Kultur
09/28/2015

Fang das Licht, halt es fest

Eine Ausstellung zeigt, wie wichtig Material und "Angreifbarkeit" für fotografische Erinnerungen ist

Bilder sind lebendige Dinge, sagt der US-Wissenschaftler William J.T. Mitchell – wer’s nicht glaubt, solle einmal versuchen, ein Foto seiner Mutter zu zerschneiden. Doch wo soll man angreifen und schneiden, wenn wir Bilder zunehmend nur noch in unseren Smartphones oder auf Speicherkarten mit uns herumtragen?

Obwohl sich die Ausstellung „Gerahmtes Gedächtnis“, die die Restauratorin Mila Moschik im Rahmen eines Dissertations-Stipendiums im Wiener Photoinstitut Bonartes ausgerichtet hat, mit historischen Objekten befasst, zielt sie auf eine höchst aktuelle Fragestellung ab: Was passiert mit der taktilen, „angreifbaren“ Dimension von Bildern, welche Rolle spielt das Material, das „Drumherum“ für die Art und Weise, wie wir mit Bildern umgehen?

Von der akademischen Kunst- und Fotografiegeschichte werden solche Fragen oft nur marginal behandelt – zu schnell ist der rationale Blick dazu verleitet, die Rahmen, Täschchen und Erinnerungs-Bouquets, die Moschik exemplarisch in der Schau versammelt, als „Kitsch“ abzutun.

Das war nicht immer so: Wie eine auf Lebensgröße reproduzierte Bild-Tapete in der Schau zeigt, war im 19. und frühen 20. Jahrhundert das dekorative Arrangieren von Fotos und Devotionalien auch in großbürgerlichen Haushalten selbstverständlich.

Bilder und Rituale

Moschik, die einen Großteil der Exponate selbst über Jahre im Antiquitätenhandel zusammentrug, zeigt kuriose Beispiele für diesen ritualisierten, aber säkulären Bilderdienst: Ein Gesteck mit Kaiserbildern, Blumen und Quasten, das ein angehender Soldat um 1915 nach bestandener Musterung bekam; zu Fotorahmen umgebaute Geschützteile, mit denen Soldaten ihre Erinnerungsbilder aus dem 1. Weltkrieg einfassten; oder ein Schaukästchen „zur Erinnerung an unsere liebe Maria“, in dem das Foto eines verstorbenen Kindes mit deren eigenen Haaren ornamentiert wurde.

11_Akte.jpg

02_Geweihrahmen.jpg

05_Samtrahmen.jpg

04_Klapprahmen.jpg

Servierschuessel.jpg

08_Metallrahmen.jpg

10_Stereodaguerreotypie.jpg

07_Stellrahmen.jpg

06_Kluppenrahmen.jpg

09_Faltparavent.jpg

Moschik fokussiert auf individuelle, oft maßgefertigte Rahmen und auf die Frühzeit industrieller Fertigung – mit dem standardisierten „Carte de Visite“-Format (ca. 5,5 mal 9 cm) entstand Ende der 1850er-Jahre eine Bilderrahmen-Industrie, deren blumiger Output bis heute anhält.

Erinnerung festhalten

Das menschliche Verlangen, Bildern und Erinnerungen eine haptische Dimension zu geben, habe sich im Grunde wenig verändert, sagt Moschik: Als Beispiel nennt sie die Covers für Mobiltelefone, die heute in großer Vielfalt angeboten werden. Auch die Praxis, Alben aus speziellen Papieren, Fotos und Erinnerungsstücken („Scrapbooks“) herzustellen, mag eine Gegenbewegung zur zunehmenden Virtualisierung der Bilder sein.

Andererseits liebkosen wir unsere Fotos durch das Wischen auf Smartphones und Tablets heute vielleicht mehr als jemals zuvor. Die technischen Möglichkeiten, Fotografien auf T-Shirts, Häferln etc. zu reproduzieren, sind endlos (die Firma Coffeeripples.com stellte jüngst ein Verfahren vor, um Bilder auf den Milchschaum von Kaffee zu drucken). Welche ästhetischen Formen sich als tauglich erweisen, unsere Erinnerungen „haltbar“ zu machen, wird mit etwas Abstand also neu zu bewerten sein.