"Die Affäre Rue de Lourcine“ (2015): Ofczarek als Lenglumé, Maertens als Mistingue

© APA/ROLAND SCHLAGER

Kultur
03/15/2017

"Es ist ein produktiver Wettkampf"

Heute werden sie zu Kammerschauspielern ernannt: Michael Maertens und Nicholas Ofczarek über ihre Zusammenarbeit und Freundschaft.

von Thomas Trenkler

1. Akt, 1. Szene.

Burgtheater, schmucklose Garderobe. Neben der Tür zwei Schilder: "Michael Maertens" und "Nicholas Ofczarek". Eineinhalb Stunden vor Beginn der Komödie "Die Affäre Rue de Lourcine". Ofczarek, in Trainingshose, trifft ein. Er packt Sushi von Akakiko aus. Wenig später kommt Maertens, etwas besser gekleidet. Er schnabuliert mit. Der Redakteur des KURIER gratuliert zum Titel "Kammerschauspieler", den die beiden heute verliehen bekommen.

Nicholas Ofczarek: Wir spielen viel zusammen. Und wir werden gleichzeitig Kammerschauspieler. Aber wir haben uns das nicht ausgesucht.

Michael Maertens:Es wurde so bestimmt.

Ofczarek: Wir sind ja auch zum Paar bestimmt.

Maertens: Wir haben das Frau Bergmann zu verdanken. Auch sie sieht uns als Paar. Ich krieg in diesem Land ja nur dann Preise, wenn Herr Ofczarek neben mir steht. Schon 2005 musste ich mir den Nestroy mit ihm teilen.

KURIER: Als beste Schauspieler – in unterschiedlichen Produktionen. Aber bereits davor sind Sie gemeinsam auf der Bühne gestanden.

Ofczarek: Ist das so? In was denn?

Maertens: In "König Ottokar"! Aber da sind wir uns kaum begegnet.

Ofczarek: Du hast mich erschossen, glaube ich.

Redeten Sie damals schon miteinander?

Maertens: Nein, nicht viel.

Ofczarek: Wir waren uns suspekt. Denn wenn der Hamburger Michael Maertens dem Wiener Niki Ofczarek sagt: "Ich habe zugesehen, die Szene hat mir sehr gut gefallen." Dann denkt der Wiener: "Der will mich verarschen!" Und so haben wir recht lange gefremdelt.

Sie agierten erstmals 2006 gemeinsam – als Nestroy-Gala-Moderatoren.

Ofczarek: Nach der Verleihung 2005 sagte ich schwer alkoholisiert zu Karin Kathrein, der Jury-Vorsitzenden: "Verzeihung, die Veranstaltung muss man einmal g’scheit machen! Und wir machen das g’scheit."

Maertens: Wir mussten uns daher notgedrungen treffen.

Ofczarek: Wir haben uns eben gut vorbereitet.

Maertens: Und es mit großem Vergnügen gemacht. Das war eigentlich der Beginn einer zarten Freundschaft, die sich zu einer tiefen Freundschaft entwickelt hat.

Und nun, elf Jahre später, sind Sie ein eingespieltes "Odd Couple".

Ofczarek: Wir dürften nach außen hin harmoniert haben. Ich weiß allerdings nicht, ob "harmonieren" das richtige Wort ist.

Maertens: Wie Walther Matthau und Jack Lemmon. So hat uns ein Intendant genannt. Oder wie Dick und Doof. Wobei ich mittlerweile beides bin: dick und doof. Früher war nur er dick – und ich nur doof.

Ofczarek: (grinst) Frechheit!

Maertens: Und auch wir als Paar: Es lebt von den Gegensätzen, von der unterschiedlichen Sprache zum Beispiel. Aber auch vom Typus her sind wir völlig unterschiedlich. Und solche Gegensätze harmonieren eben auf der Bühne.

Ofczarek: Das hab ich, ehrlich gesagt, lange nicht so gesehen. Denn wir haben uns beim Arbeiten auch wahnsinnig genervt.

Maertens: Das flackerte immer wieder auf.

Ofczarek: Es war definitiv so. Obwohl wir nicht wussten, warum.

Maertens: Den letzten Schliff hat die Freundschaft letzten Sommer in Salzburg gekommen. Bei "Endspiel" von Samuel Beckett. Wir haben derart wunderbar zusammengearbeitet – auch dank des Regisseurs Dieter Dorns. Denn es ging nicht darum, wer von uns beiden der Komischeste ist. Und wir waren als Diener und Herr voneinander abhängig. Nicholas sitzt ja im Rollstuhl und ist blind.

Ofczarek: Michi fand es ganz toll, dass ich gefesselt war – und nicht machen konnte, was ich will.

Maertens: Damals sind wir auch Nachbarn in Wien geworden. Das hat sich zufällig so ergeben. Wir könnten uns nun gegenseitig vom Küchenfenster aus beobachten oder vom Balkon aus Texte probieren. Und wenn ich zwei Eier brauche, brauche ich nur bei ihm zu klopfen.

Ofczarek: Hast Du noch nie gemacht.

Maertens: Kann ja noch kommen. Diese Freundschaft: Die lass’ ich mir jetzt nicht mehr nehmen. Und schon bald werden wir wieder zusammenarbeiten. Diesmal hat jeder von uns gesagt: "Wenn Du mitmachst, dann mach auch ich mit!"

Was werden Sie spielen?

Ofczarek: Dürfen wir das sagen?

Maertens: Dürfen wir nicht. Da müssen Sie Frau Bergmann fragen!

Das Publikum erwartet sich nun jedes Jahr ein Stück mit Ihnen gemeinsam.

Ofczarek: Das ist aber gar nicht gut! Eines geht jetzt noch. Aber Österreich ist ein kleines Land, daher seh ich im Fernsehen immer die gleichen Leut’. Und die gehen mir schon auf die Nerven. Also: Man muss sich rar machen.

Gibt es zwischen Ihnen auch so etwas wie Rivalität?

Ofczarek: Von mir aus nicht, eher vom Michi.

Maertens: Stimmt überhaupt nicht! Dazu sind wir zu unterschiedlich. Ab einem gewissen Niveau – wenn ich das so angeberisch sagen darf – gibt es sowieso keine Rivalen. Manchmal führte ich mich in meiner Art zu proben gestört, und umgekehrt war es genauso. Aber Rivale? Nein. Rivalität entsteht ja meistens dann, wenn man das Gefühl hat, dass einem jemand was wegnehmen kann. Da hab ich keine Angst.

Ofczarek: Ich muss schon zugeben: Wenn jemand, den ich für absolut schlecht halte, statt mir eine Rolle gespielt hat, dann hab ich mich geärgert. Aber bei einem Schauspieler, den ich bewundere? Jedoch: Was wäre gewesen, wenn nur einer von uns den Titel Kammerschauspieler bekommen hätte? Ich glaub, das haben sie vermeiden wollen.

Maertens: Als wir von der Verleihung erfahren haben: Da waren wir schon stolz. Auch deshalb, weil wir den Titel gemeinsam bekommen. Denn seit zwei, drei Produktionen ist es so: An diesem Theater, wo es vor Individualisten nur so wimmelt, wo es immer Kämpfe gibt, wer welche Garderobe bekommt – je näher, desto größer die Rolle –, nehmen wir uns die hinterste Garderobe gemeinsam.

Ofczarek: Wir fragen uns schamhaft: "Wollen wir wieder gemeinsam?" Denn wir haben viel Text miteinander, und dann sprechen wir eben den Text vorher durch um warm zu werden.

Stacheln Sie sich da bereits auf?

Ofczarek: Nein. Wir spielen die Produktion heute zum 62. Mal. Der Zuschauer spürt , wenn etwas lebendig ist, in der Sekunde entsteht. Wir betreten die Bühne – und es ist sogleich ein produktiver Wettkampf.

Also doch Rivalität.

Ofczarek: Nein, nein, nein! Nicht um besser zu sein als der andere. Sondern um den anderen herauszufordern. Manchmal schießen wir übers Ziel hinaus, insgesamt aber ist es eine sehr feine Sache. So etwas hat man nicht mit vielen Kollegen.

Maertens: Wir sind halt sehr betrunken auf der Bühne. Aber das bietet einem die Möglichkeit der Variation. Es wäre todlangweilig für uns, wenn wir jeden Abend immer gleich abspulten müssten. Und das würde sich aufs Publikum übertragen.

Sie, Herr Ofczarek, müssen immer wieder Betrunkene spielen.

Ofczarek: Manchmal sind es Betrunkene, manchmal Alkoholiker – das ist ein Unterschied. Und ich spiele sie in verschiedenen Promillegraden. Ich sag ganz präpotent: Das musst erst einmal können! Aber es stimmt, ich sollte langsam aufpassen, wenn ich eine neue Rolle übernehme.

Sie, Herr Maertens, müssen manchmal Trottel spielen.

Maertens: Trottel – und oft böse. Man wird ja nach Charakter und Persönlichkeit besetzt. Ich sollte mir vielleicht Gedanken machen, warum das so ist. Aber ich hab auch schon edle Helden gespielt! Wenn auch mit wenig Erfolg.

Und in der nächsten Produktion?

Maertens: Eins kann ich sagen: Diesmal bin ich vorwiegend besoffen.

1. Akt, letzte Szene.

Burgtheater, Direktion.

KURIER: Welches Stück werden Ofczarek und Maertens nächste Saison spielen? Die beiden haben im Interview geschwiegen wie ein Grab.

Karin Bergmann: Das ist ja noch richtig alte Schule! Wir setzen die Zusammenarbeit mit Alvis Hermanis fort und machen ein Stück von Alexander Ostrowski. Wird gerade neu übersetzt. Wir nennen es "Schlechte Partie". Ist doch ein guter Titel, oder?

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