Kultur 07.12.2011

Erklärt Pereira - von Antonio Tabucchi

© Bild: epa

Es scheint als würden die italienischen Leserinnen und Leser Tabucchis Buch auch als Allegorie auf ihr eigenes Land verstehen.

Antonio Tabucchis Roman spielt im Sommer des Jahres 1938 in Lissabon. Portugal wird von António de Oliveira Salazar beherrscht, in Spanien toben Franco und der Bürgerkrieg, in Italien, Deutschland und Österreich leben Mussolini und Hitler ihre irrsinnigen Machtfantasien aus. Aber Faschismus und Zensur fechten den Helden des Buches, Doktor Pereira, nicht an.

Er ist ein älterer Witwer, herzkrank und Limonadentrinker, er betreut die Kulturseite der Zeitschrift "Lisboa", übersetzt Balzac und kümmert sich nicht weiter um die politischen Umwälzungen in Europa. Nur Nachrufe auf Künstler muss er schreiben, eine lästige Aufgabe, die er gerne delegieren möchte, am besten wäre es, man hätte schon Nekrologe auf Vorrat von noch lebenden Kandidaten. Denn das zumindest weiß auch er: "Diese Stadt stinkt nach Tod, ganz Europa stinkt nach Tod." Das spürt sogar Doktor Pereira. Und engagiert für diese Aufgabe den jungen Studenten Monteiro Rossi, kann dessen glühende, antifaschistische Nachrufe aber nicht verwenden - die Zensur würde solche Texte nie durchlassen. Trotzdem bezahlt Pereira Rossi weiter, vertieft die Bekanntschaft, lernt Rossis Freunde kennen.

Antonio Tabucchi (* 1943): "Es war der fünfundzwanzigste Juli neunzehnhundertachtunddreißig, und Lissabon strahlte im Blau einer Atlantikbrise, erklärt Pereira."
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Noch wehrt er sich gegen die Einsicht, unvermutet in einer Widerstandsbewegung gegen das faschistische Salazar-System gelandet zu sein, bald aber muss er sich entscheiden: Monteiro Rossi taucht flüchtend in seiner Wohnung auf und bittet um Hilfe. Pereira versteckt ihn, doch die Geheimpolizei des Regimes steht kurz darauf vor der Tür. Pereira wird zum Zeugen und rafft sich endlich auf, wird vom inneren Emigranten zum aktiven Schreiber.

"Erklärt Pereira", "Pereira erklärt" - jedes der 24 kurzen Kapitel dieses Buches beginnt und endet mit dieser Formel. Sie macht beklommen, man ahnt, dass die Bezeichnung des Romans als "eine Zeugenaussage" wörtlich zu nehmen ist. Berührend sind die Monologe des einsamen Redakteurs vor dem Bild seiner verstorbenen Frau - und der philosophische Dialog mit seinem Arzt während eines Klinikaufenthalts. Doktor Pereira erklärt in neutraler, berichtartiger Form, fast durchgängig - bedingt durch die formelhafte Einleitung - in indirekter Rede. Vor wem er dieses Zeugnis ablegt, erfahren wir erst im Nachwort des Verfassers: Dort beschreibt Antonio Tabucchi, wie er im September 1992 von "Pereira Besuch bekam" und begriff, "dass eine Seele, die durch den Äther irrte, mich brauchte, um von sich zu erzählen, um von einer Entscheidung, einer Pein, einem Leben zu berichten." Pereira erklärt, und Tabucchi protokolliert.

Der Roman erschien 1994 in Mailand und wurde ein großer Erfolg. Es scheint, als habe der Autor einen Nerv der Zeit getroffen, als würden die italienischen Leserinnen und Leser sein Buch auch als Allegorie auf ihr eigenes Land verstehen: Im selben Jahr hatte Silvio Berlusconi die Parlamentswahlen gewonnen - unter zumindest fragwürdiger Nutzung der Medien. Aber auch international erlangte "Erklärt Pereira" Bestseller-Status und gewann nicht nur den wichtigsten italienischen Literaturpreis Premio Campiello, sondern wurde 1998 auch mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur geehrt. 1995 wurde die eindringliche "Zeugenaussage" mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt.
Antonio Tabucchi wurde 1949 in Vecchiano bei Pisa geboren und lehrt als Professor für portugiesische Sprache und Literatur an der Universität Genua. Er lebt und schreibt in der Toskana und in Portugal, ist Herausgeber der italienischen Ausgaben des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa und schrieb sogar einen seiner Romane ("Lissabonner Requiem") auf Portugiesisch.

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Erstellt am 07.12.2011