaus den Paul aus Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" mit scheinbar unerschöpflichen Kraftreserven und bis zum Finale mit einem enormen Durchhaltevermögen.

Dazu verfügt der ungarische Sänger über ein wunderbar, farbenreiches, schmelziges Timbre, bombensichere Höhen und hohe Textverständlichkeit. Und er kann auch tiefe Gefühle exzessiv vermitteln. Ein Triumph, der zu Recht bejubelt wurde.

Gal James’ Sopran als Marie/Marietta klingt strahlend in der Höhe mit vielen Nuancen in den Lyrismen und dramatischen Ausbrüchen. Ivan Orescanin als Frank/Fritz singt mit zu wenig Raffinement. Stark aufgewertet ist die Rolle der Brigitta, die Dshamilja Kaiser nuancenreich bekleidet. Auch die kleineren Rollen, der Chor und Kinderchor singen tadellos.

Atmosphärisch dicht

Unter einem engagiert dirigierenden Dirk Kaftan lassen die Grazer Philharmoniker Korngolds geniale Musik schillern, glitzern und aufblühen. Sie sorgen für atmosphärische Dichte ohne die Sänger zuzudecken oder in Schwülstigkeit abzugleiten.

Eine riesige Treppe in einem holzvertäfelten Raum ist das zentrale Bühnenelement in der Ausstattung von Herbert Murauer. Hier wird geliebt, hier wird gemordet.

Mit wehenden Vorhängen, suggestiven Lichtstimmungen und vielfachen Verdopplungen der Figuren von Paul und Marietta betreibt Johannes Erath konsequent das völlige Verschwimmen von Realität und Traum, auch berücksichtigend, dass Sigmund Freuds Thesen Einzug ins Libretto gefunden haben.

Verwirrend für das Publikum ist aber die Tatsache, dass Marietta und Brigitta ebenso wie Paul und Frank ständig gleich bekleidet sind.

Von den Prinzipien des Films und der Ästhetik des Hollywood-Kinos ließ sich Erath inspirieren, eine Anspielung darauf, dass Korngold später ein großer Filmkomponist in Hollywood werden sollte. Da sind Figuren aus allen möglichen Filmen erkennbar, was etwas überfrachtet wirkt. In größtmöglicher Sinnlichkeit lässt er insgesamt jedoch durch spiegelnde Projektionen der Stadt Brügge wie auch durch einen schrägen Deckenspiegel und Nebelschwaden, aufregende Lichteffekte, eindringliche und suggestive Bilder entstehen, denen man sich kaum entziehen kann. Jubel!

KURIER-Wertung:

Von Helmut Chr. Mayer