Kultur
28.11.2016

Eine Breitseite gegen den "Vranitzky-Boy" Drozda

Mit gehöriger Verspätung, aber neuem Schlaglicht: "Der Spiegel" widmet dem Burgtheaterskandal eine Cover-Geschichte von epischem Ausmaß.

Drei Jahre ist es her, dass Silvia Stantejsky, Stellvertreterin des damaligen Burgtheaterdirektors Matthias Hartmann, aufgrund "doloser Handlungen" entlassen wurde. Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft – und man weiß eigentlich nicht, warum sie zu keinem Ende finden will. Neue Fakten sind seit dem Geständnis von Stantejsky keine mehr aufgetaucht. Aber nun, aus heiterem Himmel, widmet das deutsche Magazin Der Spiegel dem Burgtheaterskandal einen Cover (zumindest für die Österreich-Ausgabe).

Lothar Gorris erzählt die Geschichte episch nach. Und er übernimmt zum Teil stark die Argumentationslinie von Hartmann – zum Beispiel in der Kritik an Nachfolgerin Karin Bergmann, die eingestanden hatte, sie habe früher keine Bilanzen lesen können. Möglicherweise hat sich Gorris die Welt ausführlich von Hartmann erklären lassen. Bei mehreren Gläsern Rotwein. Dennoch sieht er den Regisseur, der jede Mitschuld leugnet, kritisch: Er bezeichnet ihn als "Schwadroneur" und "Menschenfänger".

Auch die anderen beiden Beschuldigten, eben Stantejsky und Georg Springer, der ehemalige Chef der Bundestheater-Holding, kommen nicht gut weg. "Wie in einem bizarren Wettbewerb begannen unsere drei traurigen Helden, sich jeweils als einziges unschuldiges Opfer darzustellen. (…) Und auf eines können sie sich auf jeden Fall einigen: Die Bösen sitzen in der Politik."

Neue Fakten kann Gorris keine bringen. Überraschend aber sind die Einbettung in den gegenwärtigen Wahlkampf und der Verweis auf die FPÖ als stärkste Kraft in allen Umfragen: "Das Burgtheater betrog die Gesellschaft, die es finanzierte. Fast so, als hätten die politischen und kulturellen Eliten den Populisten noch ein paar Argumente liefern wollen, dass ihnen nicht zu trauen ist."

Gorris macht die SPÖ dafür verantwortlich. Denn die Ausgliederung der Bundestheater wurde einst im Kabinett von Franz Vranitzky ersonnen, der laut Gorris "eine ziemlich wilde Truppe um sich versammelt hatte". Christian Kern, der neue Kanzler, gehörte dazu – und auch Thomas Drozda, der nach der Ausgliederung Geschäftsführer der Burg werden durfte. Dass der eine Vranitzky-Boy den anderen zum Minister gemacht hat: "Das weckt Zweifel, ob aus dem alten Österreich ein neues entstehen kann. Netzwerke sind manchmal mächtiger als die Vernunft." Drozda sei "eine Figur wie der Dorfrichter Adam" in Kleists "Der zerbrochne Krug": "muss über eine Tat richten, für die er selbst mitverantwortlich ist".

Und mitverantwortlich sei Drozda nicht nur für die "fehlkonstruierte Ausgliederung". Denn Stantejsky gab zu Protokoll, ein System übernommen zu haben, das bereits unter Drozda üblich gewesen sei. "Auch wurden während seiner Zeit als Geschäftsführer (...) Gagen an Künstler bar ausbezahlt. Wurden in den Jahren 2004 bis 2008 mehr als zwei Millionen Euro Abzugssteuer nicht bezahlt, was Drozda mit seiner Selbstanzeige bestätigt hat. Wurden Kosten von Produktionen abgeschrieben und aktiviert, für die es keine einwandfreien Belege gab."

Drozda hätte schon längst seine eigene Rolle im Burgtheaterskandal klären lassen und den Rechnungshof beauftragen können. Vielleicht gibt er nun seine Blockade-Taktik auf? Hoffen wir es.