Kultur 15.03.2018

Emojis aus bitteren Zeiten: Keith Haring in der Albertina

Keith Haring © Bild: Albertina/© The Keith Haring Foundation

90 Werke von Keith Haring helfen beim Entziffern seines bunten, aber düsteren Alphabets.

Bunt ist sein Werk, verführerisch einfach, es ist ein Figuren- und Code-Alphabet, in dem sich der Smartphonebenutzer und Popkulturmensch von heute wohl fühlt.

Keith Haring © Bild: Albertina/© The Keith Haring Foundation

Keith Harings Bilder sind aber, das verdeutlicht die nunmehr präsentierte umfangreiche Ausstellung in der Albertina, Emojis aus dunklen, oftmals bitteren Zeiten. Kubakrise, Berliner Mauer, der Atomunfall von Three Mile Island, und vor allem: AIDS. An den Bildern und Nachrichten aus der kurzen Lebens– und Schaffensperiode Harings – kaum ein Dutzend Jahre war er künstlerisch aktiv! – entlang fährt man per Rolltreppe in die Ausstellung und ist gebührend eingestimmt.

Keith Haring © Bild: Albertina/© The Keith Haring Foundation

Und macht sich so gerüstet ans Mitbuchstabieren des Alphabets Harings: Kopulierende und Schwangere, Micky-Mäuse und Fernseher, gepunktete Figuren, Hunde und Außerirdische sprechen aus den großformatigen, bunten Bildern, auf Holz, auf Plastikplanen, auf Leinwand. Und sie sollen auch sprechen: Kunst ist nichts, wenn sie nicht allen und jeden erreiche, sagte der an Graffiti und Street Art geschulte Haring. Der war Humanist – und Angsthaber: Die Computerisierung sorgte ihn schon in den späten 1970er Jahren; als AIDS ihn brutal vieler seiner Freunde beraubte, schlägt sich die Angst vor seinem eigenen Verschwinden auch in die Kunst durch, wie Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder sagt.

Ein großer Zeichner

A propos Albertina: Etwaigen Einwürfen bezüglich Albertina-Tauglichkeit der Kunst Harings weiß man schlüssig zu begegnen: Der Amerikaner wird als "einer der größten Zeichner des 20. Jahrhunderts" (Schröder) auch im ureigensten Gebiet der grafischen Sammlung gewürdigt. Und auch dementsprechend präsentiert: Nicht durch Masse – obwohl die Ausstellung überaus umfangreich ist –, sondern durch Herausstellung von Einzelwerken wird Harings Kunst kanonisiert. "Wir zeigen Haring wie Raffael, wie Michelangelo", sagt Schröder.

Und das, obwohl das Werk Harings überraschend wenig museal ist: Die erste umfangreiche Schau zu Haring in Österreich wurde von einer Vielzahl privater Leihgeber zusammengetragen; trotz dessen Prominenz hängen relativ wenige Bilder des Amerikaners in Museen.

Was sicher auch in dem überraschend engen Zeithorizont zwischen Werk, Tod und dem Heute liegt. Kaum zu glauben: 60 Jahre wäre Haring erst, obwohl er bereits bald 30 Jahre tot ist.

Keith Haring © Bild: Albertina/© The Keith Haring Foundation

Dementsprechend heutig die Themenkomplexe: Der Computer als allgefräßige Raupe, der der Menschen Köpfe frisst – da würde man heute vielleicht ein Smartphone einfügen; die Aussage selbst aber könnte nicht aktueller sein.

Haring versuchte, mit seinen Bildern Untergänge zu bannen: Den Untergang des Humanismus, der Menschheit (Außerirdische attackieren!), des Sex (AIDS).

Oftmals aber auch: Energiewellen, comichafte Bewegungssymbole – denn auch das wollte Haring mit seiner Kunst: Energetisieren. Zur Bewegung animieren. Zum Dagegenhalten.

( kurier.at ) Erstellt am 15.03.2018