Kultur
16.12.2017

Eminem: So ist das neue Album "Revival"

Anno 2017 such Eminem Anschluss an Pop-Größen wie Ed Sheeran und Beyoncé.

"Warum sind die Erwartungen so hoch? Meine Arme, ich strecke sie, aber ich kann nichts erreichen!"

Das ist eine Zeile aus "Walk On Water", der ersten Single aus Eminems neuem Album "Revival". Sie zeigt, wie unsicher sich der 45-Jährige in Bezug auf sein Comeback ist. Vom "Fluch des Standards", den er selbst gesetzt hat, ist in dem Song später die Rede, von der verzweifelten Suche nach Versen, die er noch nicht ausgespuckt hat, von Druck und der Angst vor schlechten Kritiken und Misserfolg.

Seine Skepsis gegenüber dem, was er mit " Revival" abliefert, ist durchaus berechtigt. Tatsächlich klingt das Album nach einem Mann, der genauso krampfhaft wie verkrampft den Anschluss sucht – sowohl an seinen eigenen Standard, als auch an all jene, die heute die Szene bestimmen.

Eminem hat sich nämlich für die Features an Stars wie Ed Sheeran, Beyoncé und Pink gewandt. "Ich wollte mehr Bandbreite bieten, für jeden etwas", erklärte Eminem in Bezug auf den Sound von "Revival". Doch seine Flirts mit der Pop-Welt funktionieren nicht.

Während man dem Beyoncé-Duett "Walk On Water" noch zumindest Ohrwurm-Qualitäten und Hitpotenzial zusprechen kann, wirkt die aktuelle Single "River" mit Ed Sheeran wie ein passabler (aber nicht außergewöhnlicher) Ed-Sheeran-Hit, der von einem Eminem-Rap unterbrochen wird. Das sind zwei Welten die – zumindest hier – keine überzeugende Verbindung finden.

Ideenlos

Ähnlich gezwungen und ideenlos klingt Eminem bei "Remind Me", bei dem er über Joan Jetts "I love Rock ’n’ Roll" rappt, und den Refrain in "I love you" abändert, oder bei "In Your Head", für das er in ähnlicher Weise "Zombie" von den Cranberries verwurstet.

Bei den Songs, die Eminem alleine bestreitet, sind viele der Beats wirr. Es gibt jede Menge Puzzle-Stücke, die einzeln genommen viel versprechen, hier aber wie zufällig aufeinandergeworfen wirken und sich nicht verzahnen.

Ein Beispiel dafür ist "Chloraseptic", bei dem noch dazu kommt, dass Eminem in seine Paraderolle als wütender junger Mann schlüpft. Als dieser hat er die heute gefürchteten Standards gesetzt, aber der ist er nicht mehr. Wie häufig auf " Revival" ist sein ungestümer Hass mehr Pose denn Gefühlsausdruck.

Es gibt Ausnahmen: Glaubwürdig, bissig und packend wird Eminem in "Arose" und "Framed". Und wenn er in "Like Home" über Trump schimpft, wobei die Spannung dieses Tracks bald von einem allzu poppigen Refrain von Alicia Keys gebrochen wird.

Es ist tatsächlich so: Eminem streckt sich, kann seinen Standard aber nicht mehr erreichen.

Unmissverständliche Botschaften von N.E.R.D

Pharrell William ist seit 2013 der Mann der Stunde. In jenem Jahr sang er an der Seite von Daft Punk das Lied "Get Lucky" und schenkte danach der Welt mit "Happy" einen weiteren Feel-Good-Hit. Erwähnen sollte man in diesem Zusammenhang noch die ebenfalls 2013 veröffentlichte "Masterarbeit" mit Robin Thicke ("Blurred Lines") und sein Soloalbum "Girl". Allesamt Chartstürmer. Zufall war das natürlich keiner. Denn der 44-Jährige aus Virginia liefert seit rund 20 Jahren beständig tollen Output: Das mit Schulfreund Chad Hugo 1998 gegründete Produzentengespann The Neptunes versorgte Popsternchen wie Britney Spears mit zeitgenössischen Beats und brachte Kollegen wie Snoop Dogg zurück auf die Spur. Allein 2003 soll laut einer Studie fast die Hälfte aller im US-Radio gespielten Lieder aus dem Mischpult der Neptunes gekommen sein. Zeitgleich machte Pharrell Williams mit seiner Stammband N.E.R.D. Karriere. Auf ihrem 2001 vorgelegten Debüt "In Search of ..." vermengte das Trio Rock mit Hip-Hop. Es folgten weitere Alben – bestückt mit Hits wie "She Wants To Move". Das letzte Lebenszeichen von N.E.R.D war "Nothing" von 2010. Es war – Nomen est omen – nichts Besonderes.

Das nun veröffentlichte "No_One Ever Really Dies", spielt aber wieder in einer anderen Liga mit. Die Dringlichkeit und Schärfe, mit der N.E.R.D zurückkehren, ist erstaunlich. Anführer des Aufstand ist Pharrell Williams selbst – er ruft im Song "1000" zum Riot auf. Dazu werden aggressive Trap-Beats und (im Video) brennende Südstaatenflaggen und die Dead Kennedys zitiert: "Nazi redneck assholes fuck off!".

Im Song "Don’t Don’t Do It!" werden weitere Missstände in den USA aufgezeigt. Als musikalische Gäste dabei: Kendrick Lamar und Frank Ocean. Auch Rihanna hat ihren Auftritt und liefert auf "Lemon" ihren besten Rap-Auftritt seit Langem ab. Mit dem Meisterwerk "No_One Ever Really Dies" senden N.E.R.D unmissverständliche Botschaften nach Washington, von wo aus Trump seine Befindlichkeiten per Twitter absondert. Es ist zwar keine Sammlung von Protestliedern, aber immerhin ein Zeichen dafür, dass kritische Geister im Popfach nicht ganz verstummt sind. Denn bisher waren die Stars der Szene ungewohnt handzahm oder legten sich gleich mit den Rednecks ins Bett – siehe Miley Cyrus.