Kultur
06.02.2018

Ex-Burgtheaterchef: "Absolutistischer Theaterherrscher hat keine Zukunft"

Statement an den KURIER. Der ehemalige Direktor Nikolaus Bachler meldet sich in der Affäre um Matthias Hartmanns Umgang mit Schauspielern zu Wort.

Von Nikolaus Bachler, Direktor der Bayerischen Staatsoper, zuvor von 1999 bis 2009 Direktor am Burgtheater

Mitglieder des Burgtheaters haben sich an die Öffentlichkeit gewandt. Sie lehnen sich auf und das ist gut so.

Der Zeitpunkt ändert nichts am Inhalt und am Anliegen, denn es geht nicht um Matthias Hartmann, sondern um Zustände im Metier. In kaum einem anderen öffentlichen Bereich hat sich ungehinderte Machtausübung in absolutistischer Form solange gehalten wie am Theater.

Bis heute. Unter dem Mantel von Kreativität, künstlerischem Willen und Erfolg geht es bei vielen um subtile oder offene Gewalt.

Der Beruf des Regisseurs ist der Jüngste im Theater, keine hundert Jahre alt. Und doch hat dieser Berufsstand es in der jüngeren Geschichte vielfach geschafft, alle Produktionsmittel und damit alle Macht in seine Hand zu bekommen. Alle Macht der Kunst heißt in Wahrheit oft alle Macht einem Einzelnen. Diese Haltung beschränkt sich nicht nur auf Männer.

Damit wird die Gewaltenteilung, die einer Gesellschaft Gerechtigkeit und Sicherheit gibt, aufgehoben. Alles ordnet sich dem Nimbus und dem Erfolg unter. Dem Erfolgreichen wird alles erlaubt, auch von den Abhängigen. Macht schafft Abhängigkeit und Abhängigkeit neigt zu Missbrauch!

Menschliche Reife

Um für ein Institut und viele Menschen Verantwortung zu übernehmen, braucht es menschliche Reife, Charakterstärke, Großzügigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, diesen Anforderungen im hitzigen Getriebe des Alltags gerecht zu werden. All das muss ein Künstler nicht haben. Künstlerische Arbeit muss in Freiheit geschehen und zwar für alle – und nicht in existenzieller Abhängigkeit.

Respekt verhindert keine Kunst, das haben große Künstler wie Grüber, Brook und Tabori ein Leben lang bewiesen. Wie sagte Dieter Wedel: "Ich kann aus einem Schauspieler nur das herausholen, was Gott in ihn hineingelegt hat!" Der Regisseur als Vollstrecker göttlichen Willens…Nero hat immerhin noch als Hintergrund für seine Kunst Rom brennen lassen. Wir sind also schon auf gutem Wege. Die Zeit für den Wandel ist günstig.

Es gibt jetzt nicht nur ein öffentliches Bewusstsein, sondern auch eine neue Generation von Menschen am Theater, die sich als gleichrangige Partner sehen.

Jüngere Künstler suchen das Miteinander und nicht das Ego als Arbeits- und Lebenssinn.

Darum wird diese Auflehnung aus der Burg Folgen haben. Vom Bühnenhandwerker bis zum Bühnenstar, vom Pförtner bis zum Intendanten, hat man sich naturgemäß auf Augenhöhe zu begegnen. Der absolutistische Theaterherrscher hat keine Zukunft mehr.

Und so bekommt diese Aktion der Burgtheatermitglieder einen weiteren und tieferen Sinn im Geiste der Worte Franz Grillparzers aus dem Ottokar: "Und nach den Zeichen sollt es fast mich dünken. Wir stehn am Eingang einer neuen Zeit"!