Kultur
11.11.2016

Eine Parabel über die Spaltung

Ein früher Höhepunkt der Saison: Elmar Goerden inszenierte "Die Verdammten" ungemein aktuell.

In der Nacht auf den 28. Februar 1933 brannte der Reichstag in Berlin. Dieser Anschlag gab Adolf Hitler, vier Wochen zuvor legal an die Macht gekommen, die Möglichkeit zu einer Verordnung, mit der die Gegner der NSDAP ausgeschaltet werden konnten. Nicht viel anders ging Recep Tayyip Erdoğan nach dem "Putschversuch" heuer im Juli vor.

Just an diesem Abend des 27. Februar 1933 feiert in Luchino Viscontis Film "Die Verdammten" (aus 1969) Baron Joachim von Essenbeck, Generaldirektor Krupp-ähnlicher Stahlwerke, im Familienkreis seinen Geburtstag. In der Dramatisierung von Ulf Stengl, die am Donnerstag im Josefstädter Theater umjubelte Premiere hatte, stellt sich Friedrich Bruckmann, der hasenfüßige, wenngleich auch karrieristische Finanzdirektor (André Pohl, akkurat gescheitelt) als Gratulant ein – mit einem Strauß Blumen. Trauerblumen.

Noch scheint der Prinzipal, von Heribert Sasse mit etwas zu viel österreichischer Güte ausgestattet, die Fäden in der Hand zu haben. Und er will seine Großfamilie nicht auseinanderdividiert sehen: Sie habe sich aus politischen Differenzen herauszuhalten. Im Vorbeigehen zupft der Baron seinem Cousin Wolf die Kornblume aus dem Knopfloch. Doch gleich bei seinem nächsten Auftritt wird Raphael von Bargen, der den Herrenmenschen ohne Manieren mit brutaler Eiseskälte spielt, wieder eine solche angesteckt haben.

Für die Nationalsozialisten in Deutschland hatte die Kornblume keinerlei symbolische Bedeutung. Aber mit diesem winzigen Eingriff verleiht Regisseur Elmar Goerden seiner durchchoreografierten, immer rasanter werdenden Inszenierung ungeheure Aktualität: Er schildert in wuchtigen, kontrastreichen Szenen vor einem wirkungsvollen Bühnenbild-Geflecht die Spaltung einer Gesellschaft – samt den unausweichlichen Folgen.

Die Aufstellung für das Familienfoto zu Beginn vermittelt Eintracht. Doch schon wenig später brechen die Gräben auf. Der eine, Herbert, warnt vor dem "Landstreicher", er mahnt Haltung und Würde ein – sehr zum Missfallen seiner Frau, die ihre beiden Töchter in einer heilen Welt aufwachsen sehen möchte. Konstantin hingegen, der Sohn von Joachim, plädiert, sich mit den Nazis zu arrangieren, die Geschütze en masse ordern: Er bricht seinem Sohn, der am Konservatorium lieber Cello studieren möchte, statt ins Unternehmen einzutreten, brutal die Hand. Die Zukunft werde nicht nach Musik verlangen, sondern nach Härte.

Bittere Pointen

Debütant Meo Wulf verleiht seinem aufgeweckten Günther im weißen Smoking der Unschuld große Schüchternheit wie Verletzlichkeit. Verzweifelt wirft er sich seinem schwulen Cousin Martin in die Arme, der nach dem gewaltsamen Tod des Großvaters Haupteigentümer der Stahlwerke wird. Die Verantwortung lässt dem Schöngeist beinahe den Kopf zerplatzen. Und nun entbrennt ein Machtkampf, in dem Andrea Jonasson als mannstolle Mutter von Martin die Fäden zieht. Jeder ihrer Sätze ist eine bittere Pointe. Nach der Pause macht sich ihre Sophie über die Nazis lustig; Wolf, der Hauptsturmführer, kontert mit den Worten von Norbert Hofer, sie werde sich noch wundern, was alles möglich sein wird.

Unter die Räder kommen die angeblichen "Volksschädlinge": Die Nazis machen ordentlich "sauber" – im Sinne von Säuberung. Eine fulminante Ensembleleistung, herausragend – neben Jonasson und Wulf – Alexander Absenger als Martin. Und eine Warnung zur rechten Zeit. Höchste Empfehlung.