Erich Schleyer spielt am Wiener Volkstheater die Hauptrolle in Kushners „Ratgeber“: „Ein Traum für einen alten Zausel wie mich.

© KURIER /gruber franz

Volkstheater
02/15/2013

"Mir hilft das Lachen"

Erich Schleyer spielt die Hauptrolle im neuen Stück von Tony Kushner mit dem Titel "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift".

Wir haben alle ziemlich lange gebraucht, bis wir uns den Titel gemerkt haben.“ Das sagt Erich Schleyer, der Hauptdarsteller im neuen Stück des für den Oscar als Drehbuchautor (für Steven Spielbergs "Lincoln") nominierten Tony Kushner. Und ja, der Titel des Werks, das Freitag (15. Februar), im Volkstheater seine österreichische Erstaufführung erlebt, hat es tatsächlich in sich: "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift".

Und damit ist eigentlich schon alles über Kushners 2011 in den USA uraufgeführtes Stück gesagt. Oder besser: noch gar nichts. Es geht um Kapitalismus, Sozialismus, Glaubens- und Wertsysteme sowie um eine Familienaufstellung der etwas anderen Art. „Tony Kushner, den ich ja seit der Aufführung von ,Angels in America‘ gut kenne, hat eine bitterböse, sehr lustige, sehr traurige, sehr kluge und sehr ehrliche Bestandsaufnahme über die Welt von heute geschrieben. Ein absolutes Meisterwerk“, betont Schleyer.

Amerikanischer Traum

Es geht um Gus, einen pensionierten Hafenarbeiter und kommunistischen Ex-Gewerkschafter, der mit dem Leben abgeschlossen hat, der Selbstmord begehen will. Doch ob er das wirklich tun soll – darüber soll seine Familie abstimmen. Eine Familie, die so gar nicht dem klassischen Idealmodell entspricht, in der sich Schwule und Lesben mit Partnern und Expartnern nur so tummeln, in der der amerikanische Traum längst zu einem Albtraum in Zeiten fehlender Werte geworden ist.

„Der Gus ist eine wunderbare Rolle für so einen alten Zauser wie mich“, erklärt Schleyer, dem die „Abhandlung über das Ende aller Utopien“ sehr am Herzen liegt. „Aktueller geht es ja kaum mehr. Alle Systeme haben doch irgendwie ausgedient. Der hemmungslose Kapitalismus ebenso wie die später pervertierten sozialromantischen Systeme. Wer zeigt heute noch Solidarität gegenüber seinen Mitmenschen? Selbst das Ideal der klassischen Familie gibt es doch nicht mehr. Was Tony Kushner in seinem Stück zeigt, ist der Jetzt-Zustand einer Gesellschaft. Und das macht er sehr humorvoll, aber auch zärtlich-berührend.“

Bleibt die Frage, ob Theater in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch etwas bewegen kann. „Wenn ich daran nicht glauben würde, müsste ich ja nicht spielen. Wenn wir es schaffen, einen einzigen Menschen zum Denken zu bringen, dann haben wir viel erreicht. Man kann vielleicht nicht die Welt verändern, aber man kann bei seinem eigenen Leben und Verhalten beginnen.“

Szenenfotos des Stückes

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Glückliche Kinder

Und der Mensch Schleyer? „Mir hilft das Lachen und mir helfen die Kinder, die ich mit meinen Märchen erreiche“, sagt der Autor von Büchern wie "Ringelrote Regenwürmer" und passionierte Fotograf. „Es ist schön, eine kurze Zeit diese kleinen Racker bei ihrem Aufwachsen begleiten zu dürfen. Und sei es als Märchenonkel.“

Eine Rolle, die Schleyer liebt. Eben ist seine CD mit Märchen der Gebrüder Grimm erschienen, „als Nächstes nehme ich mir den Andersen vor“.

Lesen, spielen, schreiben, fotografieren und denken – das sind Schleyers Passionen. Denn: „Ich wage zu behaupten, würden die Menschen mehr nachdenken, hätten wir manche Katastrophen vermeiden können. Im Großen wie im Kleinen. Insofern glaube ich an das Theater als essenzielle Denkhilfe, ja als Ratgeber für Willige.“