Kultur
27.08.2017

Jelinek-Uraufführung: Ein strahlendes Spektakel

Nicolas Stemann inszenierte bei der Ruhrtriennale "Kein Licht. (2011/2012/2017)" von Elfriede Jelinek.

Nicolas Stemann kann man durchaus als Spezialisten für Elfriede Jelinek bezeichnen. Elf Stücke hat er bereits inszeniert, darunter "Rein Gold", "Die Schutzbefohlenen" und zuletzt in München "Wut". Für ein gemeinsames Musiktheaterprojekt mit dem französischen Komponisten Philippe Manoury suchte er nach einem Text, dessen er sich noch nicht angenommen hatte – und stieß auf "Kein Licht."

Die Reflexionen über Atom, Energie und Natur, 2011 nach dem Reaktorunfall in Fukushima samt Erdbeben und Tsunami entstanden, strotzen nur so von Metaphern auf Musik: A und B, die zumeist nicht wirklich einen Dialog führen, sondern Gedanken über die Katastrophe eher aneinanderreihen, bezeichnen sich als "erste" und "zweite Geige". Wo und wie sie agieren, bleibt offen; sie könnten auch Kassandra-Rufer sein, die man nicht hören will oder kann. Das Stück endet jedenfalls mit der Prophezeiung: "Wir werden nur noch strahlen!"

Und Jelinek, die Sprachspielerin, kann auch in diesem Fall nicht anders, als mit bitterbösem Humor, mit zynischen Anmerkungen zu "reagieren". Da sagt A: "Du solltest erhöhten Eifer zeigen, erhöhtes Strahlen, ja, du solltest an deiner Ausstrahlung arbeiten! Es lohnt sich!"

Im Jahr darauf ergänzte die Autorin das Stück zum Triptychon: um einen Prolog – und den Monolog einer Trauernden. Auf Bitten von Stemann hin schrieb sie nun, im März, noch einen "Teil". Er dreht sich um die Ansichten des neuen US-Präsidenten, der den "Nukes" (Atomwaffen) vertraut, den Klimawandel leugnet und den Kohleabbau fördert.

Am Freitag wurde "Kein Licht. (2011/2012/2017)" bei der Ruhrtriennale zur Uraufführung gebracht – als "Singspiel" beziehungsweise "Thinkspiel". Einen sinnfälligeren Ort als die ehemalige Dampfgebläsehalle des stillgelegten Hüttenwerks in Meiderich, in den 1990er-Jahren zum Landschaftspark Duisburg-Nord umgestaltet, hätte man kaum finden können: Die rostroten Ruinen aus Hochöfen und Rohren umfassen auch eine "Kraftzentrale" und das "Kühlbecken".

Wobei: Die Backsteinhalle selbst bietet fast keine Möglichkeiten für spektakuläres Theater. Dazu fehlt es an Bühnentechnik. Der Beginn wirkte daher auch wie eine konzertante, bestenfalls halbszenische Aufführung. Ganz hinten nahm das Orchester "United Instruments of Lucilin" quer zum Saal Platz und ein Vokalquartett des Zagreber Nationaltheaters Aufstellung; Dirigent Julien Leroy verneigte sich, die sechs Solisten und Schauspieler, alle in gleichen, schwarzglitzernden Abendkleidern von Marysol del Castillo, setzten sich auf die in einer Reihe angeordneten Sessel. Seriös.

Doch zuvor schon hatte Cheeky, ein Foxterrier, ganz allein (auf Handzeichen seiner Trainerin) die Ouvertüre bestritten – mit Jaulen. Elektronisch verzerrt und überlagert hallte das Wimmern und Bellen zurück, Philippe Ranallo stimmte mit der Trompete in das Konzert ein.

Dieser Auftakt machte die Arbeitsweise von Manoury augenscheinlich, der in der Tradition eines Pierre Boulez steht: Er verbindet akustische mit elektronischer, zum Teil vorproduzierter Musik; "Arien", wenn man so will, Geräusche, Tonfolgen, blubbernde Soundflächen überlagern sich vielfach und -schichtig.

Schalk im Nacken

Trotz etlicher Vokal-Parts steht das Schauspiel im Vordergrund: Burgtheater-Ensemblemitglied Caroline Peter und Niels Bormann treten mit Notenständern an die Rampe, um die Textpassagen zu rezitieren. Doch sie entwickeln schon bald Eigenleben: Bormann agiert zaudernd, fast verschreckt. Und Peters spielt eindeutig die erste Geige, sie dreht auf, fällt in den Plauderton, kommentiert schnoddrig, ist fassungslos, wendet sich ans Publikum, hat den Schalk im Nacken. Aber der überschäumende Stemann: Wo ist er?

Erst mit der Zeit – und zunächst fast unmerklich – gewinnt die Inszenierung analog zu den Videoprojektionen an Kraft und Wucht: Anfangs sah man nur ruhige Wasseroberflächen in Zeitlupe und Schwarz-weiß, nun werden die Bilder – zum Beispiel von Verwüstungen – immer größer und bewegter.

Zudem betet Stemann nicht nur nach, er gibt auch Kontra, bringt eigene Gedanken ein. Nach Teil eins (2011) tritt Manoury mit Mikrofon zur Bühne, um auf Widersprüche hinzuweisen. Kanzlerin Angela Merkel verkündete zwar nach Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie – was aber zur Folge hätte, dass Deutschland nun doppelt so viel CO2 produziere wie Frankreich. In Stemanns Logik heißt das: "Wir nehmen euren Atomstrom – und geben euch Thomas Ostermeier!" Also einen Konkurrenten des Regisseurs.

Höchstens 140 Zeichen

Stemann ist im Dilemma: Einerseits übt er Kritik an den Betreibern des Atomkraftwerks, die alles verniedlichen (Peters und Bormann tragen witzige Atomi-Kostüme), andererseits hält er auch nichts davon, der Technik abzuschwören und in die Steinzeit zurückzukehren: Theater braucht eben Strom!

Auf der Bühne hatten sich schon von Beginn an transparente Container mit giftiggrüner Flüssigkeit befunden; und Arbeiter hantierten in Schutzanzügen. Nun aber explodiert die Szenerie: Wasserfluten ergießen sich, leuchtende Bälle fliegen her-um, die Videos (von Claudia Lehmann) sind knallig, die Projektionen bereits so riesig, dass sie sich überlagern. Und die Akteure machen im Tohuwabohu eifrig Selfies. Aber dann: "Der Akku ist alle."

Kerzen werden angezündet – für das Trump-Oratorium. "Der König weiß nicht, was Sache ist, aber sie ist groß, wunderbar und einzigartig, diese Sache." Für ein Urteil ist es wohl noch zu früh: Jelinek macht sich nur ein paar ungeordnete Gedanken über den Mann im "Wolkenkratzerkuckucksheim", sie verknüpft "Missen" mit den "Missiles" – und gelangt angesichts Trumps Twitterei zur sarkastischen Anmerkung: "Höchstens 140 Zeichen, mehr braucht es nicht."

Ein wirklicher "Teil" ist der neue Text, wiewohl als solcher eingeläutet, nicht. Stemann integriert ihn daher auch. Denn der Abend klingt nach 140 Minuten aus wie der Epilog aus 2012 – mit einer Reverenz an Ludwig Wittgenstein: "Dieses Stück ist hiermit beendet. Endlich ganz beendet. Denn schlimmer als etwas, das schlimmer ist als schlimm, das geht nicht. Das kann man nicht sprechen." Ein Trickfilm mit Peters Mondfahrt beendet das Spektakel. Der Beifall war groß. Dann tritt man ins Freie, in diese Industrielandschaft. Die Ruinen sind bunt angestrahlt, die Schlote mit Neonringen bekrönt.

Und mittendrin macht eine Gruppe eine geführte Expedition. Mit Fackeln in den Händen. Tatsache. Aber wie von Stemann inszeniert.