Die Berliner Festspiele zeigen Robert Wilsons legendäres Werk "Einstein On The Beach"

© Deleted - 737205

"Einstein On The Beach": Oper zum Selberdenken
03/04/2014

"Einstein On The Beach": Oper zum Selberdenken

Kritik: Die Berliner Erstaufführung des legendären Werks von Regielegende Robert Wilson

von Georg Leyrer

Es lässt sich kaum ein ungewöhnlicherer Ohrwurm denken als jener, mit dem einen " Einstein On The Beach" in die Nacht hinausschickt.

"One, two, three, four/One, two, three, four, five, six/One, two, three, four, five, six, seven, eight."

Und das immer und immer wieder.

Nein, "Einstein On The Beach" ist wahrlich keine normale Oper: Komponist Philip Glass und der gefeierte Avantgarde-Regisseur Robert Wilson haben auf alles verzichtet, was Musiktheater sonst so ausmacht. Eine Handlung etwa, oder ein Libretto, das man verstehen kann (oder muss). Oder offizielle Pausen: Man kann kommen und gehen, wann man will. Das abstrakt-minimalistische Werk hat bei seiner Uraufführung 1976 die Frage ganz neu gestellt, wie Musik und Theater funktionieren. Und fast vier Jahrzehnte später zeigte am Montag die erste Aufführung von "Einstein On The Beach" in Berlin überdeutlich, warum das Werk legendär ist.

Dramafrei

Wie weit weg, wie unfreundlich eigentlich, scheint hier das gnadenlose Gefühlsspülprogramm, durch das einen die Oper sonst rüttelt: spülen, schleudern, schleudern, schleudern, spülen, bei der Oper gibt es kein Entkommen – man kriegt von Orchester, Sängern, Bühnenbild sekundengenau mitgeteilt, was man zu fühlen hat.

Bei "Einstein On The Beach" aber, welche Erleichterung, ist man mit sich alleine. Endlich kein Drama, Baby! Stattdessen: So abstrakte wie eindrucksvolle Bilder, die mit Bedeutung aufzuladen (oder auch nicht) einem selbst überlassen bleibt.

Ein absurdes Gerichtsverfahren, der Morgentanz der Büroangestellten mit ihrem Mittagessen im Papiersackerl, ein flachgedrückter Zug, der auf die Bühne fährt – und dann wieder ab.

Dazu Wortfetzen-Monologe, die viel zu erzählen scheinen, aber nichts sagen müssen, die berühren, ohne ein Gefühl vorzugeben.

Fasziniert beobachtet man ein Lichtrechteck beim Aufrichten und nach oben aus der Sicht entfleuchen, und das reicht für ein fast parsifaleskes Erlösungserlebnis: Der Lichtraum wird hier zur Zeit. Überhaupt, die Zeit: Die wird gehörig auf den Kopf gestellt. Glass hat das Verständnis dessen, wie Musik funktioniert, gleichsam umgekippt: Er dreht eine Handvoll Töne im Kreis, immer und immer wieder, mal entrückt-abstrakt, mal rasant-wurlig in den tiefsten Tiefen des Synthesizers wühlend.

Und erst über die Dauer, aus Differenz und Wiederholung, ergibt sich daraus all die Spannung, die bei "Einstein On The Beach" die Aufmerksamkeit über mehr als vier Stunden hält: Nirgendwo anders sorgt ein einzelner Ton, der addiert oder subtrahiert wird, für ein so profundes Aufhorchen wie bei Glass.

Lichtarchitektur

Auch die Choreografien von Lucinda Childs leben von Wiederholung: Tänzer teilen den Bühnenraum immer wieder in die selben Bereiche, wiederholen Schritt um Schritt. Zum Finale dann malochen die Darsteller, wie bei Fritz Langs "Metropolis", an einer überdimensionalen Lichtarchitektur. Zuletzt folgt noch ein berührender Monolog über die Liebe, der nichts dazu beitragen muss, diese besser zu verstehen.

Und, letztendlich, Standing Ovations für ein Werk, das nichts an Magie und Schönheit eingebüßt hat.

KURIER-Wertung:

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.