Ein Regiegott spielt Beckett in St. Pölten

weiss geschminkter mann mit tonbandgerät
Foto: © Lucie Jansch Inspiriert von Buster Keaton und Charlie Chaplin: Regie-Exzentriker Robert Wilson wählte die Stummfilmstars als Vorbilder für Becketts Krapp

Perfekte Selbstinszenierung: Robert Wilson zeigte am Landestheater St. Pölten Becketts "Krapp's Last Tape".

Es begann mit einem Donnerschlag. Wie anders auch sollte ein Regiegott in die Theaterwelt kommen. Robert Wilson, der Exzentriker unter den Experimentaltheatermachern, hat sich selbst inszeniert. Zwölf Jahre nach seinem berühmten Hamlet-Monolog steht der Texaner wieder als Schauspieler auf der Bühne.

Im Landestheater Niederösterreich zeigte er Samuel Becketts "Krapp’s Last Tape". Die Geschichte eines alten Mannes, der sich wie immer zum Geburtstag bereit macht, ein Tonband zu besprechen, um das vergangene Jahr zu dokumentieren, dabei aber eines aus seiner Jugend findet – und sich mit einer, mit der verlorenen Liebe seines Lebens konfrontiert sieht.

Krähen und Grunzen

Krapp ist die Quintessenz der bisherigen Arbeiten des 70-jährigen Wilson. Surreal, maniriert, bizarr, burlesk. Sehr speziell und gleichzeitig universell. Das Licht- und Sounddesign – etwa ein immer extremer prasselnder Regen, den der Theatermagier natürlich per Fingerschnippen stoppen kann – sind ein Fest für die Augen und ein Ohrenschmerz.

Auf schwarzer Bühne steht Wilson. Er leuchtet aus dem Dunkeln. Mit fahl geschminktem Gesicht. Ein Weißclown. Einer, der sich die Tragikomik seiner Stummfilmheroen zu eigen gemacht hat. Perfekt in Mimik und Gestik, ein Pantomime. Der tänzelt und torkelt, die Bewegungen teilweise wie in Zeitlupe in Einzelbilder zerlegt. Der Meister der Reduktion hat sich wie stets jede Regung, jede Erregung wohl überlegt.

Wie er kräht, kläfft, greint, grummelt, grunzt, wenn er in Dialog mit dem Tonband tritt. Um seinem jungen, ihm jetzt so fremden Ich Paroli zu bieten. Vergeblich. Krapp hat sein Dasein verspielt. Wilson spielt das, als ging’s um seins.

KURIER-Wertung: **** von *****

Robert Wilson im Interview

KURIER: Mr. Wilson, man vergleicht Sie des Öfteren mit Beckett. Sie beide werden "Meister der Reduktion" genannt. Was interessiert Sie an seinem Werk?

Robert Wilson: Die Gegensätze – einerseits seine Ironie, sein Humor, andererseits die Distanz und Förmlichkeit, mit der er schreibt.

Warum haben Sie gerade Krapp für Ihre Rückkehr als Schauspieler ausgesucht?
Er schien mir die passende Figur dafür. Diese Arbeit ist eine sehr persönliche – ich bin ja nun auch schon ein alter Knacker von 70 (er lacht) . Und ich verwende darin all die Theatertechniken, die ich in 45 Jahren als Regisseur entwickelt habe. Ich habe ja niemals studiert, bei mir ist alles "learning by doing". Als Schauspieler ist die Herausforderung, die meiste Zeit über in Stille zu performen, denn Krapp spricht kaum.

Ist Krapp ein Weißclown?
In gewisser Weise. Ich habe mich von Stummfilmstars wie Buster Keaton und Charlie Chaplin inspirieren lassen. Das waren auch Schauspieler, die Beckett sehr bewunderte.

Sie sagen, die Aufgabe des Künstlers sei nicht Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Was fragen Sie das Publikum zu Krapp?
Sie haben recht, wenn ich Theater mache, interpretiere ich nicht. Mein Theater fragt "Was ist das?", statt zu sagen: "Das ist es". Wenn wir wissen, was es ist, brauchen wir’s auf der Bühne nicht mehr zeigen. Meine Aufgabe ist zeigen, interpretieren soll das Publikum.

"Krapp’s Last Tape" ist, wie Becketts Werk eben so ist, ein apokalyptisches Stück. Es gibt eine Weltuntergangsprophezeiung für Ende 2012 ...
Ich hatte ein gutes Leben und wäre bereit, zu gehen. Daheim in Texas sagen wir: "I’m ready to kick the bucket!" (Ich bin bereit, ins Gras zu beißen!)

(kurier) Erstellt am
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