Kultur
02.12.2016

Es ist nicht wurst, wo die Kunst steht

Die Zeitgenossen-Schau „Poetiken des Materials“ im Leopold Museum wirkt seltsam deplatziert.

Zeitgenössische Kunst und Museen: Kaum ein Thema wird in Österreichs Kulturszene so beharrlich diskutiert. Während die einen meinen, dass es gar nicht genügend Flächen geben kann, um das Schaffen lebender Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren, argumentieren andere, dass Museen sich um das Gesammelte kümmern sollten und neuestes Kunstschaffen doch lieber in Galerien und Kunsthallen stattfinden soll.

Auf alle Argumente lässt sich mit „ja, aber“ antworten. Im Leopold Museum, wo sich die Schau „Poetiken des Materials“ bis 30. Jänner anschickt, Touristen zu verwirren, geht der Einwand so: Ja, es ist eine gute Idee, das „Wien um 1900“-Image des Hauses mit aktuellen Querschüssen aufzufrischen. Aber die Ausstellung tut das nicht, weil sie sich der Interaktion mit dem Museum versagt.

Poetiken des Materials“ ist eine Ansammlung von sechs Einzel-Projekten. Die Beiträge reichen von Abgüssen aus rosa Beton ( Anne Schneider) über Asphaltflächen ( Sonia Leimer) bis zu einem aus Filz, Frottee und Leder gestickten Bild mit rätselhaften Mustern (Benjamin Hirte). Jede Sektion würde zweifellos eine interessante Galerie-Ausstellung tragen.

Zäher Theorieleim

Das Museum aber will mehr: Es verspricht, eine aktuelle Kunsttendenz näherzubringen, nämlich den „Neuen Materialismus“, der auf die symbolische Aufladung von Materialien vertraut.

Direktor Hans-Peter Wipplinger und Kuratorin Stephanie Damianitsch müssen im Katalog und in Wandtexten viel zähflüssigen Theorieleim auftragen, damit sich das ausgeht. Am Ende fragt man sich dennoch, warum es gerade jene sechs Projekte geworden sind: Dass Materialqualitäten – im Gegensatz etwa zu formalen Überlegungen – derzeit Konjunktur haben, lässt sich auch anderswo beobachten.

Im Leopold Museum werden nicht einmal die Räume den Arbeiten gerecht: Die Projekte stehen zwischen Stellwänden weder allein noch gemeinsam da, Bezüge zwischen ihnen gibt es nicht. Verbindungen der Werke zur Sammlung wirken reichlich konstruiert: Das Video von Christian Kosmas Mayer, in dem ein Performer durch die Schausammlung wandelt und auf Basis von Spielkarten und Kunstwerken Eselsbrücken erfindet, ist bestenfalls halbwitzig. Der aus Text, Objekten und Museumswerken aufgebaute Parcours von Misha Stroj und Michael Hammerschmid wirkt in seiner Feingliedriedigkeit verloren.

Waren die gequälten Körper der Künstlerin Berlinde de Bruyckere, die zuletzt im Leopold Museum zu sehen waren, noch leicht in Bezug zu Schiele und dem Expressionismus zu setzen, hallt nun die Frage nach dem „Warum?“ endlos nach.

Ja, warum? Weil sich eine Museumsausstellung in der Künstlerbiografie gut macht? Weil die Idee eben realisiert werden wollte?

Kunst in Isolationshaft

Wo gerade wieder einmal über eine Neuordnung des Museumswesens debattiert wird, darf man darauf verweisen, dass nicht alles überall funktioniert. Daraus abzuleiten, dass Museen nicht über ihre Tellerränder blicken sollten, wäre freilich fatal: Die Interaktion von Museen und zeitgenössischer Kunst ist nötig, um beide Systeme vor Isolation zu bewahren. Wenn Zeitgenössisches isoliert im Museum stattfindet, profitiert aber niemand.

2017 im Leopold Museum: Wurm, aber keine LIbelle

Am Donnerstag präsentierte das Team des Leopold Museums sein Programm für 2017 nach einem „erfolgreichen Jahr“ 2016: Die staatlichen Mittel stiegen auf 4,3 Mio. €, man rechnet bis Jahresende mit 370.000 Besuchern und mehr als drei Millionen Euro Einnahmen aus Tickets und Shop-Erlösen.

Im kommenden Jahr balanciert Direktor Hans-Peter Wipplinger weiter Klassische Moderne mit Zeitgenössischem aus. Die Schau „Köstlich! Köstlich?“ (25. 3. – 19.6.) bringt den Biedermeier-Maler Carl Spitzweg mit dem Biennale-Teilnehmer Erwin Wurm zusammen, die Klammer ist der hintergründige Humor beider Künstler.

Von 19.5. – 4.9. zeigt das Leopold Museum die längst überfällige erste Museums-Retrospektive des Bildhauers Joannis Avramidis. Es folgt eine Werkschau zu Anton Kolig (22. 9. – 29.1. 2018) und zum Schweizer Künstler Ferdinand Hodler, der enge Kontakte zu Klimt & Kokoschka pflegte (13.10. – 22. 1. 2018). Die Reihe von Zeitgenossen-Präsentationen (s. Artikel oben) wird unter dem Motto „Spuren der Zeit“ fortgesetzt (20.10. – 5. 2. 2018). Aus der Sammlung zeigt man „Frauenbilder“ (7.7. – 18.9.) und Alfred Kubins Grafik (7.7.– 4.9.).

Nicht realisiert wird 2017 der „Libelle“ genannte Dachaufbau der Architekten Ortner & Ortner: Weil sich 2018 Schieles Todestag zum 100. mal jährt und diverse Aktivitäten geplant sind, möchte man das Haus nicht mit einer Großbaustelle belasten, heißt es. Der Gebäude-Annex soll nun erst im Spätherbst 2018 realisiert werden.